Eduard von Hartmann: Das Unbewusste als vermeintliche Synthese
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Grundthese und der Syntheseversuch
Eduard von Hartmann (1842-1906) unternahm den bemerkenswerten Versuch, Schopenhauers Willen und Hegels Idee in einer neuen Synthese zu vereinen. Seine “Philosophie des Unbewussten” (1869) wurde zu einem der meistgelesenen philosophischen Werke des späten 19. Jahrhunderts - und doch ist sie heute weitgehend vergessen. Hartmanns Ausgangsfrage lautet: Wie können wir die offensichtliche Zweckmäßigkeit in der Natur erklären - Instinkte der Tiere, Heilungsprozesse des Körpers, künstlerische Genialität -, ohne auf einen bewussten Schöpfergott zurückzugreifen? Seine Antwort: Das Weltprinzip ist das Unbewusste - eine Einheit von Schopenhauerschem Willen als treibender Kraft und Hegelscher Idee als leitender Form.
“Das Unbewusste ist […] die Einheit von Wille und Vorstellung, aber nicht als bewusstes Wollen und bewusstes Vorstellen, sondern als unbewusster Wille und unbewusste Vorstellung.”[1] Das Unbewusste ist nicht irrational wie Schopenhauers Wille, aber auch nicht rein rational wie Hegels Idee. Es ist beides zugleich - und gerade deshalb wirksamer als beide je für sich wären. Hartmanns Kritik an Hegel lautet: Der Optimismus der Hegelschen Geschichtsphilosophie ist unhaltbar. Die Geschichte ist nicht die vernünftige Selbstverwirklichung des Geistes, sondern ein irrationaler Prozess mit rationalen Momenten. Das Leiden, das Böse, das Scheitern sind nicht dialektisch “aufhebbar” - sie sind reale Widerständigkeit gegen jeden Sinnversuch. “Die Welt ist das schlechteste aller denkbaren Welten, in der noch Leben möglich ist.”[2] Das ist nicht Pessimismus als Stimmung, sondern als metaphysische Diagnose.
Hartmanns Kritik an Schopenhauer lautet: Der blinde Wille allein kann die Ordnung der Natur nicht erklären. Wie könnte ein völlig irrationaler Trieb die zweckmäßigen Strukturen des Instinkts, die Gesetzmäßigkeiten der Natur, die Genialität der Kunst hervorbringen? Es muss ein ordnendes Prinzip im Willen selbst geben - die unbewusste Vorstellung, die unbewusste Idee.
Was Hegel bereits gesagt hatte: Die differenzierte Darstellung unbewusster Strukturen
Hartmanns “Unbewusstes” als Einheit von Wille und Idee klingt nach einer originellen Synthese zwischen Schopenhauer und Hegel. Aber wenn man Hegels Logik und Realphilosophie genau liest, zeigt sich: Diese Strukturen sind bei Hegel bereits entwickelt - und zwar weit differenzierter, als es der negative Begriff “unbewusst” erfassen kann. “Unbewusst” ist zu unbestimmt - es ist rein negativ. Es sagt nur, was etwas nicht ist, nämlich bewusst, aber nicht, was es ist. Hegel zeigt die verschiedenen Arten und Weisen, wie Strukturen wirken, ohne bewusst zu sein.
In der Wissenschaft der Logik entwickelt Hegel den Mechanismus als erste Form der Objektivität.[3] Die mechanische Wechselwirkung folgt Gesetzen, ohne diese Gesetze zu “kennen”. Zwei Körper stoßen zusammen nach Impulserhaltung - aber sie wissen nichts von diesem Gesetz. Das ist nicht einfach “unbewusst”, sondern eine spezifische Form gesetzmäßiger Strukturiertheit ohne jede Innerlichkeit. Die Mechanik ist reine Äußerlichkeit - Ursache und Wirkung sind einander äußerlich, die Objekte sind einander äußerlich.
Der chemische Prozess zeigt eine höhere Form: Die Elemente “suchen” einander, gehen Verbindungen ein, reagieren spezifisch.[4] Das ist mehr als mechanische Wechselwirkung - es ist Affinität, aber noch keine Subjektivität. Die Natrium-Ionen “streben” zum Chlor, bilden mit ihm eine Verbindung - aber nicht bewusst. Es ist eine Form von Innerlichkeit - die Elemente haben spezifische “Eigenschaften”, die bestimmen, mit wem sie reagieren -, aber noch keine Selbstbeziehung. Der zweckmäßige Prozess, den Hegel als Teleologie entwickelt, organisiert Mittel zum Zweck - aber der Zweck ist noch äußerlich gesetzt.[5] Das Werkzeug dient dem Menschen, kennt aber seinen Zweck nicht. Die Zweckmäßigkeit ist real - das Werkzeug ist so gemacht, dass es seinen Zweck erfüllt -, aber sie ist dem Werkzeug selbst äußerlich. Erst in der nächsten Stufe wird der Zweck innerlich.
Das Leben ist die erste Form innerer Zweckmäßigkeit.[6] Der Organismus organisiert sich selbst, erhält sich selbst, reproduziert sich selbst - ohne diesen Zweck zu kennen. Der Zweck - Selbsterhaltung - ist dem Organismus nicht äußerlich. Er ist dieser Zweck. Aber er weiß nichts davon. Das Leben ist “unbewusst”, aber nicht strukturlos - es ist die konkrete Einheit von Begriff, als innere Zweckmäßigkeit, und Objektivität, als reale Organisation. Der tierische Instinkt zeigt zweckmäßiges Handeln ohne Zweckbewusstsein. In der Enzyklopädie schreibt Hegel: “Der Instinkt ist vernünftig, aber nicht als Vernunft gewusst.”[7] Das Tier baut ein Nest, ohne Architektur zu kennen. Die Spinne webt ihr Netz nach komplexen geometrischen Mustern - aber sie hat keinen Begriff von Geometrie. Der Instinkt ist eine unbewusste Rationalität - strukturiert, zweckmäßig, aber nicht reflektiert.
In der Enzyklopädie definiert Hegel die Natur als “die Idee in der Form des Andersseins.”[8] Die Natur ist rational strukturiert - sie folgt Gesetzen, zeigt Zweckmäßigkeit -, aber sie ist außer sich, nicht bei sich, nicht selbstbewusst. Die logischen Strukturen wirken in der Natur - aber die Natur weiß nichts von ihnen. Das ist die allgemeinste Bestimmung dessen, was Hartmann “Unbewusstes” nennt.
Der entscheidende Punkt ist nun folgender: Wenn man den menschlichen Geist als das Besondere des Menschen gegenüber dem Rest der Natur ausmacht - nämlich Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zur Reflexion -, dann ist es trivial, dass die Natur “keinen Geist”, also “kein Selbstbewusstsein” hat. Die philosophische Leistung liegt nicht in dieser negativen Feststellung, sondern in der positiven Differenzierung: Wie ist die Natur organisiert? Welche Stufen nicht-bewusster Strukturiertheit gibt es? Hegel zeigt: Mechanismus ist nicht gleich Chemismus ist nicht gleich Teleologie ist nicht gleich Leben ist nicht gleich Instinkt. Das sind verschiedene Formen nicht-bewusster Rationalität, verschiedene Weisen, wie Strukturen wirken, ohne reflektiert zu sein. Hartmanns einheitliches “Unbewusstes” nivelliert diese Differenzen. Es ist ein Rückschritt zu einer undifferenzierten Betrachtung.
Hartmanns Rückschritt hinter Hegel
Worin besteht also Hartmanns vermeintliche Innovation? Er versucht, Schopenhauers Willen - das Irrationale, Triebhafte, Blinde - und Hegels Idee - das Rationale, Strukturierte, Zweckmäßige - zu einer “Synthese” zu vereinen. Aber diese “Synthese” ist äußerlich. Hartmann stellt zwei Prinzipien nebeneinander und behauptet ihre Einheit - ohne zu zeigen, wie sie vermittelt sind. Das ist gerade das, was Hegel als “äußerliche Reflexion” kritisiert: Man addiert Bestimmungen, statt ihre innere Einheit zu entwickeln. Wille plus Idee gleich Unbewusstes ist keine dialektische Vermittlung, sondern eine Addition.
Hartmann fällt hinter Hegels Differenzierung zurück. Wo Hegel sechs verschiedene Stufen unterscheidet - Mechanismus, Chemismus, Teleologie, Leben, Instinkt, bewusster Geist -, setzt Hartmann ein einheitliches “Unbewusstes”. Das ist ein Verlust an begrifflicher Präzision. Die Frage “Ist X bewusst oder unbewusst?” ist zu grob. Die Frage muss lauten: “Wie ist X strukturiert? Mechanisch, chemisch, teleologisch, lebendig, instinktiv?” Hartmann hypostasiert das “Unbewusste” zu einem metaphysischen Weltprinzip. Statt die Entwicklung von unbewusster zu bewusster Strukturiertheit zu denken - wie Hegel mit An-sich zu Für-sich -, behandelt er das Unbewusste als eigenständige Substanz, die neben dem Bewussten besteht. Das ist ein metaphysischer Dualismus, der gerade das Problem reproduziert, das er lösen wollte.
Was Hartmann wirklich leistet - und das ist legitim - ist zweierlei: Er macht das Unbewusste zum Thema, während es bei Hegel Durchgangsmoment ist. Das ist eine legitime Akzentverschiebung - sie zeigt, dass ein Aspekt von Hegels System mehr Aufmerksamkeit verdient. Er verbindet dies mit empirischer Forschung aus Biologie, Psychologie, Medizin. Das ist produktiv - es konkretisiert abstrakte Kategorien durch wissenschaftliche Befunde. Aber inhaltlich-systematisch ist dies kein Fortschritt über Hegel hinaus, sondern eher ein Rückschritt zu einer weniger differenzierten Betrachtung. Wenn sich herausstellt - wie hier gezeigt -, dass das Wesentliche von Schopenhauers “Willen” bereits in Hegels differenzierter Darstellung der Objektivität und des Lebens enthalten ist, dann gibt es auch keinen Mehrwert für eine “äußerliche Synthese” von Schopenhauer und Hegel. Die Integration, die Hartmann sucht, hatte Hegel bereits geleistet - nur nicht mit der Terminologie “das Unbewusste”. Die Struktur aber - zweckmäßige Organisation ohne Bewusstsein - ist bei Hegel entwickelt, und zwar differenzierter als bei Hartmann.
Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewussten. Versuch einer Weltanschauung, 3 Bde., Berlin 1869 (10. Auflage 1890), Bd. 1, S. 47. ↩︎
Hartmann: Philosophie des Unbewussten, Bd. 3, S. 134. ↩︎
Hegel: Wissenschaft der Logik II, Werke 6, S. 410-442 (Der Mechanismus). ↩︎
Hegel: Wissenschaft der Logik II, Werke 6, S. 443-455 (Der Chemismus). ↩︎
Hegel: Wissenschaft der Logik II, Werke 6, S. 455-470 (Die Teleologie). ↩︎
Hegel: Wissenschaft der Logik II, Werke 6, S. 470-478 (Die Idee des Lebens). ↩︎
Hegel: Enzyklopädie § 381, Werke 10, S. 26. ↩︎
Hegel: Enzyklopädie § 247, Werke 9, S. 24. ↩︎