Ausblick: Weltethos als Aufgabe

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Küngs Projekt steht am Übergang zu Band III. Die Fragen, die er aufwirft, prägen die folgenden Jahrzehnte.

Kann es Integration ohne Assimilation geben? Die Decolonial Studies werden die Kritik am Universalismus radikalisieren. Aber auch sie können den Relativismus nicht durchhalten - wer „Gerechtigkeit für die Unterdrückten“ fordert, beruft sich auf einen universalen Maßstab. Die Frage ist nicht ob, sondern welche Universalität.

Die ökologische Krise erfordert globale Ethik. Klimawandel respektiert keine nationalen Grenzen. Ohne gemeinsame ethische Basis ist globale Kooperation unmöglich. Küngs Intuition war richtig: Partikulare Lösungen reichen für universale Probleme nicht aus.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stellen neue Herausforderungen. Wie sieht ein Weltethos für den digitalen Raum aus? Gelten die vier Grundforderungen auch für KI-Systeme? Diese Fragen waren 1993 noch nicht absehbar, aber sie werden zentral für das 21. Jahrhundert.

Die systematische Lehre aus Küngs Projekt: Universalität ist möglich als regulative Idee, die sich dialogisch entwickelt. Das ist Hegels Methode - Wahrheit als Prozess, nicht als fertiges Resultat. Die Universalität ist nicht am Anfang gegeben, sie entsteht durch den Dialog der Kulturen. Aber dieser Dialog setzt voraus, dass es etwas Gemeinsames gibt, das entdeckt werden kann. Die Goldene Regel zeigt: Es gibt dieses Gemeinsame. Die Aufgabe ist, es immer vollständiger zu explizieren und immer konkreter anzuwenden.