Die koloniale Vereinnahmung und ihre Widerlegung

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die bittere Ironie der Rezeptionsgeschichte liegt darin, dass Hegels Geschichtsphilosophie, obwohl sie explizit kolonialismuskritisch war, von Kolonialideologen zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft missbraucht wurde.[1] Passagen über “geschichtlose Völker” wurden aus dem Kontext gerissen und als Legitimation für die “Zivilisierungsmission” verwendet. Die Einteilung in “Naturvölker” und “Geschichtsvölker” diente zur Rechtfertigung von Unterdrückung und Ausbeutung.

Diese Vereinnahmung beruhte auf mehreren fundamentalen Missverständnissen:

Erstens wurde Hegels deskriptive Analyse (basierend auf mangelhaften Quellen) als normative Rechtfertigung gelesen. Wenn Hegel schrieb, Afrika sei “kein geschichtlicher Weltteil”, beschrieb er den Zustand der ihm verfügbaren historischen Dokumentation, nicht eine wesenshafte Eigenschaft Afrikas.[2] Die Kolonialideologen lasen dies als Rechtfertigung, Afrika von der Geschichte auszuschließen.

Zweitens wurde die dialektische Entwicklung als lineare Hierarchie missverstanden. Die A-B-E-Struktur (Allgemeines-Besonderes-Einzelnes) zeigt, wie das Allgemeine sich in verschiedenen Besonderheiten entfaltet. Jede Kultur ist eine legitime Besonderung der universellen Vernunft. Die Kolonialideologen pervertierten dies zu einer Stufenleiter, auf der europäische Kultur “oben” und andere “unten” stünden.[3]

Drittens wurde “Aufhebung” als Ersetzung statt als Integration verstanden. Kolonialherrscher behaupteten, “primitive” Kulturen müssten in der “zivilisierten” europäischen Kultur aufgehoben (= vernichtet) werden. Doch wie wir gesehen haben, bedeutet Aufhebung bei Hegel gerade nicht Vernichtung, sondern Bewahrung und Erhebung auf eine höhere Ebene der Komplexität.[4]

Von Arnim zeigt in seiner Analyse, dass diese koloniale Lesart nicht nur Hegels expliziten Aussagen widerspricht, sondern auch seiner Methode. Die Dialektik ist ein Instrument der Kritik, nicht der Legitimation bestehender Machtverhältnisse. Sie zeigt Widersprüche auf und treibt zu ihrer Überwindung. Ein koloniales System, das auf der Verweigerung von Anerkennung beruht, ist in sich widersprüchlich und muss dialektisch überwunden werden.[5]


  1. Zu Allendes Wirtschaftspolitik siehe Stefan de Vylder: Allende’s Chile: The Political Economy of the Rise and Fall of the Unidad Popular (1976). ↩︎

  2. Zur Kritik siehe Ernesto Laclau: “Feudalism and Capitalism in Latin America” in: New Left Review 67 (1971). ↩︎

  3. Zur Geschichte der Befreiungstheologie siehe Phillip Berryman: Liberation Theology (1987); Christopher Rowland (Hg.): The Cambridge Companion to Liberation Theology (2007). ↩︎

  4. Gustavo Gutiérrez: Teología de la Liberación: Perspectivas (1971). Englisch: A Theology of Liberation (1973). ↩︎

  5. Lucio Colletti: Marxism and Hegel (1969), London: Verso, 1973; sowie Intervista, S. 45-78. ↩︎