Karl Popper - Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die epistemologische Totalitarismuskritik

Während Hayek ökonomisch argumentiert, entwickelt Karl Popper zur selben Zeit - unabhängig, aber mit bemerkenswerter Konvergenz - eine epistemologische Totalitarismuskritik. Sein Buch The Open Society and Its Enemies erscheint 1945 in zwei Bänden. Band 1 behandelt Platon, Band 2 “Hegel, Marx, and the Aftermath”.

Poppers Ausgangspunkt ist nicht Ökonomie, sondern Wissenschaftstheorie. Seine Frage: Was unterscheidet Wissenschaft von Pseudowissenschaft? Seine Antwort: Falsifizierbarkeit. Eine Theorie ist wissenschaftlich, wenn sie sich prinzipiell widerlegen lässt - wenn sie riskante Vorhersagen macht, die scheitern können.[1]

Diese epistemologische Einsicht überträgt Popper auf Politik: Was unterscheidet offene von geschlossenen Gesellschaften? Offene Gesellschaften sind kritikfähig - sie können Fehler korrigieren, sich selbst reformieren, lernen. Geschlossene Gesellschaften sind dogmatisch - sie immunisieren sich gegen Kritik, halten ihre Wahrheit für absolut, verfolgen Dissidenten.

Und Hegel, so Popper, ist der Archetyp der geschlossenen Gesellschaft. Seine Geschichtsphilosophie ist Historizismus - der Glaube, die Geschichte folge erkennbaren Gesetzen, die Zukunft sei vorhersagbar, der Philosoph (oder Führer) könne die Richtung der Geschichte erkennen. Das ist der Keim des Totalitarismus.

Wer war Popper? Emigrant und Kritiker

Karl Raimund Popper (1902-1994) war, wie Hayek, Wiener. Geboren in eine assimilierte jüdische Familie (der Vater konvertierte zum Protestantismus), wuchs er im intellektuellen Milieu des Roten Wien auf. Er studierte Mathematik, Physik, Psychologie, Philosophie - promovierte 1928 über Denkpsychologie.

Seine prägende Erfahrung: Der Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie, die Wirren der Ersten Republik (1918-1938), der Aufstieg des Faschismus. 1919, mit 17, sympathisierte Popper kurz mit Kommunisten - verließ sie nach einem traumatischen Erlebnis: Bei einer Demonstration wurde ein Arbeiter von Polizei erschossen. Popper erkannte: Die Partei hatte die Arbeiter bewusst in Gefahr gebracht, um “den Klassenkampf zu verschärfen”. Von da an: Abscheu vor jeder Ideologie, die Menschen für abstrakte Ziele opfert.

1937 emigrierte Popper nach Neuseeland - rechtzeitig. 1938 folgte der “Anschluss” Österreichs, viele seiner Verwandten wurden später ermordet. In Neuseeland, an der Universität Canterbury in Christchurch, schrieb er während des Krieges The Open Society - “mein Kriegsbeitrag”, wie er später sagte.[2]

Seine Hauptgegner: Platon (Band 1), Hegel und Marx (Band 2). Aber auch: Die Wiener Intellektuellen, die Faschismus und Kommunismus philosophisch legitimierten. Und die britischen Hegelianer (F.H. Bradley, Bernard Bosanquet), deren Staatsphilosophie ihm totalitär erschien.

Seine Quellen: Popper las Hegel nicht systematisch im Original, sondern vor allem durch sekundäre Quellen - besonders William Wallace (britischer Hegelianer), Arthur Schopenhauer (radikaler Hegel-Kritiker), und populäre Darstellungen. Das wird wichtig.

Die drei Hauptvorwürfe: Holismus, Essentialismus, Historizismus

Poppers Hegel-Kritik hat drei Stoßrichtungen:

Erster Vorwurf: Holismus “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” - das klingt harmlos. Aber für Popper ist es der Kern des Totalitarismus.

Hegels Satz aus der Rechtsphilosophie (§258):

“Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee - der sittliche Geist als der offenbare, sich selbst deutliche, substantielle Wille, der sich denkt und weiß und das, was er weiß, […] vollführt.”

Poppers Interpretation: Der Staat steht über dem Individuum. Das “Ganze” (Staat, Nation, Volk) ist “wirklicher” als die Teile (Individuen). Das Individuum hat nur Wert, insofern es dem Ganzen dient.

Das ist Kollektivismus - und Kollektivismus führt zu Totalitarismus. Denn wenn das Ganze wichtiger ist als die Teile, können Individuen für das Ganze geopfert werden. “Das Wohl des Volkes” legitimiert die Vernichtung von “Volksschädlingen”.

Popper schreibt:

“Hegel’s holistic collectivism […] leads straight to totalitarianism.”[3]

Zweiter Vorwurf: Essentialismus Hegel arbeitet mit “Wesensbegriffen” - der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee, die Familie ist unmittelbare Sittlichkeit, die bürgerliche Gesellschaft ist das System der Bedürfnisse. Das klingt nach Platonismus: Es gibt “Essenzen”, die hinter den Erscheinungen liegen und die der Philosoph erkennen kann.

Poppers Gegenposition: Nominalismus. Begriffe sind Konventionen, nicht Wesenheiten. “Staat” ist keine Entität, die unabhängig von Individuen existiert - “Staat” ist ein Name für bestimmte Institutionen, Praktiken, Beziehungen zwischen Individuen. Wenn wir das vergessen, hypostasieren wir Abstraktionen (verwandeln Begriffe in Dinge) - und enden bei: “Der Staat will”, “Die Nation fordert”, “Die Geschichte bestimmt”.

Das ist gefährlich, weil es Verantwortung verschleiert. Nicht “der Staat” unterdrückt - konkrete Menschen unterdrücken, legitimiert durch die Fiktion, sie würden “dem Staat dienen”. Nicht “die Geschichte” fordert Opfer - konkrete Ideologen fordern Opfer, legitimiert durch die Behauptung, die “historische Notwendigkeit” zu vollstrecken.

Dritter Vorwurf: Historizismus (der wichtigste!)

Historizismus ist für Popper der Kern von Hegels Gefährlichkeit. Er definiert:

“I mean by ‘historicism’ an approach to the social sciences which assumes that historical prediction is their principal aim, and which assumes that this aim is attainable by discovering the ‘rhythms’ or the ‘patterns’, the ‘laws’ or the ‘trends’ that underlie the evolution of history.”[4]

Die Logik:

  1. Geschichtsgesetze: Die Geschichte folgt Gesetzen (wie die Natur). Bei Hegel: Die Dialektik (These-Antithese-Synthese). Bei Marx: Die Produktionsverhältnisse bestimmen den Überbau, Klassenkampf treibt die Geschichte voran.

  2. Erkennbarkeit: Diese Gesetze sind erkennbar - der Philosoph (Hegel) oder Revolutionär (Marx) durchschaut sie.

  3. Vorhersagbarkeit: Wer die Gesetze kennt, kann die Zukunft vorhersagen. Hegel: “Aufhebung” der Entfremdung im absoluten Staat. Marx: Kommunismus als “Ende der Vorgeschichte”.

  4. Legitimation: Wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht (die “fortschrittliche Klasse”, das “welthistorische Volk”), handelt rechtmäßig. Widerstand ist “reaktionär” - er steht gegen die historische Notwendigkeit.

  5. Eliminierung: Wer auf der falschen Seite der Geschichte steht, muss eliminiert werden. Stalin: “Kulaken sind eine zum Untergang bestimmte Klasse.” NS: “Juden stehen gegen den Fortschritt der Menschheit.”

Das ist die totalitäre Logik: Historische Notwendigkeit legitimiert Massenmord.

Popper zitiert Hegels Satz:

“Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.” (Rechtsphilosophie §340)

Seine Interpretation: Wer historisch siegt, hat recht. Macht macht Recht. Erfolg legitimiert Gewalt.

Kaufmanns Gegenkritik: “The Hegel Myth”

Aber trifft Poppers Kritik Hegel wirklich? 1951, sechs Jahre nach Poppers Buch, veröffentlicht Walter Kaufmann einen vernichtenden Aufsatz: “The Hegel Myth and Its Method”.[5]

Kaufmanns Kernthese: Popper liest Hegel nicht im Original, sondern durch drei verzerrende Filter:

Erstens: Er zitiert hauptsächlich William Wallace (1844-1897), einen britischen Hegelianer, dessen Interpretation sehr frei ist.

Zweitens: Er übernimmt Arthur Schopenhauers polemische Hegel-Kritik unkritisch. Schopenhauer hasste Hegel aus persönlichen Gründen (er verlor gegen ihn im Wettbewerb um Berliner Professur) und schrieb: “Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerwärtiger, unwissender Scharlatan.”[6]

Drittens: Popper verwechselt systematisch Hegel mit britischen Hegelianern (Bradley, Bosanquet), deren Staatsphilosophie tatsächlich problematisch ist - aber nicht Hegels Position wiedergibt.

Kaufmann zeigt drei konkrete Missverständnisse:

Missverständnis 1: “Das Wirkliche ist vernünftig” Popper liest Hegels Satz “Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig” (Rechtsphilosophie, Vorrede) als: Alles, was existiert, ist gut. Kritik ist sinnlos, Bestehendes ist legitimiert.

Aber Hegel unterscheidet Wirklichkeit (Wirklichkeit) von Existenz (Dasein). Nicht alles Existierende ist wirklich! “Wirklich” ist nur, was seinem Begriff entspricht - was seine innere Notwendigkeit realisiert hat. Vieles existiert, ohne wirklich zu sein - es ist kontingent, äußerlich, zufällig.

Beispiel: Ein korrupter Staat existiert, ist aber nicht wirklich (im hegelschen Sinne), weil er seinem Begriff (Staat als Verwirklichung der Freiheit) widerspricht. Hegel legitimiert ihn nicht - im Gegenteil, die Analyse zeigt: Er wird scheitern, weil er innerlich widersprüchlich ist.

Missverständnis 2: “Die Weltgeschichte ist das Weltgericht”

Popper liest das als: Wer siegt, hat recht. Macht macht Recht.

Aber Hegel meint: Die Geschichte zeigt, welche Prinzipien sich langfristig bewähren, welche scheitern. Nicht jeder Sieger ist legitimiert - viele Eroberer scheiterten (Napoleon!). Die Geschichte ist kein Recht des Stärkeren, sondern ein Prozess, in dem vernünftige Ordnungen sich durchsetzen, weil sie stabiler, anerkennungsfähiger sind.

Beispiel: Das Römische Reich eroberte die Welt mit Gewalt - aber scheiterte langfristig, weil es nur äußere Herrschaft war, keine wechselseitige Anerkennung. Das Christentum “siegte” ohne Armeen, weil es ein Prinzip (Anerkennung aller als Gleiche vor Gott) enthielt, das tragfähiger war.

Missverständnis 3: Hegel als preußischer Staatsphilosoph

Popper unterstellt: Hegel legitimierte den preußischen Staat seiner Zeit unkritisch. Die Rechtsphilosophie ist Apologie der preußischen Monarchie.

Aber Hegels Rechtsphilosophie kritisiert den preußischen Staat mehrfach:

  • §§243-245: Kritik an der “bürgerlichen Gesellschaft”, die Armut nicht verhindert (gegen Laissez-faire)
  • §308: Ständeverfassung sollte “organisch” aus der Gesellschaft wachsen (gegen preußisches System von oben)
  • §316: Forderung nach Öffentlichkeit der Gesetzgebung (gegen preußische Geheimpolitik)

Preußen zensierte die Rechtsphilosophie! Die Vorrede (“Was vernünftig ist…”) wurde als subversiv empfunden - sie impliziert: Vieles im Bestehenden ist nicht vernünftig.

Kaufmann fasst zusammen:

“Popper’s Hegel is a myth. It is not based on a careful reading of Hegel’s texts, but on hostile secondary sources, polemical caricatures, and systematic misunderstandings.”[7]

Was ist daran wahr? (Aufhebung I)

Trotz der Missverständnisse erfasst Popper etwas Wichtiges:

Berechtigte Sorge: Offenheit ist gefährdet Poppers Zentralanliegen ist: Kritikfähigkeit ist das Kennzeichen freier Gesellschaften. “Falsifizierbarkeit” in der Wissenschaft, “kritischer Rationalismus” in der Politik, “offene Gesellschaft” als Ideal - das alles ist eine Variante desselben Prinzips: Systeme müssen sich selbst korrigieren können.

Das ist eine genuine Einsicht. Systeme, die sich gegen Kritik immunisieren, akkumulieren Fehler. Wissenschaftliche Theorien, die jede Widerlegung weginterpretieren (Psychoanalyse: “Widerstand zeigt, dass die Theorie stimmt!”), sind Pseudowissenschaft. Politische Systeme, die jeden Kritiker zum “Volksschädling” erklären, werden rigide, können nicht lernen, scheitern irgendwann.

Hegels Dialektik ist ja gerade eine Logik der Selbstkorrektur: Jede Stufe zeigt ihre Grenze, wird überwunden. Das ist Poppers Falsifikation avant la lettre! Aber: Hegel übertrug das nicht konsequent auf Politik. Seine Rechtsphilosophie zeigt keine Institutionen für permanente Selbstkritik (Opposition, freie Presse, kritische Öffentlichkeit sind schwach entwickelt).

Berechtigte Kritik: Geschichtsphilosophie kann dogmatisch werden

Hegels Geschichtsphilosophie suggeriert manchmal: Die Geschichte hat eine Richtung, die erkennbar ist. Der Philosoph kann ex post die “Notwendigkeit” der Entwicklung erkennen. Das kann (nicht: muss) zu Dogmatismus führen: “Ich kenne die Richtung der Geschichte, also darf ich Widerstand brechen.”

Stalin berief sich auf “historische Notwendigkeit”. Mao rechtfertigte den Großen Sprung als “historisches Gesetz”. Das waren Missbräuche - aber sie waren möglich, weil Geschichtsphilosophie missbrauchbar ist.

Elefantenprinzip: Popper erfasst einen Aspekt: Offenheit (Selbstkritik) ist fundamental. Systeme ohne Offenheit scheitern.

Innere Widersprüche (Aufhebung II)

Aber Poppers Position hat selbst Widersprüche:

Erster Widerspruch: Performativer Selbstwiderspruch

Popper fordert: Permanente Offenheit für Kritik, keine dogmatischen Wahrheitsansprüche, “kritischer Rationalismus” statt “unkritischer Rationalismus”.

Aber seine Hegel-Kritik selbst ist unkritisch: Er liest Hegel durch Sekundärquellen (Wallace, Schopenhauer), ignoriert Kaufmanns Gegenkritik weitgehend, immunisiert seine Deutung gegen Widerlegung (“Alle Hegel-Verteidiger sind Totalitaristen in spe”).

Das zeigt: Offenheit kann nicht nur als Prinzip verkündet werden - sie muss praktiziert werden. Wer sie nur für andere fordert, aber selbst dogmatisch urteilt, verletzt performativ, was er theoretisch vertritt.

Ein echter “kritischer Rationalist” müsste sagen: “Meine Hegel-Interpretation könnte falsch sein. Lassen Sie uns die Texte gemeinsam lesen.” Popper sagt stattdessen: “Hegel ist totalitär, basta.”

Zweiter Widerspruch: Das Toleranz-Paradox Popper formuliert ein berühmtes Paradox:

“Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. […] We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.”[8]

Das ist richtig, aber zeigt: Auch “offene Gesellschaft” muss Grenzen setzen. Sie muss “geschlossen” sein gegen die Feinde der Offenheit. Aber wer entscheidet, wer “Feind der Offenheit” ist? Popper hat keine klare Antwort - und das ist genau das Problem, das Hegel sah: Vermittlung ist notwendig. Reine Offenheit (jeder darf alles) ist selbstzerstörerisch. Aber wer vermittelt?

Hegels Antwort: Institutionen (Recht, Sittlichkeit, Staat). Poppers Antwort: “kritische Diskussion”. Aber was, wenn die Diskussion scheitert? Wenn “Feinde der Offenheit” die Diskussion untergraben (Desinformation, Gewalt, Einschüchterung)? Dann braucht man: Institutionen, die Diskussion schützen - also genau das, was Hegel entwickelt.

Dritter Widerspruch: Negative Utopie statt positiver Vision

Popper definiert “offene Gesellschaft” negativ: Was sie nicht ist (totalitär, dogmatisch, geschlossen). Aber was ist sie positiv? Wie sieht eine gute Gesellschaft aus?

Popper lehnt “Utopie” ab - jede Vision vom “guten Leben” führe zu Totalitarismus (“Wer den Himmel auf Erden schaffen will, schafft die Hölle”). Seine Alternative: “Piecemeal social engineering” - schrittweise Reformen, Fehlerkorrektur, keine großen Entwürfe.

Aber das ist zu dünn. Menschen brauchen positive Ziele, nicht nur Fehlervermeidung. “Wir wissen nicht, was gut ist, aber wir vermeiden das Schlechte” - das motiviert nicht. Und: Ohne Vorstellung vom Guten, wie erkennt man das Schlechte?

Hegels Einsicht, die Popper übersieht: Freiheit braucht institutionelle Form. Es reicht nicht zu sagen: “Jeder soll tun, was er will, solange er andere nicht stört” (negativer Freiheitsbegriff). Denn dann ist jeder atomisiert, beziehungslos, unfrei (weil abhängig von Zufällen). Konkrete Freiheit entsteht in Institutionen - Familie, Zivilgesellschaft, Staat -, die wechselseitige Anerkennung strukturieren.

Vierter Widerspruch: Die Wissenschaftsgläubigkeit Popper vertraut darauf, dass “kritische Diskussion” Wahrheit hervorbringt. Wenn alle Theorien falsifizierbar sind, wenn alle Hypothesen getestet werden, wenn die beste Theorie überlebt - dann nähern wir uns der Wahrheit.

Aber das setzt voraus:

  • Symmetrische Machtverhältnisse (alle können gleichberechtigt diskutieren)
  • Rationale Akteure (alle folgen Argumenten, nicht Ideologie oder Profit)
  • Gemeinsame Standards (was zählt als “Widerlegung”?)

In der Wissenschaft mag das (teilweise) funktionieren - durch Peer Review, Replikation, institutionalisierte Kritik. Aber in der Politik? Dort gibt es: Propaganda, Desinformation, ökonomische Interessen, Machtasymmetrien, Affekte.

Popper überschätzt die Kraft des Arguments und unterschätzt die Macht der Macht. Habermas wird das später aufgreifen: Es braucht herrschaftsfreie Diskursbedingungen - aber die müssen erst geschaffen werden.

Systematische Einordnung (Aufhebung III)

Popper erfasst einen Aspekt: Offenheit, Kritikfähigkeit, Fehlerkorrektur sind fundamental. Systeme ohne diese scheitern langfristig - weil sie lernen nicht können, Dysfunktionen akkumulieren.

Aber er übersieht:

  1. Offenheit braucht Vermittlung: Reine Offenheit (“jeder darf alles sagen”) zerstört sich selbst (Toleranz-Paradox). Es braucht Institutionen, die Diskurs ermöglichen und schützen - also genau das, was Hegel entwickelt.

  2. Kritik braucht Standards: Ohne gemeinsame Kriterien (was zählt als gutes Argument?) ist Kritik beliebig. Diese Standards sind nicht “natürlich”, sondern müssen entwickelt werden - das ist Bildung (Hegels Konzept), nicht nur “kritische Diskussion”.

  3. Negative Freiheit reicht nicht: “Freiheit von Zwang” (Poppers Ideal) ist zu dünn. Menschen brauchen auch “Freiheit zu” - positive Ziele, institutionelle Ermöglichungen, soziale Anerkennnung.

  4. Hegel ist kein Dogmatiker: Hegels Dialektik ist eine Form von Kritik - radikale Selbstkritik sogar. Jede Stufe zeigt ihre eigene Grenze. Das ist näher an Popper, als Popper zugibt.

Spätere Denker synthetisieren Popper und Hegel:

Jürgen Habermas (Theorie des kommunikativen Handelns, 1981): Kritischer Diskurs (Popper) PLUS institutionelle Vermittlung (Hegel) = kommunikative Rationalität.

Charles Taylor (Hegel, 1975): Poppers Kritik trifft nicht Hegel, sondern Zerrbild. Hegels Freiheitstheorie ist mit liberalen Werten kompatibel.

Karl-Otto Apel (Transzendentalpragmatik): Kritik setzt performative Voraussetzungen voraus (Anerkennung des Gegenübers als Gesprächspartner) - das ist hegelianisch.

Die Synthese: Offenheit (Popper) + Vermittlung (Hegel) = reflexive Institutionen, die Selbstkritik ermöglichen UND schützen.

Übergang zu 2.3

Hayek argumentierte ökonomisch: Zentrale Planung zerstört Wissen. Popper argumentierte epistemologisch: Geschichtsphilosophie zerstört Kritik. Beide treffen Aspekte - aber beide verfehlen Hegel.

Hannah Arendt entwickelt eine dritte, politische Totalitarismuskritik. Und sie hat ein differenzierteres Verhältnis zu Hegel: Erst kritisiert sie ihn (Origins of Totalitarianism, 1951), später nutzt sie ihn (The Human Condition, 1958). Das zeigt: Man kann aus Totalitarismuskritik lernen, ohne Hegel zu verwerfen.

Ihre Frage: Was ist das Neue am Totalitarismus? Nicht nur: Diktatur, Tyrannei, Unterdrückung - das gab es immer. Sondern: Totale Herrschaft - ein System, das nicht nur Gehorsam erzwingt, sondern die Subjekte selbst umformen will. Das ist radikal. Und: Was sind die Ursprünge? Ihre Antwort: Antisemitismus, Imperialismus, Massenbewegung. Hegel spielt eine ambivalente Rolle…


  1. Karl Popper: Logik der Forschung (1934). Poppers Falsifikationskriterium: Wissenschaftliche Theorien müssen Bedingungen angeben, unter denen sie falsch wären. Theorien, die gegen jede Widerlegung immunisiert sind (Psychoanalyse, Marxismus), sind nicht wissenschaftlich. ↩︎

  2. Karl Popper: Unended Quest (Autobiographie, 1976), Kap. 21: “I saw the book as my war effort.” Popper wollte geistig gegen Totalitarismus kämpfen, während andere physisch kämpften. ↩︎

  3. Karl Popper: The Open Society and Its Enemies, Vol. 2 (1945), Kap. 12, S. 31. ↩︎

  4. Karl Popper: The Poverty of Historicism (1957, aber schon 1944 als Aufsätze), Preface. ↩︎

  5. Walter Kaufmann: “The Hegel Myth and Its Method”, Philosophical Review 60:4 (1951), S. 459-486. Kaufmann, deutsch-jüdischer Emigrant und Princeton-Professor, zeigt systematisch, dass Popper Hegel missverstanden hat. ↩︎

  6. Arthur Schopenhauer: Zitiert in Kaufmann (1951), S. 462. Schopenhauers Hegel-Kritik ist reine Polemik, keine Philosophie. ↩︎

  7. Kaufmann (1951), S. 486. ↩︎

  8. Popper: Open Society, Vol. 1, Kap. 7, Note 4. ↩︎