Finnland - Die vollständige Hegelianisierung einer Nation (1824-1863)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Das historische Paradox - Hegel im russischen Großfürstentum
Von allen frühen Hegel-Rezeptionen außerhalb Deutschlands ist die finnische die bemerkenswerteste - und die am wenigsten bekannte[1]. Zwischen 1824 und den frühen 1860er Jahren war Finnland das einzige Land weltweit, in dem Hegels Philosophie nicht eine Schule unter mehreren war, sondern die Philosophie schlechthin. Jeder angehende Beamte musste Hegels Rechtsphilosophie studieren, jeder Doktor der Philosophie Teile des Systems im Detail durcharbeiten. Die Universität Turku/Åbo (später Helsinki) wurde vollständig hegelianisch - vergleichbar nur mit Berlin unter Hegel selbst und später Oxford unter den britischen Idealisten.
Das Paradox: Diese Hegelianisierung fand statt im Großfürstentum Finnland, einem autonomen Teil des Russischen Reichs unter dem Zaren. Während in Russland selbst die Hegel-Rezeption mühsam begann (siehe Kapitel 11), während in Deutschland die hegelsche Schule bereits zerfiel, wurde Finnland zur Hochburg eines produktiven, politisch wirksamen Hegelianismus.
Die historisch-politische Konstellation: 1809 hatte Russland Finnland von Schweden erobert. Zar Alexander I. gewährte dem neuen Großfürstentum weitgehende Autonomie - eigene Verwaltung, eigene Gesetze, eigene Universität (zunächst Turku, ab 1828 Helsinki nach Brand), schwedische Amtssprache. Finnland blieb kulturell schwedisch geprägt, politisch aber dem Zaren unterstellt. Diese Position zwischen Schweden und Russland, zwischen westlicher Bildungstradition und östlicher Oberhoheit, schuf einzigartige Bedingungen für die Hegel-Rezeption.[2]
Die Anfänge - Gabriel Palander und die erste Hegel-Lektüre (1819-1823)
Die erste Erwähnung: Hegels Name tauchte erstmals im Zusammenhang mit Gabriel Palander auf, der 1816-1819 Vorlesungen über Kant an der Universität Turku hielt. Sein Doktorand Israel Hwasser berichtet, er habe bereits im Sommer 1819 mit Palander über Hegels Logik diskutiert - zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland selbst nur wenige Hegel gelesen hatten.[3]
Die ersten hegelianischen Schriften: Johan Matthias Sundwall, ein Schüler Palanders, verfasste 1822 die Dissertation De juridicum analyticorum et syntheticorum discrimine, die mit einem Hegel-Zitat beginnt. 1823 kündigte Sundwall an, eine Vorlesungsreihe über Logik nach Hegel zu beginnen. Auch der Professor der Geschichte, J.H. Avellan, wies in seiner Dissertations-Serie Läran om den absoluta friheten (Die Lehre über die absolute Freiheit) auf Hegel hin und kritisierte Kant mit Hegel.[4]
Die Bestätigung aus Berlin: 1829 besuchte Immanuel Ilmoni, Professor der Medizin in Turku, Hegel in Berlin. Hegel, so Ilmonis Bericht, habe “mit seiner Mütze und Schlafjacke aus Leder wie ein Pförtner ausgesehen”. Als Ilmoni von der Philosophie in Finnland berichtete, kommentierte der verblüffte Philosoph einfach: “Es sind ja Vorlesungen nach meinem System in Abo [d.h. Turku] gehalten”.[5]
Diese Anekdote zeigt: Hegel wusste von der finnischen Rezeption - und war offenbar überrascht, dass seine Philosophie in diesem entlegenen nördlichen Großfürstentum gelehrt wurde.
Johan Jakob Tengström - Der Organisator der Hegelianisierung (1828-1847)
Der Schlüssel zur Dominanz: Die vollständige Hegelianisierung Finnlands ist das Werk von Johan Jakob Tengström (1787-1858). Als 1828 die Universität von Turku nach Helsinki verlegt wurde (nach dem verheerenden Brand von Turku 1827), wurde Tengström Professor der theoretischen Philosophie. Ab 1830 war er der einzige Professor der Philosophie im ganzen Land - eine Monopolstellung, die er für die systematische Verbreitung Hegels nutzte.[6]
Die institutionelle Durchsetzung: Tengström begann ab 1832 regelmäßig über verschiedene Teile des Hegelschen Systems zu lesen: Enzyklopädie, Rechtsphilosophie, Logik. Unter seinem Einfluss waren fast alle Dissertationen in der Philosophie für Jahrzehnte mehr oder weniger hegelianisch. Die Examina für angehende Beamten in Naturrecht, Moral und Staatsrecht basierten ausschließlich auf Hegels Rechtsphilosophie. Tengström schuf so ein System, in dem niemand eine Karriere in Verwaltung, Justiz oder Bildung machen konnte, ohne Hegel studiert zu haben.[7]
Tengströms philosophische Position: Ein kreativer Philosoph war Tengström nicht. Seine Rolle bestand eher darin, Hegels System zu vermitteln und institutionell zu verankern. Als Persönlichkeit des kulturellen Lebens blieb er im Hintergrund, stützte aber die neuen Tendenzen. Entscheidend war seine Verbindung von Hegelianismus und Nationalismus.[8]
Der frühe Nationalismus: Bereits 1817, noch in Turku, hatte Tengström einen Aufsatz Om några Hinder för Finlands Litteratur och Cultur (Über einige Hindernisse für die Literatur und Kultur in Finnland) verfasst. Die konkreten Maßnahmen, die er forderte, unterschieden sich nicht sehr von dem, was schon sein Vorgänger Henrik Gabriel Porthan gefordert hatte. Neu war die philosophische Position zu Wissenschaft, Bildung und Staat, die sich deutlich sowohl vom romantischen als auch vom aufklärerischen Denken unterschied. Dieser Text kündigte bereits ein für Tengström wie auch für seinen Schüler Snellman typisches Charakteristikum an: die Verbindung von Hegelianismus und finnischem Nationalismus. In diesem Aufsatz wurde der Unterschied zwischen dem finnischen und dem schwedischen Volk nach der Trennung Finnlands von Schweden erstmals theoretisch erörtert.[9]
Das Ende: Als Tengström sich 1847 in den Ruhestand begab, wurde sein bedeutendster Schüler, Johan Vilhelm Snellman, aus politischen Gründen bei seiner Nachfolge nicht berücksichtigt. G.F. Aminoff erhielt das Amt. Doch der Hegelianismus war nicht zu marginalisieren, weil es in Finnland nur hegelianische Philosophen gab.[10]
Johan Vilhelm Snellman - Der Höhepunkt des finnischen Hegelianismus (1806-1881)
Der Schüler wird zum Meister: Johan Vilhelm Snellman (1806-1881) war Tengströms bedeutendster Schüler und der einzige finnische Hegelianer von europäischem Format. Als Snellman studierte, war der Hegelianismus in Finnland bereits dominant geworden - das Basiswissen wurde auf Hegelsche Weise gelehrt.[11]
Die unterbrochene Karriere: Obwohl der junge Snellman auf eine Universitätskarriere zielte, wäre es irreführend, ihn als rein akademischen Philosophen zu charakterisieren. Wegen prinzipieller Streitigkeiten mit der Beamtenschaft und dem Konsistorium wurde seine akademische Karriere für Jahre unterbrochen. Bevor er endlich 1856 zum Professor ernannt wurde, arbeitete er als Schulrektor und gründete die Zeitung Saima, welche die Verbesserung der Stellung der finnischen Sprache förderte - gegen die schwedische Dominanz in Bildung und Verwaltung. Trotz der langen Unterbrechung seiner akademischen Karriere blieb Snellmans Systemkonzept mehr oder weniger dasselbe.[12]
Die philosophische Selbstbeschreibung (1841): Im Vorwort seines deutschsprachigen philosophischen Hauptwerks Versuch einer speculativen Entwicklung der Idee der Persönlichkeit (Tübingen 1841) schrieb Snellman über den Stand der Philosophie in Finnland:
“[I]n dieser Zeit blühte in Schweden mit der neuen, sogenannten historischen Schule die Romantik und der Schellingianismus auf. Die Trennung Finnlands hatte aber schon den Einfluß dieses letzteren so geschwächt, daß jene für Schweden bedeutende literarische Revolution in Finnland sich nur wenig wirksam zeigte. So geschah es, dass, während man in Schweden noch nicht in der Philosophie über Schelling hinaus ist, in Finland die Hegel’sche Spekulation seit den Jahren 1824, 1825 auf der Universität die herrschende geworden ist. Diesem Forschritt verdankt das Land besonders dem jetzigen Professor der Philosophie, Johan Jakob Tengström, durch dessen Bemühungen es bereits dahin gekommen ist, daß ein jeder werdende Beamter für das gewöhnliche Examen in Naturrecht, Moral und Staatsrecht ausschließlich Hegel’sche Rechtphilosophie lernt, und daß alle Philosophiae Doctoren wenigstens irgend einen Theil des Systems im Einzelnen studieren.”[13]
Diese Beschreibung war nicht übertrieben - sie gibt den Zustand der finnischen Universität in den 1840er Jahren akkurat wieder.
Snellmans philosophische Hauptwerke - Persönlichkeit und Staat (1841-1842)
Die “Idee der Persönlichkeit” (1841) - Linke Mitte im nachhegelischen Streit
Snellmans 1841 in Tübingen erschienenes Hauptwerk Versuch einer speculativen Entwicklung der Idee der Persönlichkeit war eine etwas verspätete Stellungnahme zum religionsphilosophischen Streit, der nach Hegels Tod in der hegelianischen Schule ausgebrochen war (siehe Kapitel 2-3). Das Hauptproblem betraf die Rolle der Subjektivität auf der letzten Stufe des religiösen Bewusstseins und die Interpretation der absoluten Religion.[14]
Die Position: Carl Ludwig Michelet, einer der führenden Zentrumshegelianer, charakterisierte Snellmans Position als zur “linken Mitte” gehörig - zwischen der hegelschen Rechten (die die Lehre vom transzendenten Gott, der Unsterblichkeit der Seele und dem historischen Christus verteidigte) und den linken Hegelianern (die diese Lehren bestritten).[15]
Die Kritik an Göschel (Rechtshegelianer): Dem Rechtshegelianer Carl Friedrich Göschel zufolge erreicht die menschliche Seele ihre höchste Bestimmtheit in einer bewussten Einheit mit dem absoluten Geist - die Seele wird als Persönlichkeit unsterblich. Snellmans Kritik betraf die Betonung der Kontinuität oder Seelenfortdauer bei Göschel: Dieser akzeptiere einen common sense-Begriff der Unsterblichkeit und ignoriere damit die Forderungen der spekulativen Methode, die eine immanente Entwicklung vom strikt logischen Prinzip aus fordert. Snellman betonte stattdessen die Wichtigkeit der Aufhebung der Stufen des endlichen und des unendlichen Geistes: Nur mit dem universalen und objektivischen Denken sei das Transzendieren der Endlichkeit, also die Unsterblichkeit, möglich.[16]
Die Kritik an Strauss und Feuerbach (Linkshegelianer): Die These der Identität von göttlicher und menschlicher Persönlichkeit brachte Snellman in die Nähe der pantheistischen Positionen von Ludwig Feuerbach und David Friedrich Strauss. Doch auch diese kritisierte er:
- Strauss habe Gott mit der Allpersönlichkeit, der Menschheit in ihrer Ganzheit, identifiziert, so dass die Allpersönlichkeit im Bewusstsein jedes Individuums präsent sei. Für Snellman war dies nicht genug: Er forderte eine Identität zwischen der Einzelpersönlichkeit und der Allpersönlichkeit, die nur verschiedene Aspekte der Persönlichkeit seien.[17]
- Feuerbach falle in ein kantianisches Logikverständnis zurück, indem er Gott als Gattungsbegriff der Menschheit deute und das Verhältnis zwischen Gott und menschlicher Persönlichkeit nicht spekulativ entwickeln könne.[18]
Snellmans Originalität: Snellmans Begriff der Persönlichkeit - das Selbstbewusstsein als das absolute Wissen, in dem Subjekt und Objekt identisch sind - bildete für ihn das logische Zentrum der Hegelschen Philosophie.[19] Trotz des Bestrebens, Hegel buchstäblich zu lesen, ging Snellman über Hegel hinaus: Er betonte die Gesinnung des Individuums und interpretierte die Identitätsthese Hegels als ethische Forderung an Individuen, sich als Anwesenheit des Weltgeistes anzuerkennen. Das absolute Wissen hat als ethische Forderung eine strikt gegenwärtige Qualität: Es betrifft alle rationalen Menschen zu allen Zeiten, und der Mensch anerkennt sich im Absoluten als ewig.[20]
Die “Lehre vom Staat” (1842) - Volksgeist und finnischer Nationalismus
Das zweite Hauptwerk Snellmans, Läran om staten (Die Lehre vom Staat), erschien 1842 in Stockholm. Das Buch war als populäre Darstellung von Hegels Philosophie der Gesellschaft bzw. des Rechts konzipiert. Snellman unterschied sich jedoch von Hegel in mehreren Hinsichten, die systematisch bedeutsam sind:[21]
1. Die Betonung der Einstellung: Eine schon in Idee der Persönlichkeit vorkommende Besonderheit war die Betonung der Einstellung des Individuums. Das gesellschaftliche Subjekt soll als Person handeln, und sein Handeln soll bewusst sein. Sittlichkeit wird als ethisches Bewusstsein interpretiert - nicht nur als objektive Struktur (Hegel), sondern als subjektiv angeeignete Überzeugung.[22]
2. Volksgeist statt Weltgeist: Was Snellman auf fragwürdige, aber politisch wirksame Weise originell macht, ist seine Identifikation des substantiellen Geistes mit dem Volksgeist. Trotz der Rede vom Weltgeist wandte sich Snellman nachdrücklich gegen “leeren Kosmopolitismus”: Der Weltgeist wirke nur in den Geschichten der verschiedenen Staaten. Universelle Bildung erscheint immer in nationaler Gestalt.[23]
Der Begriff des Staates ist bei Snellman eng mit dem Begriff des Volksgeistes verbunden. Beide werden als Prozesse begriffen: Der Staat ist ein autonomer Prozess der Gesetzgebung, wodurch eine Nation für sich ihr Recht schöpft. Der Volksgeist ist der sich (bewusst) verändernde Zusammenhang der nationalen Kultur. Für Snellman war eine Nation in ihrer Gesamtheit Akteur.[24]
3. Bildung und Sprache: Eine allgemein menschliche Bildung gibt es für Snellman nicht. Er betonte die untrennbare Verbindung zwischen Kultur und Sprache sowie des Denkens mit der Sprache. Für Snellman ist eine Nation vornehmlich eine Einheit der Bildung. Er sah aber auch die Möglichkeit des Zerfalls der Nationalität: Wenn alle Nationen ein gleich hohes Niveau universeller Bildung erreicht haben würden, würden die nationalen Unterschiede verschwinden.[25]
4. Demokratische Forderung: Die Bedingung für politische Freiheit und Gleichheit war für Snellman, dass jeder die Möglichkeit habe, sich zu bilden. Bildung - die Vertrautheit mit der vergangenen Kultur - ist Voraussetzung für die unmittelbare Partizipation an der staatlichen Politik. An diese Überzeugung knüpft sich auch seine demokratische Forderung nach Verbesserung der Stellung der finnischen Sprache gegenüber dem Schwedischen.[26]
Die politische Wirkung - Hegelianismus als Verfassungstheorie (1863)
Ungeachtet seines allmählichen Verschwindens aus dem akademischen Leben (1852-1856 wurde der Unterricht der Philosophie vom Zaren Nikolaus I. als für die Gesellschaft gefährlich verboten) behielt der Hegelianismus doch Bedeutung.[27]
Die konstitutionelle Funktion: Während der langen Periode, in der die Stände nicht zusammengerufen wurden, wirkte vor allem die Hegelsche Rechtsphilosophie als Stütze der Bestrebungen, die Macht der Herrscher konstitutionell zu begrenzen. Dies war auch der Wunsch Snellmans, der in seiner Lehre vom Staat mit der Hegelschen Einsicht übereinstimmte, die Aufgabe des Monarchen sei es, das “formale Pünktchen auf das i” zu setzen - nicht willkürlich zu herrschen, sondern die rationalen Gesetze zu sanktionieren.[28]
Der Höhepunkt 1863: Als sich der Landtag im Jahre 1863 endlich versammelte, hatte Snellman seine Professorenlaufbahn bereits hinter sich und war dabei, das Amt eines Senators zu übernehmen. Mit dem eigenwilligen Zaren Russlands, Alexander II., skizzierte Snellman die Thronrede, in der der Zar Finnland auf der Basis einer konstitutionell begrenzten Macht zu regieren versprach.[29]
Diese Episode zeigt die einzigartige politische Wirksamkeit des finnischen Hegelianismus: Ein hegelianischer Philosoph schreibt dem Zaren die Rede, mit der dieser seine Macht konstitutionell begrenzt. Hegels Rechtsphilosophie wird zum Instrument finnischer Autonomie im russischen Reich.
Systematisches Fazit - Was machte die finnische Hegelianisierung möglich?
Die drei vollständigen Hegelianisierungen: Neben Finnland gab es nur zwei weitere Fälle vollständiger institutioneller Hegelianisierung:
- Berlin unter Hegel (1818-1831) - die Quelle
- Oxford unter den britischen Idealisten (1870er-1910er Jahre) - die Spätblüte
- Finnland unter Tengström/Snellman (1824-1863) - die Frühblüte
Die Ermöglichungsbedingungen für die finnische Hegelianisierung:
- Institutionelle Monopolstellung: Tengström als einziger Philosophieprofessor (1830-1847) konnte die Philosophie-Ausbildung vollständig kontrollieren
- Kleine Verhältnisse: Die finnische Bildungselite war überschaubar - eine Universität, wenige hundert Studenten. Hegels System konnte so flächendeckend vermittelt werden
- Politische Funktion: Hegels Rechtsphilosophie bot eine rationale Begründung für die finnische Autonomie gegenüber russischer Willkür UND für die finnische Nationbildung gegenüber schwedischer kultureller Dominanz
- Sprachliche Vermittlung: Die Bildungselite war deutschsprachig gebildet - Hegel konnte im Original gelesen werden, ohne Übersetzung
- Abgeschirmtheit: Die geografische und politische Lage (Teil des russischen Reichs, aber kulturell eigenständig) schützte vor den Turbulenzen der deutschen nachhegelianischen Zersplitterung. Als in Deutschland die Schule zerfiel (1831-1848), konnte in Finnland ungestört ein orthodoxer Hegelianismus gelehrt werden
- Deutsch-finnische Affinitäten: Die kulturelle Nähe zwischen Deutschland und Finnland war größer als oft angenommen. Die finnische Bildungselite studierte regelmäßig in Deutschland, deutsche Professoren lehrten an finnischen Universitäten. Die protestantische Universitätstradition verband beide Länder. Diese Affinität ermöglichte eine schnelle und gründliche Rezeption deutscher Philosophie.[30]
Die Grenzen: Der finnische Hegelianismus war produktiv in der Anwendung (Rechtsphilosophie, Nationalismus, Verfassungstheorie), aber nicht in der Weiterentwicklung der Methode oder Logik. Snellman war kein zweiter Hegel, sondern ein hervorragender Interpret und politischer Anwender. Als die neue Generation nach 1856 neue Ideen rezipierte (Liberalismus, Positivismus), verschwand der spekulative Hegelianismus schnell aus dem akademischen Leben.[31]
Die historische Bedeutung: Der finnische Hegelianismus zeigt: Hegels Philosophie konnte auch anders rezipiert werden als in Deutschland - nicht als Schulbildung mit Zerfall in Rechte/Linke, sondern als politisch wirksames Instrument zur Begründung von Autonomie, Konstitutionalismus und nationaler Identität. Diese produktive Rezeption gelang dort, wo institutionelle, politische und kulturelle Bedingungen zusammentrafen.
Die Darstellung zu Finnland folgt eng dem Artikel “Die Blüte des Hegelianismus in Finnland” von Henriikka Tavi in Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.) “Handbuch Deutscher Idealismus”, Stuttgart 2005, S. 385-388. ↩︎
Zur historischen Situation Finnlands 1809-1917 vgl. Osmo Jussila et al.: From Grand Duchy to Modern State: A Political History of Finland since 1809, London: Hurst, 1999. ↩︎
Juho Manninen: “The Eclipse of Kantianism and the Emergence of Hegelianism in Finland 1800-1840”, in: Ajatus 40 (1983), S. 132-134. ↩︎
Manninen 1983, S. 132-134. ↩︎
Ernst Julius Heinricius: Kurkistus kulissien taakse, Helsinki 1912, S. 113. Zitiert nach Manninen 1983, S. 134. ↩︎
Manninen 1983, S. 136-138. ↩︎
Snellman: Samlade Arbeten (SA) II, S. 197f. Vgl. auch Manninen 1983, S. 138. ↩︎
Manninen 1983, S. 146. Tengström war “keine kreative” Persönlichkeit, aber als Organisator und Vermittler von immenser Bedeutung. ↩︎
Tuomo Pulkkinen: The Postmodern and Political Agency, Jyväskylä: University of Jyväskylä, 1989, S. 52. Manninen 1983, S. 125-130. ↩︎
Manninen 1983, S. 140-143. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 5. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 51. ↩︎
Snellman: SA II, S. 197f. ↩︎
Juho Manninen: “The Essence of Spirit. J.V. Snellman and the Post-Hegelian Debate”, in: Ajatus 38 (1980), S. 12. ↩︎
Juho Manninen: “Snellman and Europe”, in: Scandinavian Journal of History 6 (1981), S. 5. ↩︎
Vesa Oittinen: “Spinosa atque exilis oratio - J.V. Snellman’s Idea of Personality”, in: Nordeuropaforum 2004, S. 15-22. ↩︎
Oittinen 2004, S. 25. ↩︎
Oittinen 2004, S. 25-27. ↩︎
Oittinen 2004, S. 20. ↩︎
Oittinen 2004, S. 26. ↩︎
Manninen 1980, S. 27. ↩︎
Manninen 1980, S. 27. ↩︎
Manninen 1980, S. 27-30. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 17. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 20-22. ↩︎
Manninen 1981, S. 7; Pulkkinen 1989, S. 7-19. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 5. ↩︎
Vgl. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, §280 Zusatz. ↩︎
Manninen 1981, S. 11. ↩︎
Zu den deutsch-finnischen kulturellen Beziehungen im 19. Jahrhundert vgl. Matti Klinge: Die Universität Helsinki 1640-1990, Helsinki: Otava, 1991, sowie ders.: Kaksi Suomea (Zwei Finnland), Helsinki: Otava, 1982. ↩︎
Pulkkinen 1989, S. 111. ↩︎