W.E.B. Du Bois — Doppeltes Bewusstsein und der psychologische Lohn
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Unter den außereuropäischen Rezeptionen steht ein Fall für sich, weil er weder Übersetzung noch Schulbildung ist, sondern etwas Selteneres: die Anwendung einer Hegelschen Denkfigur auf eine Erfahrung, für die Hegel selbst keinen Begriff hatte.
William Edward Burghardt Du Bois (1868–1963) studierte von 1892 bis 1894 an der Berliner Universität, im Umkreis Gustav Schmollers und der historischen Schule, und kehrte mit einer Bildung zurück, die in der amerikanischen Sozialwissenschaft ihresgleichen nicht hatte. Ob er Hegel im Seminar gelesen hat, ist umstritten; dass er die Denkform mitbrachte, zeigt sein Werk. Zwei seiner Formulierungen gehören in eine Rezeptionsgeschichte, und sie liegen zweiunddreißig Jahre auseinander.
Das doppelte Bewusstsein (1903)
The Souls of Black Folk eröffnet mit einer Bestimmung, die seither ungezählte Male zitiert und selten zu Ende gelesen wird:
It is a peculiar sensation, this double-consciousness, this sense of always looking at one’s self through the eyes of others, of measuring one’s soul by the tape of a world that looks on in amused contempt and pity. One ever feels his twoness — an American, a Negro; two souls, two thoughts, two unreconciled strivings; two warring ideals in one dark body, whose dogged strength alone keeps it from being torn asunder.
Bis hierher liest sich das als Beschreibung eines Leidens, und so wird es meist referiert. Der entscheidende Satz kommt danach, und er verändert alles:
The history of the American Negro is the history of this strife — this longing to attain self-conscious manhood, to merge his double self into a better and truer self. In this merging he wishes neither of the older selves to be lost.
Du Bois will die Zweiheit nicht auflösen, sondern aufheben — im strengen Sinn des Wortes: negieren, bewahren, höherheben. Er will weder Amerika afrikanisieren noch, wie er es formuliert, die eigene Seele in einer Flut weißen Amerikanertums bleichen. Er will, dass ein Mensch beides sein kann, ohne dafür bestraft zu werden.
Damit ist eine Denkfigur an einem Gegenstand angewandt, für den sie nicht gemacht war. Bei Hegel ist das Bewusstsein, das sich mit fremden Augen sieht, ein Durchgangsmoment auf dem Weg zur Anerkennung; die Herr-Knecht-Gestalt löst sich auf, indem der Knecht in der Arbeit zu sich kommt. Bei Du Bois ist die Doppelung ein Dauerzustand, der von außen aufgezwungen und nicht durch Arbeit einzuholen ist — der Schleier, wie er sagt, wird nicht durchschritten, sondern zugeteilt. Und dennoch ist die geforderte Auflösung nicht die Rückkehr zu einer der beiden Seiten, sondern eine Einheit, die beide behält.
Was daran erkenntnistheoretisch trägt. Der Schleier hat zwei Seiten. Er versperrt dem Betroffenen das ungebrochene Selbstverhältnis — er sieht sich immer auch, wie andere ihn sehen. Er verschafft ihm aber eben dadurch, was Du Bois “second-sight” nennt: Er kennt die Perspektive der anderen, weil er in ihr leben muss, und kennt zusätzlich die eigene. Der Herrschende braucht die Perspektive des Beherrschten nicht zu kennen; der Beherrschte muss die des Herrschenden kennen.
Das ist, ein Dreivierteljahrhundert vor der feministischen Standpunkttheorie, deren Kerngedanke — und es ist zugleich die genaueste Anwendung der Herr-Knecht-Struktur auf eine Erfahrung, die Hegel nicht im Blick hatte. Band II wird die Linie aufnehmen, die von hier über Lukács zu Hartsock führt.
Der psychologische Lohn (1935)
Black Reconstruction in America stellt eine ganz andere Frage, und die Antwort ist die klassenanalytisch schärfste Fassung dessen, was später “Privileg” heißen wird.
Du Bois geht von einem Rätsel aus: Nach der Theorie hätten weiße und schwarze Arbeiter im Süden gemeinsame Interessen und müssten sich verbünden. Sie taten es nicht — und zwar so gründlich nicht, dass es “probably are not today in the world two groups of workers with practically identical interests who hate and fear each other so deeply”. Warum?
Die Antwort:
It must be remembered that the white group of laborers, while they received a low wage, were compensated in part by a sort of public and psychological wage. They were given public deference and titles of courtesy because they were white. They were admitted freely with all classes of white people to public functions, public parks, and the best schools. The police were drawn from their ranks, and the courts, dependent upon their votes, treated them with such leniency as to encourage lawlessness.
Und die Bilanz, die Du Bois daraus zieht, ist die eigentliche Pointe: “The result of this was that the wages of both classes could be kept low” — die einen aus Furcht, durch schwarze Arbeit ersetzt zu werden, die anderen durch die Drohung mit weißer.
Die Struktur des Arguments verdient Aufmerksamkeit, weil sie in der späteren Theorie verlorengeht. Das Privileg ist hier kein Besitzstück des Einzelnen, sondern ein Herrschaftsinstrument — eine Prämie, die ausgezahlt wird, um die Beherrschten zu spalten, und die sich für den Zahlenden rechnet, weil sie den Lohn beider Gruppen drückt. Wer fragt, wem die Diskriminierung nützt, findet bei Du Bois eine Antwort; die spätere Privilegientheorie kann die Frage nicht mehr stellen.
Das siebzehnte Kapitel desselben Buches, “The Propaganda of History”, zieht die methodische Konsequenz und untersucht die Geschichtsschreibung selbst als Herrschaftsinstrument — an Schulbüchern, die den Süden entlasteten und den Norden schonten. Für eine Rezeptionsgeschichte ist das eine unbequeme Erinnerung: Wie eine Epoche dargestellt wird, ist selbst Teil dessen, worum in ihr gekämpft wurde.
Systematische Einordnung
Du Bois gehört in diese Darstellung aus drei Gründen, und keiner davon ist Vollständigkeit.
Erstens zeigt er, was eine Denkfigur leisten kann, wenn sie auf einen Gegenstand trifft, für den sie nicht entworfen wurde. Die Herr-Knecht-Struktur wird bei ihm nicht illustriert, sondern verändert: Sie beschreibt jetzt eine Doppelung, die nicht durch Arbeit einzuholen ist, und verlangt eine Aufhebung, die beide Seiten behält.
Zweitens liefert er das Verbindungsstück zwischen zwei Traditionen, die getrennt geführt werden. Die Standpunkttheorie, die Band II behandeln wird, beruft sich auf Lukács und über ihn auf Hegel; sie hätte sich ebenso auf Du Bois berufen können, der dieselbe Struktur dreißig Jahre vor Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein an einem anderen Material entwickelt hatte.
Drittens ist er der Zeuge dafür, dass die spätere Verengung keine Anlage der Sache war. Bei ihm ist das Privileg funktional bestimmt — es hat einen Zahlenden, einen Zweck und eine Wirkung. Was daraus wurde, ist Rezeptionsgeschichte, und Band III wird sie erzählen.[1]
W.E.B. Du Bois: The Souls of Black Folk, Chicago: McClurg, 1903, Kap. I (“Of Our Spiritual Strivings”); ders.: Black Reconstruction in America, New York: Harcourt Brace, 1935, Kap. II (“The White Worker”) und Kap. XVII (“The Propaganda of History”). Zur Berliner Studienzeit vgl. seine Autobiographie Dusk of Dawn (1940). Die Erneuerung des Arguments bei David Roediger: The Wages of Whiteness, London: Verso, 1991. ↩︎