George Herbert Mead (1863-1931): Hegel in der Sozialpsychologie

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Leben und intellektueller Kontext

George Herbert Mead ist der hegelianischste der amerikanischen Pragmatisten. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy notiert: “Meads früher Hegelianismus wurde treffend bemerkt… andere empfehlen, Meads reifes Werk im Lichte Hegels zu lesen.”[1]

Mead studierte in Deutschland bei Wilhelm Wundt - ein Knotenpunkt der Philosophieentwicklung des 19. Jahrhunderts. Wundt, der Begründer der experimentellen Psychologie, war auch Autor einer monumentalen “Völkerpsychologie” (10 Bände, 1900-1920), die Hegels objektiven und absoluten Geist unter dem Namen “Volksgeist” weiterführte. Über diesen Umweg kam Hegelianisches Denken in Meads Sozialpsychologie.

1894 wurde Mead von John Dewey an die University of Chicago geholt, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Seine Vorlesungen wurden posthum als “Mind, Self, and Society” (1934) veröffentlicht - das Grundwerk des symbolischen Interaktionismus.

Die soziale Entstehung des Selbst

Meads zentrale These: Das Selbst entsteht nicht durch Introspektion, sondern durch Interaktion. Wir werden zu Selbsten, indem wir “die Rolle des anderen übernehmen” (taking the role of the other) - erst konkret (das Kind spielt Mutter), dann verallgemeinert (das Kind internalisiert die Perspektive der Gemeinschaft).

Das ist Hegels Herr-Knecht-Dialektik in sozialpsychologischer Form. Selbstbewusstsein entsteht nicht unmittelbar, sondern vermittelt durch Anerkennung. Das Bewusstsein meiner selbst setzt das Bewusstsein eines anderen voraus, der mich als Selbst anerkennt - und den ich als solchen anerkenne.

“I” und “Me”: Hegels Dialektik im Individuum

Meads Unterscheidung von “I” und “Me” ist eine sozialpsychologische Reformulierung der Hegelschen Dialektik von Subjekt und Substanz:

  • Das “Me” ist die internalisierte Perspektive der anderen - die sozialen Erwartungen, Normen, Rollen, die ich übernommen habe. Es entspricht Hegels “Substanz” - dem, was das Individuum als objektiven Geist in sich trägt.

  • Das “I” ist die spontane, kreative Antwort auf die Situation - das Unvorhersehbare, das nie ganz in den Erwartungen aufgeht. Es entspricht Hegels “Subjekt” - dem, was über die gegebene Substanz hinausgeht.

Die Einheit von “I” und “Me” ist das konkrete Selbst - wie bei Hegel die Einheit von Subjekt und Substanz.

Ein Kommentator formuliert: “Die dialektische Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum vollzieht sich auf intrapsychischer Ebene in der Polarität von ‘me’ und ‘I’.”[2]

Der “verallgemeinerte Andere” als objektiver Geist

Meads Begriff des “generalized other” (verallgemeinerter Anderer) ist die Perspektive der Gemeinschaft als ganzer - die internalisierten Normen, Erwartungen, Bedeutungen, die nicht von einer konkreten Person, sondern von der Gesellschaft insgesamt getragen werden.

Das ist Hegels objektiver Geist in sozialpsychologischer Terminologie. Die Sprache, die wir sprechen, die Regeln, die wir befolgen, die Bedeutungen, die wir teilen - all das ist nicht individuell erfunden, sondern überindividuell gegeben und doch nur im individuellen Vollzug wirklich.

Die Entwicklung vom “play” (Spiel mit einzelnen Rollen) zum “game” (Spiel mit koordinierten Regeln) ist die Entwicklung vom konkreten anderen zum verallgemeinerten anderen - vom subjektiven zum objektiven Geist.


  1. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Artikel “George Herbert Mead”. ↩︎

  2. Vgl. die Sekundärliteratur zu Mead und Hegel. ↩︎