Was fehlt: Die systematische Vermittlung

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Bei aller Würdigung von Küngs Leistung bleiben Grenzen. Drei seien benannt.

Erstens ist die Darstellung zu harmonisch. Küng betont die Gemeinsamkeiten so stark, dass die echten Konflikte zwischen und innerhalb der Religionen manchmal unterbelichtet bleiben. Was ist mit Religionen, deren Kern Exklusivismus zu sein scheint? Was ist mit Traditionen, die die Gleichheit der Geschlechter nicht anerkennen wollen?

Zweitens ist die Vermittlung zur konkreten Praxis unzureichend. Wie kommt man von den abstrakten Prinzipien zu konkreten Entscheidungen? Diese Vermittlungsebene - das, was Hegel die „reflektierende Urteilskraft“ nennt - fehlt bei Küng weitgehend.

Drittens bleibt die Begründung theologisch. Küng argumentiert aus der religiösen Tradition heraus. Aber was ist mit säkularen Menschen? Können sie das Weltethos teilen, ohne religiös zu sein? Küng sagt ja - aber er zeigt nicht systematisch, wie eine philosophisch-performative Begründung aussehen würde, die ohne Rekurs auf Religion auskommt.

Die performative Herleitung, die wir an anderer Stelle entwickelt haben, kann hier ergänzen: Die Goldene Regel ist philosophisch begründbar als Explikation dessen, was jeder bereits tut, wenn er argumentiert. Wer argumentiert, erwartet Anerkennung - und muss sie daher auch anderen zugestehen. Die religiösen Traditionen haben diese Struktur entdeckt und in ihre jeweilige Sprache übersetzt. Die Philosophie kann sie explizieren, ohne auf Religion zurückgreifen zu müssen.

Küngs Leistung ist der empirisch-historische Nachweis der Konvergenz. Die philosophische Begründung muss ergänzt werden. Beides zusammen - der empirische Befund und die systematische Begründung - ergibt ein starkes Argument für die Universalität ethischer Grundstrukturen.