Kommentar zur Logik, Kapitel 10
Der Übergang: Warum der Begriff urteilen muss
Warum kann der Begriff nicht bei seiner Innerlichkeit bleiben? Der Grund liegt im dritten seiner Momente. Solange man Allgemeines, Besonderes und Einzelnes bloß nebeneinander denkt, sind es noch keine Unterschiede — es ist dieselbe Bestimmtheit dreimal betrachtet. Erst die Einzelheit setzt sie als Unterschiede: Sie ist “das freie Unterscheiden” des Begriffs, und damit ist seine Bestimmtheit gesetzt, aber als Besonderheit — so nämlich, “daß die Unterschiedenen erstlich nur die Bestimmtheit der Begriffsmomente gegeneinander haben und daß zweitens ebenso ihre Identität, daß das eine das andere ist, gesetzt ist”. Und dann Hegels Schluss, der den Namen liefert: “diese gesetzte Besonderheit des Begriffes ist das Urteil” (Enzyklopädie Bd. 1, § 165).
Der Begriff urteilt also nicht, weil er müsste, sondern weil er, sobald seine Momente wirklich unterschieden sind, schon geurteilt hat. Das Urteil ist nicht sein nächster Schritt, sondern die Gestalt, die er annimmt, wenn seine Unterschiede gesetzt sind. Hegels Etymologie: Ur-Teil — die ursprüngliche Teilung des Begriffs in Subjekt und Prädikat. Sprachgeschichtlich ist diese Herleitung umstritten; für Hegels Argument kommt es darauf auch nicht an. Johann Eduard Erdmann, einer der produktivsten Hegelschüler, hat den Unterschied in eigener Sache erklärt: Seine Berufungen auf die Sprache gingen “selten auf die Etymologie zurück” und seien “vielmehr an den Sprachgebrauch gerichtet” — denn die Etymologie zeige höchstens, “wie der Geist zu einem Gedanken gekommen ist”, der Sprachgebrauch dagegen, “welchen Schatz von Gedanken das Volk, dessen Sprache es ist, besitzt”.[1]
Auf den Sprachgebrauch kommt es auch hier an: Wer urteilt, trennt tatsächlich — er nimmt etwas auseinander, um es wieder zusammenzufügen. Ob das Wort so entstanden ist, ändert daran nichts. Im Urteil teilt er sich auf in Subjekt (S — das Einzelne), Prädikat (P — das Allgemeine) und Kopula (ist — das Besondere als Vermittlung). Nicht jeder Satz ist ein Urteil — Hegels Urteilslehre interessiert sich nur für Sätze, die den Begriff einer Sache artikulieren.
Diese Einschränkung trifft die Sache, greift aber noch zu kurz, und Hegel selbst sagt, warum. Man nehme das Urteil gewöhnlich “in subjektivem Sinn […], als eine Operation und Form, die bloß im selbstbewußten Denken vorkomme”. Dieser Unterschied sei im Logischen noch nicht vorhanden: “das Urteil ist ganz allgemein zu nehmen: alle Dinge sind ein Urteil, — d. h. sie sind Einzelne, welche eine Allgemeinheit oder innere Natur in sich sind, oder ein Allgemeines, das vereinzelt ist” (Enzyklopädie Bd. 1, § 167).
Das verschiebt die Frage. Es geht nicht darum, welche Sätze Urteile sind, sondern darum, dass die Urteilsform die Struktur der Sache selbst ist: Jedes Ding ist ein Einzelnes mit einer allgemeinen Natur, und genau dieses Verhältnis sprechen wir aus, wenn wir urteilen. “Die Rose ist rot” ist deshalb kein Bericht über eine Verknüpfung in meinem Kopf — Hegel nennt das den “vielmehr objektiven Ausdruck des Urteils”.
Ein Wort zu den Beispielen. Wenn hier “Diese Rose ist rot” untersucht wird, geht es nicht um Botanik. Die Rose und das Rot sind austauschbar — “Dieser Ball ist rot”, “Diese Ampel ist rot” wäre dasselbe. Die Frage ist, wie sich ein Einzelnes auf ein Allgemeines bezieht.
Warum dann überhaupt Beispiele und nicht gleich “E ist A”? Weil die Logik formal ist, aber nicht formalistisch: Sie abstrahiert von den Inhalten, operiert aber nicht mit leeren Variablen. Zwei Missverständnisse liegen nahe und sind beide zu meiden. Das eine liest “Diese Rose ist rot” und wendet ein, es gebe auch gelbe Rosen — ein Einwand, der die Ebene verfehlt. Das andere rechnet nur noch mit Symbolen und verliert den Bezug zum Denken, das dabei vollzogen wird. [KF]
Auch die Kopula ist von hier aus zu lesen. Wer beim Urteil “zuerst an die Selbständigkeit der Extreme” denke, an ein Subjekt hier und eine allgemeine Bestimmung “etwa in meinem Kopfe”, der müsse sie nachträglich zusammenbringen. Indem aber das ist “das Prädikat vom Subjekte aussagt, wird jenes äußerliche, subjektive Subsumieren wieder aufgehoben” (§ 166). Das kleine Wort behauptet nicht eine Verbindung, sondern zeigt eine an.
Die vier Urteilsklassen — Stufen der Welterschließung
Übersichtstabelle: Die zwölf Urteilsformen bilden eine Stufenfolge zunehmender Adäquatheit — vom unmittelbaren Einzelurteil bis zum notwendigen Werturteil:
Die Namen der vier Klassen sind hier eingedeutscht; Hegel schreibt Urteil des Daseins, Urteil der Reflexion, Urteil der Notwendigkeit und Urteil des Begriffs (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 172–179). Wer dort nachschlägt, findet die Formen unter diesen Bezeichnungen.
| Klasse | Unterform | Beispiel | Grenze |
|---|---|---|---|
| Daseinsurteil | Positives | “Diese Rose ist rot” | Unvollständig — könnte auch gelb sein |
| Negatives | “Diese Rose ist nicht rot” | Unbegrenzte Alternativen | |
| Unendliches | “Die Rose ist kein Elefant” | Völlig inhaltslos | |
| Reflexionsurteil | Singuläres | “Dieser Stoff ist leitfähig” | Zufällig — gilt nicht für andere |
| Partikuläres | “Einige Metalle rosten” | Offen — welche genau? | |
| Universelles | “Alle Lebewesen sind sterblich” | Empirisch — woher wissen wir “alle”? | |
| Notwendigkeitsurteil | Kategorisches | “Gold ist ein Metall” | Statisch — warum? |
| Hypothetisches | “Wenn Erhitzen, dann Ausdehnung” | Äußerlich — warum gilt die Bedingung? | |
| Disjunktives | “Dreieck ist spitz- oder recht- oder stumpfwinklig” | Nur in geschlossenen Systemen | |
| Begriffsurteil | Assertorisches | “Dieses Haus ist gut gebaut” | Subjektiv — nach welchem Maßstab? |
| Problematisches | “Je nach Nutzung gut oder schlecht” | Relativ — Bedingungen äußerlich | |
| Apodiktisches | “Ein so konstruiertes Haus ist notwendig stabil” | Fordert den Schluss! |
Die Entwicklung zeigt eine klare Richtung: Das Prädikat wird immer schwerer — von flüchtiger Eigenschaft zum tiefen Wesenskern. Entscheidend ist die innere Bewegung, die jede Stufe zur nächsten treibt:
1. Daseinsurteile (Qualität): Unmittelbare Zuschreibung. “Die Rose ist rot.” Leistet: Benennt eine Eigenschaft. Grenze: Beliebig — “Die Rose ist auch dornig” ist ebenso wahr. Es fehlt die Reflexion auf den Geltungsbereich. Vollziehen Sie den Übergang: Das Daseinsurteil treibt sich selbst in den Unsinn. “Die Rose ist nicht rot” lässt offen, dass sie eine andere Farbe hat — damit wäre es wieder ein positives Urteil. Geht man weiter zu “Die Rose ist kein Elefant”, so bleibt nur noch die “völlige Unangemessenheit” von Subjekt und Prädikat (Enzyklopädie Bd. 1, § 173). Das Urteil zerfällt.
Was daraus folgt, ist zunächst nicht die Frage nach dem Umfang, sondern eine Änderung des Subjekts: Es steht jetzt “nicht mehr unmittelbar qualitativ, sondern im Verhältnis und Zusammenhang mit einem Anderen, mit einer äußeren Welt” (§ 174). Deshalb sind die Prädikate der nächsten Stufe von anderer Art — Hegels Beispiele sind nützlich, gefährlich, Schwere, Säure, Trieb: Bestimmungen, die eine Sache nur im Verhältnis zu anderem hat. Erst an einem so gefassten Subjekt wird die Frage nach dem Umfang überhaupt sinnvoll (§ 175). Die Quantität ist also die Folge der Relativität, nicht ihr Anlass.
2. Reflexionsurteile (Quantität): Bestimmung des Umfangs. Einige Metalle leiten, “Alle Rosen sind Pflanzen.” Leistet: Bestimmt, wieviele unter das Prädikat fallen. Grenze: Allheit (alle gezählten Exemplare) ≠ Allgemeinheit (das Wesen der Sache). Auch wenn alle bisher beobachteten Schwäne weiß waren, folgt daraus nicht “Alle Schwäne sind weiß”. Der Übergang: Bloßes Aufzählen (“alle bisher beobachteten…”) gibt nie echte Allgemeinheit. Wir wollen wissen, ob der Zusammenhang wesentlich oder zufällig ist. Hegel sagt, dieser Fortgang finde sich “schon in unserem gewöhnlichen Bewußtsein, als wir sagen: Was allen zukommt, das kommt der Gattung zu” (§ 176 Zus.). Der Schritt ist also keine Erfindung der Logik — er wird ständig getan. Ist Gold ein Metall, weil es zufällig leitet — oder weil es seinem Wesen nach ein Metall ist? Die Frage nach der Notwendigkeit der Zuschreibung treibt zum Notwendigkeitsurteil.
3. Notwendigkeitsurteile (Relation): Einsicht in die Gattung. “Gold ist ein Metall.” Leistet: Einsicht in die Art der Beziehung — Gold ist wesentlich (nicht zufällig) ein Metall. Grenze: Zeigt die notwendige Zugehörigkeit, aber bewertet nicht. Der Übergang: Das Notwendigkeitsurteil sagt, was etwas ist, aber nicht, ob es ein gutes Exemplar seiner Gattung ist. Wir wollen aber wissen: Ist dieses Haus ein gutes oder ein schlechtes Haus? Erfüllt diese Handlung ihren eigenen Anspruch? Die Frage nach der Übereinstimmung mit dem eigenen Begriff treibt zum Begriffsurteil.
4. Begriffsurteile (Modalität): Der Begriff als Maßstab. “Dieses Haus ist gut.” Leistet: Bewertet am eigenen Begriff — ein gutes Haus ist eines, das dem entspricht, was ein Haus sein soll. Das Gute ist danach nicht subjektives Empfinden, sondern Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen. Über den Sprachgebrauch sagt er dabei: “Erst ein solches Urteilen, ob ein Gegenstand, Handlung usf. gut oder schlecht, wahr, schön usf. ist, heißt man auch im gemeinen Leben urteilen” (§ 178). Was die Logik zuletzt erreicht, ist das, was man gewöhnlich überhaupt erst ein Urteil nennt — die drei früheren Stufen gelten im Alltag als Feststellungen. Der Übergang zum Schluss: Das Begriffsurteil sagt “Dieses Haus ist gut” — aber warum? Die Forderung nach Begründung treibt über das Urteil hinaus zum Schluss.
| Stufe | Form | Beispiel | Welterschließung |
|---|---|---|---|
| Daseins- | Unmittelbar | “Die Rose ist rot” | Wahrnehmung |
| Reflexions- | Quantifizierend | “Alle Metalle leiten” | Induktion |
| Notwendigkeits- | Gattung | “Gold ist ein Metall” | Wissenschaft |
| Begriffs- | Normativ | “Dieses Haus ist gut” | Ethik, Ästhetik |
Im Anschluss an Stekeler: Diese Stufen entsprechen unserer Lernpraxis:[2] Erst lernen wir einfache Prädikationen (Kinder: “Hund!”), dann Mengenbegriffe (alle Hunde), dann Wenn-Dann-Sätze (Gesetze), dann normative Urteile (guter Hund). Hegels Logik ist eine Logik der Bildung.
Johann Eduard Erdmann, Grundriss der Logik und Metaphysik, 3. Aufl., Halle 1848, Vorwort zur ersten Auflage. Erdmann fügt hinzu, die Übereinstimmung zwischen einem entwickelten Begriff und dem Sprachgebrauch nachzuweisen heiße, “sich stets der Einheit bewusst bleiben mit dem Gesammtbewusstseyn seines Volks”. ↩︎
Die Zuordnung der vier Urteilsformen zu Stufen der Lernpraxis ist eine eigene Zusammenfassung; Stekeler entwickelt die sprachpraktische Lesart des Urteils, ohne diese Vierstufung so zu geben. Vgl. für die Sache ebd., S. 596 (das Kind, das zu einer Spielfigur “Schaf” und “Mäh” sagt, tut nicht so, als sei das Holzstück ein Schaf) und S. 246. [KF] ↩︎