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[Der Verdacht]
?- 0 Hegels 'System der Wissenschaft'
- 1 Logik (Wissenschaft des Denkens)
- 2 Natur (Wissenschaft des Materiellen)
- 3 Geist (Wissenschaft des Menschlichen)
- 31 Subjektiver Geist (Wissenschaft des Inner-Menschlichen)
- 32 Objektiver Geist (Wissenschaft des Zwischen-Menschlichen)
- 33 Absoluter Geist (Wissen des Göttlichen)
- 331 Kunst (Anschauen der Wahrheit, Ästhetik)
- 332 Religion (Vorstellen der Wahrheit, Theologie)
- 333 Philosophie (Begreifen der Wahrheit)
- 3331 Philosophie der Antike (Wissen der Idee)
- 3332 Philosophie des Mittelalters
- 3333 Philosophie der Neuzeit (Sichwissen der Idee)
- 33331 Einigungsansätze von Denken und Sein
- 33332 Verstandesphilosophie der Neuzeit
- 33333 [Die moderne Philosophie]
- 333331 [Das Ich als Grund]
- 333332 [Das Absolute als Grund]
- 333333 [Jenseits Hegels]
- 3333331 [Das Gegebene]
- 3333332 [Der Verdacht]
- 3333333 [Die Rückkehr zum Grund]
- 33333321 [Der Verdacht gegen die Verhältnisse]
- 33333322 [Der Verdacht gegen die Werte]
- 33333323 [Der Verdacht gegen das Bewußtsein]
Der Verdacht
Unsere Ordnung, nicht Hegels. Die eckigen Klammern halten fest, wo wir ergänzen.
Hier wird der Begriff nicht widerlegt, sondern entlarvt. Der Unterschied ist wesentlich: Eine Widerlegung nimmt den Gedanken beim Wort und zeigt, daß er nicht stimmt. Ein Verdacht fragt gar nicht, ob er stimmt, sondern warum jemand ihn hat.
Das ist die eigentliche Neuerung des neunzehnten Jahrhunderts, und sie trifft Hegel besonders, weil sein System beansprucht, sich selbst zu begründen. Wenn Begründungen Interessen verbergen, ist gerade die vollständigste Begründung die verdächtigste.
Drei Verdachtsarten
Gegen die Verhältnisse. Marx kehrt Hegel um: nicht das Denken bringt die Verhältnisse hervor, sondern die Verhältnisse das Denken. Was als reine Einsicht auftritt, ist die Rechtfertigung einer Lage. Der westliche Marxismus, der orthodoxe und die Neue Linke arbeiten das aus — und zuletzt richtet sich der Verdacht gegen den Verdächtiger selbst, in der Kritik der Geschlechterordnung, der postkolonialen und der ökologischen Kritik.
Gegen die Werte. Schopenhauer setzt unter alle Vernunft einen blinden Willen. Kierkegaard hält dem System den Einzelnen entgegen, der sich nicht aufheben läßt. Nietzsche fragt nach der Herkunft der Werte und findet Machtverhältnisse, wo Wahrheiten stehen sollten.
Gegen das Bewußtsein. Die Lebensphilosophie setzt unter das Bewußtsein das Leben — Eduard von Hartmann, Bergson, Simmel. Freud zeigt, daß das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist. Und der Strukturalismus geht weiter: nicht einmal das Unbewußte ist eigen, es hat die Form einer Sprache, die man vorfindet. Von dort führt der Weg über den Poststrukturalismus bis zu der Behauptung, kein Zeichen verweise mehr und keine Erzählung trage — und weiter bis dahin, wo diese Behauptung gesellschaftlich wirksam wird.
Warum sie nebeneinanderstehen
Anders als beim Gegebenen geht hier keine Abteilung aus der vorigen hervor. Marx, Nietzsche und Freud haben voneinander wenig gelernt; sie tun dasselbe an verschiedenen Stellen. Deshalb ist die Ordnungsweise hier nebeneinander, nicht auseinander hervorgehend.
Was sie verbindet, ist die Bewegung, nicht die Herkunft: Jeder führt den Begriff auf etwas zurück, das er nicht selbst ist — auf Ökonomie, auf Willen, auf Struktur. Und jeder trifft dieselbe Grenze: Wer alles entlarvt, entlarvt auch sich. Wenn jede Begründung ein Interesse verbirgt, gilt das auch für die Begründung, daß jede Begründung ein Interesse verbirgt.
Nietzsche hat das gewußt und daraus keine Einwendung gemacht, sondern ein Verfahren. Die Nachfolger streiten darüber bis heute. Daraus folgt der dritte Ast: Wenn der Begriff weder aus sich gilt noch bloß Maske ist, muß gefragt werden, was ihn trägt — die Rückkehr zum Grund.