Losurdos These - Faschismus als "Kolonialismus nach innen"
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Domenico Losurdo (1941-2018) entwickelte eine provokante These: Der Nationalsozialismus sei nicht die Anomalie der westlichen Zivilisation, sondern deren Fortsetzung. Die Vernichtungspolitik gegenüber Juden, Sinti und Roma, Slawen und anderen als „minderwertig“ klassifizierten Menschen sei keine beispiellose Barbarei, sondern die Anwendung kolonialer Praktiken innerhalb Europas.[1]
Die Kontinuität kolonialer Gewalt
Losurdos Argument entfaltet sich in drei Schritten:
Der koloniale Genozid als Vorgeschichte. Die europäischen Kolonialmächte hatten über Jahrhunderte indigene Völker systematisch vernichtet. Die spanische Conquista in Lateinamerika (16. Jahrhundert), der Völkermord an den indigenen Völkern Nordamerikas durch die USA (19. Jahrhundert), die Vernichtungskriege in Afrika (Deutschland in Namibia 1904-1908, Belgien im Kongo), die rassistische Segregation in den USA (Sklaverei, Jim-Crow-Gesetze, Lynchjustiz) - all dies war vor dem Nationalsozialismus, innerhalb der westlichen Zivilisation, legitimiert durch dieselbe Zivilisation.
Die ideologische Rechtfertigung war strukturell identisch. Alle diese Genozide wurden mit derselben Logik legitimiert: Die „Wilden“ seien keine vollwertigen Menschen. Die „zivilisierte“ Rasse habe das Recht und die Pflicht zur Unterwerfung oder Vernichtung. Die Elimination sei biologische Notwendigkeit oder historische Mission. Der NS erfand diese Logik nicht - er erbte sie.
Die Faszination der Täter. Hitler und andere NS-Ideologen bewunderten explizit die koloniale Gewalt. Hitler lobte das britische Empire für seine Fähigkeit, ein Weltreich zu errichten und zu halten. Die amerikanische „Indianer-Politik“ diente als Vorbild: „Was die Amerikaner mit den Indianern gemacht haben, müssen wir mit den Slawen machen.“ Die Segregationspolitik der USA inspirierte die Nürnberger Gesetze - NS-Juristen studierten die amerikanischen Rassengesetze und fanden sie teilweise zu radikal für deutsche Verhältnisse.[2]
Das Unerhörte: Die Anwendung innerhalb Europas
Was war dann das Neue am Nationalsozialismus? Nicht die Gewalt selbst, nicht die Vernichtungslogik, nicht die rassistische Legitimation - sondern ihre Verortung. Bisher hatten die europäischen Mächte koloniale Gewalt außerhalb Europas ausgeübt - gegen „Wilde“, „Primitive“, „Farbige“ in fernen Kontinenten. Der NS übertrug diese Logik nach Europa selbst - gegen Juden, Slawen, Sinti und Roma.
Losurdos provokante Pointe: Das Entsetzen über den Holocaust war teilweise ein Entsetzen darüber, dass Europäer wie Kolonisierte behandelt wurden. Die Gewalt war nicht neu - aber ihre Opfer waren „zu nah“, „zu weiß“, „zu zivilisiert“. Die moralische Empörung, die nach 1945 einsetzte, war berechtigt - aber sie war auch selektiv. Dieselben Praktiken gegen „Eingeborene“ in Afrika oder Asien hatten nie dieselbe Empörung ausgelöst.
Die systematischen Implikationen
Diese These ist provokant - und systematisch wichtig. Sie zeigt mehrere Dinge:
Die Universalität der moralischen Standards. Es gibt keine „legitime“ Gewalt gegen „Wilde“ und „illegitime“ Gewalt gegen „Zivilisierte“. Jede systematische Vernichtung ist gleichermaßen verwerflich - unabhängig davon, ob sie in Auschwitz oder im Kongo, in Treblinka oder in Wounded Knee stattfindet. Das Entsetzen über den Holocaust darf nicht selektiv bleiben.
Die Kontinuität der Verbrechen. Der NS war nicht der Bruch mit der westlichen Zivilisation, sondern deren dunkelste Konsequenz. Die Aufklärung hatte Menschenrechte proklamiert - aber sie nur für „zivilisierte“ (weiße, christliche, europäische) Menschen gelten lassen. Der NS zeigte, wohin diese Partikularisierung führt, wenn sie konsequent zu Ende gedacht wird.
Die Notwendigkeit der Selbstkritik. Der Westen kann den NS nicht als „den Anderen“ externalisieren, als fremd, als Einbruch der Barbarei in eine ansonsten zivilisierte Geschichte. Er muss die eigene Geschichte kolonialer Gewalt aufarbeiten - und die Kontinuitäten erkennen. Ohne diese Selbstkritik bleibt die „Vergangenheitsbewältigung“ unvollständig.
Integration in die systematische Analyse
Losurdos These fügt unserer Analyse eine wichtige Dimension hinzu:
Die Gegenaufklärung war nicht nur eine innereuropäische Debatte zwischen Rationalisten und Irrationalisten. Sie hatte eine koloniale Dimension. Die „Wilden“ in den Kolonien wurden als Beweis dafür gedeutet, dass nicht alle Menschen vernunftfähig sind, dass die Menschheit in „Rassen“ unterschiedlicher Wertigkeit zerfällt. Der biologische Rassismus war die Kehrseite des aufklärerischen Universalismus - seine dunkle Unterseite, die den proklamierten Universalismus partikularisierte.
Der Faschismus griff diese koloniale Logik auf - aber er universalisierte sie in einem neuen Sinne. Nicht nur „Wilde“ in fernen Ländern, sondern auch Europäer konnten als „minderwertig“ klassifiziert werden. Die Grenze verlief nicht mehr zwischen Europa und den Kolonien, sondern innerhalb Europas - zwischen „Ariern“ und „Untermenschen“. Der NS wandte die koloniale Gewalt gegen Europa selbst.
Die systematische Lehre: Eine Philosophie der Anerkennung muss universal sein. Es gibt keine „minderwertigen“ Rassen, Völker, Kulturen - nicht in Afrika, nicht in Asien, nicht in Europa, nirgendwo. Die Anerkennung gilt jedem Menschen als Menschen - oder sie gilt nicht. Jede Partikularisierung der Anerkennung - „nur für Zivilisierte“, „nur für Europäer“, „nur für Weiße“, „nur für Christen“ - öffnet die Tür zur Barbarei. Der Holocaust war das Ende dieser Logik - aber nicht ihr Anfang.
Kritische Würdigung
Losurdos These hat Grenzen. Sie kann den Eindruck erwecken, der Holocaust sei „nichts Besonderes“ gewesen - nur eine Variante unter vielen Genoziden. Das wäre eine Verharmlosung. Die industrielle Dimension der Vernichtung, die bürokratische Perfektion, die ideologische Elaboriertheit des NS waren durchaus einzigartig. Der Holocaust war nicht „wie“ andere Genozide - er hatte spezifische Eigenschaften.
Aber Losurdos Punkt bleibt gültig: Diese Einzigartigkeit macht den Holocaust nicht inkommensurabel mit anderen Verbrechen. Er steht in einer Geschichte, er hat Vorläufer, er wurde ermöglicht durch eine Ideologie, die älter ist als der NS. Die Anerkennung der Einzigartigkeit darf nicht zur Immunisierung gegen Vergleiche werden - denn ohne Vergleiche gibt es kein Verständnis, und ohne Verständnis keine Prävention.
Domenico Losurdo: Controstoria del liberalismo, Rom: Laterza, 2005; dt. Liberalismus. Eine Gegengeschichte, Köln: PapyRossa, 2010. Siehe auch: ders.: Il linguaggio dell’Impero. Lessico dell’ideologia americana, Rom: Laterza, 2007. ↩︎
James Q. Whitman: Hitler’s American Model. The United States and the Making of Nazi Race Law, Princeton: Princeton University Press, 2017. Whitman zeigt detailliert, wie NS-Juristen die US-amerikanischen Rassengesetze studierten und adaptierten. ↩︎