Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 9

Fünf Bestimmungen, vorweg

Dieser Band verwendet fünf logische Bestimmungen so oft, dass ihre Erklärung an der jeweiligen Stelle den Gang unterbräche. Sie stehen deshalb hier beisammen, kurz und nur so weit, wie sie gebraucht werden. Die ausführliche Fassung steht jeweils in Hegels Logik.

Allgemeines, Besonderes, Einzelnes. Die drei Momente des Begriffs sind keine drei Dinge und keine Rangfolge. Das Allgemeine ist das, was durchgehend gilt; das Besondere ist seine Bestimmung zu diesem und nicht jenem; das Einzelne ist beides zusammen, der Ort, an dem der Begriff wirklich wird. Es ist nicht schon das bloße Dieses hier: Hegel will die Einzelheit des Begriffs „nicht in dem Sinne nur unmittelbarer Einzelheit“ genommen wissen, „nach der wir von einzelnen Dingen, Menschen sprechen“ (Enz. § 163 Anm.). Dass es Einzelheit gibt, lässt sich entwickeln; welcher Einzelne einer ist, lässt sich nicht ableiten, nur erfahren. Keines besteht ohne die anderen: Ein Allgemeines, das sich nicht besondert, ist leer, und ein Einzelnes ohne Allgemeines ist nicht aussprechbar. Was an welcher Stelle steht, sagt deshalb, was damit geschieht — so liest dieser Band Hegels Gliederung in Anthropologie, Phänomenologie und Psychologie, ohne sie aus der Figur abzuleiten. Ausführlich in Der Begriff als lebendige Selbstbestimmung und Hegels Logik, 9.4b.

Die schlechte und die wahrhafte Unendlichkeit. Wo eine Bestimmung ihre Grenze überschreitet und dabei nur wieder auf eine Grenze stößt, entsteht der endlose Fortgang: immer noch eines, und keines ist das letzte. Das ist die schlechte Unendlichkeit — keine Lösung, sondern eine Wiederholung des Problems. Die wahrhafte Unendlichkeit ist nicht das Weitergehen ohne Ende, sondern das Beisichsein im Anderen: ein Verhältnis, in dem das Andere nicht mehr Schranke ist. Der Unterschied trägt in diesem Band zweimal, an der Begierde und an der Glückseligkeit; beide scheitern an derselben Figur. Überwunden wird sie bei der Begierde in der Anerkennung, bei der Glückseligkeit im freien Willen, dessen Inhalt nach § 480 „die Freiheit selbst“ ist. Ausführlich in Die Qualität; dass das Wort „Anerkennung“ schon beim Fürsichsein fällt, zeigt Die Qualität.

Das Maß und die Knotenlinie. Quantität ist gleichgültig gegen die Sache, solange sie sich in Grenzen hält; jenseits davon schlägt sie in Qualität um. Hegel nennt die Reihe solcher Umschlagstellen eine Knotenlinie von Maßverhältnissen. Für diesen Band bietet sich das an der Gewohnheit an: Wiederholung, die nichts zu ändern scheint, bis sie das Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit als ganzes ändert. [KF] Hegel selbst zieht diese Verbindung nicht. Er fasst die Erzeugung der Gewohnheit als Übung, als Wiederholung, und bestimmt, was dabei entsteht, als „Reflexions-Allgemeinheit (§ 175)“ (§ 410): das Viele des Empfindens „auf seine Einheit reduziert“. Die Knotenlinie fügt dem nur eine Frage hinzu: ob diese Wiederholung an einer Stelle in eine neue Qualität umschlägt. Ob dabei ein Knoten liegt und nicht ein stetiger Übergang, muss sich allerdings an der Sache zeigen; nicht jeder allmähliche Wechsel hat einen. Ausführlich in Das Maß.

Reale und abstrakte Möglichkeit. Abstrakt möglich ist, was sich widerspruchsfrei denken lässt — eine leere Bestimmung, mit der sich nichts anfangen lässt. Real möglich ist etwas, wenn seine Bedingungen vorliegen: „Wenn alle Bedingungen vorhanden sind, muß die Sache wirklich werden“ (Enz. § 147). Wenn dieser Band die Seele als Möglichkeit bestimmt, den passiven Nus, der der Möglichkeit nach alles ist, dann ist die reale gemeint; der Zusatz zu § 412 nennt die natürliche Seele ausdrücklich „zunächst nur die reale Möglichkeit“ des Fürsichseins, das im Ich wirklich wird. Sonst wäre der Übergang der Anthropologie nicht begründet, sondern bloß behauptet: Aus der Seele wird Geist nicht möglicherweise, sondern weil ihre Bedingungen in ihr liegen. Ausführlich in Die Wirklichkeit.

Die Idee des Wahren und die Idee des Guten. Kurz vor dem Ende der Logik ist die Idee entzweit. Im Erkennen ist der Begriff bei der Sache, aber er tut nichts; im Wollen tut er etwas, aber er hat seinen Inhalt nicht bei sich. Jedem fehlt, was das andere hat, und weil die beiden Mängel komplementär sind, verweisen sie aufeinander und verlangen ein drittes Glied; bei Hegel ist es die absolute Idee, in der ihre Einheit gesetzt ist (Enz. § 235). Dasselbe Verhältnis kehrt in diesem Band als theoretischer und praktischer Geist wieder, und es ist der sachliche Grund dafür, dass Hegel den freien Geist hinzugefügt hat — ein stärkerer Grund als die editorische Beobachtung, dass der Abschnitt erst 1827/28 auftaucht. Ausführlich in Hegels Logik, 17.6a.

Was damit nicht gesagt ist. Diese fünf Bestimmungen sind Werkzeuge, kein Bauplan. Der Band folgt keinem Schema, und die Logik liefert ihm keine Gliederung, die er nur auszufüllen hätte. Wo die Reihenfolge begründet wird, geschieht es an der Sache — daran, dass eine Stufe an ihrer eigenen Bestimmung scheitert. Wie weit die Parallele zwischen der Gliederung dieses Bandes und der Gliederung der Logik überhaupt trägt, ist eine eigene Frage; Kap. 28 geht ihr nach und findet sie begrenzt. Kap. 26a zieht am Ende Bilanz, was von den fünf Bestimmungen wie weit getragen hat.

I.3 Die Anthropologie (§§ 388–412)