Die Studentenbewegung und die Wiederentdeckung der Theorie

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Hunger nach Theorie

Die Studentenbewegung ist keine homogene Bewegung, sondern eine Konstellation sehr verschiedener Gruppen: Bürgerrechtsbewegung und Black Power in den USA, Situationisten und Maoisten in Frankreich, SDS und Kommunarden in Deutschland, Provo in den Niederlanden. Aber ein Zug verbindet sie: der Hunger nach Theorie.[1]

Das ist paradox. Die 1950er Jahre waren theoriefeindlich - Pragmatismus im Westen, Dogmatismus im Osten, Praxis in der Dritten Welt. Theorie galt als “Elfenbeinturm”, als weltfremd, als reaktionär. Aber 1968 kehrt sich das um: Ohne Theorie keine Revolution. Die Bewegung verschlingt Bücher - Marx’ “Kapital”, Lukács’ “Geschichte und Klassenbewusstsein”, Marcuses “Eindimensionaler Mensch”, Fanons “Verdammte dieser Erde”, Debords “Gesellschaft des Spektakels”.[2]

Die Universitätskrise als struktureller Hintergrund

Die Studentenrevolte hat materielle Ursachen: Die Universitäten sind überfüllt. Die Bildungsexpansion der 1950er/60er Jahre hat die Studierendenzahlen vervielfacht, aber die Strukturen sind dieselben geblieben - autoritäre Professoren, Frontalunterricht, keine Mitbestimmung. Die Universitäten sind Fabriken geworden, die akademische Arbeitskräfte produzieren, keine Orte kritischen Denkens.[3]

Das strukturelle Problem: Die Universitäten sollen zwei Funktionen erfüllen - einerseits kritische Reflexion (Humboldts Ideal der Bildung), andererseits Ausbildung für den Arbeitsmarkt. Diese Funktionen geraten in Widerspruch. Die Studenten wollen Bildung, der Staat will Arbeitskräfte. Die Revolte richtet sich gegen diese Instrumentalisierung - Universitäten sollen keine Dienstleister für die Industrie sein, sondern Orte der Kritik.

Die Hegel-Verbindung: Die Studenten fordern unbewusst, was Hegel Bildung nannte - nicht Ausbildung (Anpassung an Bestehendes), sondern Entfremdung als Weg zur Selbständigkeit. Bildung heißt bei Hegel: sich vom Unmittelbaren entfernen, durch das Andere hindurchgehen, und dadurch zum selbstbewussten Subjekt werden. Die Universitätskrise zeigt: Das System produziert keine Bildung mehr, nur noch Qualifikation.

Die Frankfurter Schule als Brücke zu Hegel

In Deutschland führt dieser Theoriehunger zu einer Renaissance der Frankfurter Schule - und damit zu Hegel. Die Verbindung ist nicht direkt (die Studenten lesen nicht Hegels “Logik”), sondern vermittelt: Sie lesen Adorno, Horkheimer, Marcuse - und die lesen Hegel.

Adornos Position: Ambivalent. Einerseits kritisiert er Hegel (Identitätsdenken, Systemzwang, Affirmation). Andererseits verwendet er Hegels Methode (Dialektik, immanente Kritik, Negation). Die Studenten im Frankfurter Audimax (Vorlesung “Einführung in die Dialektik”, 1958/59, publiziert erst 2010) hören: Hegel ist kritisch, wenn man ihn gegen sich selbst liest.[4]

Marcuses Position: Affirmativer. “Vernunft und Revolution” (1941, deutsche Übersetzung 1962) rehabilitiert Hegel als Denker der Negativität. Hegel zeigt, dass die bestehende Ordnung nicht vernünftig ist, solange sie Unfreiheit enthält. Das ist keine konservative Affirmation, sondern revolutionäre Kritik: Was ist, ist nicht vernünftig - also muss es verändert werden.[5]

Die Konsequenz: Hegel wird umfunktioniert. Nicht mehr der Denker der Versöhnung (wie Ritter), sondern der Denker der permanenten Kritik. Nicht das “absolute Wissen” (Abschluss), sondern die bestimmte Negation (Weitertreiben). Hegel wird zum Theoretiker der Revolution - gegen seine eigenen konservativen Implikationen.

Das Scheitern der Vermittlung - Adorno und die Studenten

Aber diese Hegel-Aneignung scheitert praktisch. Im Januar 1969 besetzen Studenten Adornos Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Adorno ruft die Polizei. Die Szene ist symbolisch: Theorie und Praxis fallen auseinander. Adorno, der die Dialektik lehrte, kann sie nicht leben. Die Studenten, die Revolution wollen, verlieren die Geduld mit der Theorie.[6]

Adorno stirbt im August 1969 - erschöpft, enttäuscht. Sein letztes Werk, die “Negative Dialektik” (1966), zeigt das Dilemma: Wie kann man dialektisch denken, ohne zur Synthese zu kommen? Wie kann man kritisieren, ohne zu affirmen? Adornos Antwort: Nicht-Identität bewahren, Widersprüche aushalten, Versöhnung verweigern.[7]

Die systematische Frage: Ist das noch Hegel - oder schon seine Auflösung? Adorno behauptet: Das ist Hegel, gegen Hegel gelesen. Aber die Postmoderne wird sagen: Das ist bereits Post-Hegel - eine Dialektik, die ihre eigenen Prinzipien aufgibt.


  1. Zur Geschichte der Studentenbewegung siehe Gerd-Rainer Horn: The Spirit of '68 (2007); Martin Klimke & Joachim Scharloth (Hg.): 1968 in Europe: A History of Protest and Activism (2008). ↩︎

  2. Zu den gelesenen Texten siehe Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur (2000). ↩︎

  3. Zur Universitätskrise siehe Jürgen Habermas: “Die Scheinrevolution und ihre Kinder” (1968) in: ders.: Protestbewegung und Hochschulreform (1969). ↩︎

  4. Theodor W. Adorno: Einführung in die Dialektik (Vorlesung 1958/59, publiziert 2010). ↩︎

  5. Herbert Marcuse: Vernunft und Revolution (1941, deutsch 1962). ↩︎

  6. Zur Institutsbesetzung siehe Wolfgang Kraushaar: “Die Protestchronik 1949-1959” in: ders. (Hg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung (1998). ↩︎

  7. Theodor W. Adorno: Negative Dialektik (1966). ↩︎