Die Ausgangslage: 1989 als dreifache Zäsur
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Das Projekt Weltethos entsteht nicht zufällig. Es reagiert auf eine historische Situation, in der drei Krisen zusammentreffen.
Politisch bedeutet der Fall der Mauer 1989 das Ende der Blockkonfrontation. Die Welt ist nicht mehr in Ost und West geteilt, aber was folgt? Francis Fukuyama verkündete das „Ende der Geschichte“ - den Triumph des liberalen Kapitalismus. Samuel Huntington prophezeite den „Kampf der Kulturen“ - neue Konflikte entlang religiöser und kultureller Linien. Beide Diagnosen waren einseitig, aber sie zeigten: Die alte Ordnung war zusammengebrochen, eine neue noch nicht gefunden.
Philosophisch bedeutet die Postmoderne das „Ende der großen Erzählungen“. Marxismus, Liberalismus, Fortschrittsoptimismus - alle universalistischen Rahmenerzählungen erscheinen diskreditiert. Aber was soll an ihre Stelle treten? Reiner Relativismus führt in die Beliebigkeit, in der jede Position gleich viel und gleich wenig gilt. Die Frage lautet: Gibt es eine Form von Universalität, die nach der postmodernen Kritik noch haltbar ist?
Theologisch stehen die Religionen vor globalen Problemen, die keine von ihnen allein lösen kann: Umweltzerstörung, Kriegsgefahr, wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Die Religionen können nicht mehr gegeneinander agieren - sie müssen kooperieren. Aber auf welcher Grundlage? Jede Religion beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Wie können sie zusammenarbeiten, ohne ihre jeweiligen Wahrheitsansprüche aufzugeben?
Küngs Diagnose: Die Fragmentierung der modernen Welt ist destruktiv geworden. Nationen, Religionen, Kulturen agieren gegeneinander statt miteinander. Ohne gemeinsame ethische Basis drohen Fundamentalismen, Kulturkonflikte, ökologische Katastrophe. Die Frage ist nicht, ob wir Universalität brauchen, sondern welche Art von Universalität möglich und legitim ist.