Charles Sanders Peirce (1839-1914): Der systematischste Pragmatist
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Leben und Werk
Charles Sanders Peirce gilt als Begründer des amerikanischen Pragmatismus und als einer der originellsten Denker der modernen Philosophie. Sein Vater Benjamin Peirce war der führende amerikanische Mathematiker seiner Zeit, was Peirces lebenslanges Interesse an Mathematik und Logik prägte. Peirce arbeitete 32 Jahre für den U.S. Coast and Geodetic Survey, während er nebenher ein gewaltiges philosophisches Werk schuf, das zu Lebzeiten weitgehend unveröffentlicht blieb.
Peirces Kategorien und Hegel
Peirces Kategorienlehre - Firstness (Erstheit/Qualität), Secondness (Zweitheit/Reaktion), Thirdness (Drittheit/Vermittlung) - entstand nach, wie er selbst sagte, “gründlichem Studium” von Aristoteles, Kant und Hegel. Die Ähnlichkeit zu Hegels triadischer Struktur (Unmittelbarkeit - Vermittlung - vermittelte Unmittelbarkeit) ist unübersehbar.
Peirce kritisierte Hegel für die “Vernachlässigung der Secondness” - der rohen Faktizität, des Widerstands, des Zufalls. Die Hegelsche Dialektik, so Peirce, tendiere dazu, alles in logische Vermittlung aufzulösen und das irreduzibel Kontingente zu übersehen.
Aber er erkannte Hegels Bedeutung. Über die Wesenslogik schrieb er, sie sei ein Versuch, den “experimentellen und turbulenten Charakter der Erfahrung” zu erfassen. Er sah das “Universum der Erscheinungen als logischen Prozess, ähnlich wie Hegel es als Phänomenologie des Geistes verstand.”[1]
Die pragmatische Maxime und Hegels Wesen
Peirces berühmte pragmatische Maxime lautet: “Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist der Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstands.”
Das klingt zunächst anti-hegelianisch, weil es Bedeutung auf praktische Konsequenzen reduziert. Aber bei näherer Betrachtung konvergiert es mit Hegels Einsicht, dass das Wesen erscheinen muss. Ein Begriff, der keine Konsequenzen hätte, wäre von einem bloß ausgedachten nicht zu unterscheiden - er hätte kein “Wesen”. Peirces Pragmatismus und Hegels Wesenslogik teilen die Ablehnung eines verborgenen “Dings an sich”.
Semiotik und Zeichentheorie
Peirces Semiotik - seine Theorie der Zeichen - ist vielleicht sein dauerhaftester Beitrag. Das Zeichen ist für Peirce eine irreduzibel triadische Relation: Ein Zeichen (Repräsentamen) steht für ein Objekt gegenüber einem Interpretanten. Diese Triade kann nicht auf dyadische Relationen reduziert werden.
Hier wäre ein Vergleich mit Hegels Zeichentheorie fruchtbar. Im Kapitel über den theoretischen Geist in der Enzyklopädie (§§ 451-464) entwickelt Hegel eine Theorie des Zeichens als Teil der Vorstellungstätigkeit. Für Hegel ist das Zeichen eine “unmittelbare Anschauung”, die einen “ganz anderen Inhalt” repräsentiert als den, den sie für sich selbst hat. Die Pyramide als Zeichen für den Verstorbenen - die sichtbare Form verweist auf den unsichtbaren Sinn.
Beide Theorien teilen: (1) die Ablehnung einer bloß dyadischen Repräsentationstheorie (Zeichen-Bezeichnetes), (2) die Betonung der Vermittlung durch einen “dritten” (bei Peirce: Interpretant; bei Hegel: der bedeutungsverleihende Geist), (3) die prozessuale Natur der Bedeutung.
Wahrheitstheorie und Konsens
Peirces Wahrheitstheorie ist bemerkenswert: Wahrheit ist das, worauf die Gemeinschaft der Forschenden langfristig konvergieren würde. Diese konsensuelle Dimension der Wahrheit antizipiert Habermas’ Diskurstheorie - aber sie ist mit Hegel vereinbar.
Im Wahrheitstext dieses Projekts wird gezeigt, dass die klassischen Wahrheitstheorien - Korrespondenz, Kohärenz, Konsens, Pragmatismus - keine Alternativen sind, sondern komplementäre Aspekte eines komplexen Vollzugs.[2] Die performative Wahrheitstheorie integriert sie alle: Wir brauchen Evidenz (Korrespondenz), systematische Kohärenz (Hegel), kommunikative Verständigung (Konsens) und praktische Bewährung (Pragmatismus).
Peirces Wahrheitstheorie erfasst den pragmatischen und kommunikativen Aspekt - aber sie schließt die anderen nicht aus. Sie ist mit Hegel kompatibel, wenn man sieht: Die “Gemeinschaft der Forschenden” ist objektiver Geist in actu.