1. Was Hegel liefert
Was man von Hegel bekommt, ist eine Ordnungsform. Sie sagt, welche Bestimmungen auseinander hervorgehen müssen, was zusammengehört, in welcher Folge etwas systematisch aufeinander aufbaut und was einem späteren Begriff bereits in seiner Voraussetzung mitgegeben sein muss.
Zwei Missverständnisse sind dabei fernzuhalten, und beide sind in der Wirkungsgeschichte verbreitet. Das eine nimmt die Logik als Ableitung der Wirklichkeit: als könne man aus Begriffen entnehmen, was empirisch der Fall ist. Das kann sie nicht, und Hegel behauptet es an seinen genauen Stellen auch nicht. Das andere hält sie für eine bloße Suchanleitung ohne eigenen Ertrag — ein Schema, das man anlegen kann oder auch nicht. Auch das trifft nicht. Dass Eigentum vor Vertrag kommt, Familie vor bürgerlicher Gesellschaft, das Abstrakte vor dem Konkreten, ist keine Anordnung, die man umstellen könnte; und dass eine Ordnung etwas hervorbringt, was sie aus sich nicht auflöst, lässt sich begrifflich zeigen, bevor man es empirisch findet.
Der praktisch wichtigste Ertrag ist die Bestimmung des Zweckhandelns. Ein Zweck wird gesetzt, ein Mittel gesucht, das Mittel wirkt nach seiner eigenen Beschaffenheit — und eben deshalb, weil es eine eigene Beschaffenheit hat, kann es sich gegen den Zweck kehren, dem es dienen sollte. Diese Möglichkeit ist nicht ein Unfall, sondern in der Struktur angelegt. Wer sie kennt, hat ein Werkzeug, mit dem sich sehr verschiedene Verhältnisse aufschließen lassen: die Institution, die ihre Aufgabe vergisst und sich selbst betreibt; das Werkzeug, das den formt, der es führt; das Geld, das als Mittel des Austauschs eingerichtet wurde und in der Bewegung zum Mehr zum Zweck wird.
Neben der Ordnungsform stehen die inhaltlichen Bestimmungen, und sie sind der größere Teil des Werks. Hegel hat über Natur und Leben, über das Verhältnis von Leib und Seele, über Eigentum, Vertrag, Strafe, Familie, Markt und Staat, über Kunstformen, Religionen und den Gang der Philosophie geschrieben, und das meiste davon steht nicht als Beispiel für eine Methode da, sondern als Aussage über die Sache. Ein Teil ist überholt: Die Naturphilosophie arbeitet mit dem Wissen ihrer Zeit, die Darstellung der außereuropäischen Welt ist an vielem korrigiert worden. Dass sie korrigierbar war, spricht dabei für die Anlage — wer Bestimmungen so aufstellt, dass sie an Befunden scheitern können, hat sie prüfbar gemacht. Wer Hegel als Werkzeug gebraucht, nimmt beides: die Ordnung und die Bestimmungen, und prüft die zweiten an dem, was inzwischen bekannt ist.
Dazu kommt die Unterscheidung von Aufgabe und Erfüllung. Was eine Einrichtung leisten müsste, sagt nicht, ob sie es tut. Ohne diese Unterscheidung wird aus jeder Bestimmung einer Aufgabe eine Beschreibung des Bestehenden — der Fehler, den Hegel selbst an mehreren Stellen begeht und der die halbe Rezeption bestimmt hat.