Der Krieg als Ende einer Epoche
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Der Erste Weltkrieg (1914-1918) war nicht nur eine militärische und politische Katastrophe - er war eine Zäsur des europäischen Geistes. Die Philosophie, die vor 1914 in relativer Sicherheit ihre Systeme entwickelt hatte, sah sich nach 1918 einer zerbrochenen Welt gegenüber. Was zuvor als vernünftige Entwicklung, als Fortschritt der Kultur, als Verwirklichung der Freiheit erschienen war, hatte sich in industrialisierten Massenmord verwandelt.
Für die Hegel-Rezeption bedeutete dies einen doppelten Bruch. Erstens: Die Philosophie der Vernunft in der Geschichte wurde zum Gespött. Millionen Tote, zerstörte Zivilisation, zusammenbrechende Imperien - wo war hier die „List der Vernunft“? Zweitens: Hegel wurde politisch instrumentalisiert - als preußischer Staatsphilosoph, als Legitimator des Militarismus, als geistiger Wegbereiter des Krieges. Diese Zuschreibungen waren historisch falsch, aber wirkmächtig.
Die anglo-amerikanische Hegel-Herrschaft brach zusammen (siehe Kapitel 10.3). In Deutschland führte die Niederlage zu philosophischer Neuorientierung. In Frankreich und Russland entstanden aus dem Krieg neue Rezeptionsformen. Die internationale philosophische Gemeinschaft, die sich vor 1914 gebildet hatte, zerbrach - und musste nach 1918 mühsam neu aufgebaut werden.