Kommentar zur Logik, Kapitel 15

Der systematische Kontrast

Form Determiniert durch Kausalität Zeitstruktur
Mechanismus Vergangenheit (Ursache -> Wirkung) Linear, blind Vergangen -> gegenwärtig
Chemismus Gegenseitige Affinität Wechselseitig, transformativ Gleichzeitig
Teleologie Vorweggenommenes Ende Ende bestimmt Anfang Der vorgestellte Zweck ordnet die gegenwärtigen Mittel

Die Teleologie überwindet die Grenze des Chemismus: Hier organisiert ein Zweck das Material. Zunächst bleibt er dem Material äußerlich — ein innerer Zweck wird er erst am Ende dieser Bewegung, im Übergang zum Leben. Was Bewusstsein hier nicht entscheidet. Eine Klarstellung, sonst verschieben sich zwei Unterscheidungen ineinander. Die Reihe der Objektivität geht von der äußeren zur inneren Zweckmäßigkeit — das ist der Unterschied, auf den es ankommt: In der Teleologie stehen Zweck und Material getrennt; im Leben ist der Zweck dem Gegenstand immanent. Ob dabei ein Bewusstsein im Spiel ist, ist logisch nicht entscheidend. Der “subjektive Zweck” ist eine logische Bestimmung, kein psychologischer Befund, und ein Organismus muss seinen Zweck nicht wissen, um innerer Zweck zu sein.

Erst im Geist tritt die reflektierte Zwecksetzung hinzu — die Intentio, das ausdrückliche “Ich setze mir den Zweck”. Das ist eine dritte Stufe, nicht die Definition der ersten. Wer Teleologie und Leben über das Bewusstsein unterscheidet, verfehlt genau den Übergang, der hier bevorsteht: Die Teleologie führt zum Leben, weil innere Zweckmäßigkeit ohne Bewusstsein möglich ist. [KF]

Stufe Zweckstruktur Bewusstsein
Teleologie äußerer Zweck logisch nicht entscheidend
Leben innerer Zweck, Selbstzweck nicht erforderlich
Geist reflektierte Zwecksetzung Intentio

Die mechanische Bewegung gehört nicht hierher: Schwere und Fall bestimmt Hegel innerhalb des Mechanismus. Vertiefung: Stekeler arbeitet diese Unterscheidung sprachanalytisch aus.[1]

Die drei Momente des Zwecks

Die logische Teleologie beschreibt die Struktur äußerer Zweckmäßigkeit; ihre paradigmatische Realisierung ist zweckgerichtetes Handeln. Strukturen innerer Zweckmäßigkeit treten erst im Leben auf — die Natur gehört hier nicht in die Spalte, weil eine gerichtete Dynamik noch keine Zwecksetzung ist. [KF]

Moment Beschreibung Beispiel (Hausbau)
Subjektiver Zweck Idee, noch nicht realisiert “Ich will ein Haus bauen”
Mittel Zweck objektiviert sich im Werkzeug Ziegel, Werkzeuge, Arbeiter
Realisierter Zweck Idee und Wirklichkeit vereint Das fertige Haus

Hegel über das Mittel: “der Pflug ist ehrenvoller, als unmittelbar die Genüsse sind, welche durch ihn bereitet werden und die Zwecke sind” (TWA 6, 453). Das Mittel ist dauerhafter als der realisierte Zweck — die Pflugschare überdauern die Ernten, die sie ermöglichten. Das Werkzeug bewahrt den menschlichen Zweck über den einzelnen Gebrauch hinaus. Der Mangel des Mittels: Es ist widerständig — der Hammer hat sein Gewicht, das Holz seine Maserung. Der Zweck muss die Eigenlogik des Mittels respektieren.

Was hier als logische Struktur erscheint, ist zugleich die Grundform menschlicher Arbeit: Wer arbeitet, setzt sich einen Zweck, wählt Mittel und verändert dabei drei Naturen zugleich — die äußere Natur, die Gesellschaft, und sich selbst. [[kapitalismus-einfuehrung:2]] (optional) entwickelt das ohne logische Voraussetzungen. Und weil das Mittel dauerhafter ist als der einzelne Zweck, wird es zum Träger von Geschichte: Werkzeuge, Verfahren und Institutionen überliefern Zwecksetzungen, die niemand mehr eigens beabsichtigt.

Hegel sagt, was die Teleologie von den beiden vorigen Formen übernimmt, und es ist keine Addition: Das teleologische Verhältnis “ist die Einheit des Mechanismus und des Chemismus. Der Zweck ist wieder wie das mechanische Objekt, in sich beschlossene Totalität, jedoch bereichert durch das im Chemismus hervorgetretene Princip der Differenz.”[2]

Vom Mechanismus hat der Zweck also die Geschlossenheit — er ist ein Ganzes für sich, nicht auf ein anderes angewiesen, um zu sein, was er ist. Vom Chemismus hat er die Differenz — er bezieht sich auf ein Objekt, das ihm gegenübersteht. Beides zusammen macht ihn handlungsfähig: Nur was in sich bestimmt ist, kann einen Zweck haben; nur was sich auf anderes richtet, kann ihn ausführen.

Dazu eine Warnung aus derselben Überlieferung: Der Mechanismus sei “auch diejenige Kategorie, welche sich der Reflexion bei Betrachtung der gegenständlichen Welt zunächst darbietet” — und bei der sie gern stehenbleibt. Das ist die Diagnose, die Kapitel 14 praktisch gewendet hatte, in Hegels eigenen Worten.[2:1]

Die List der Vernunft

Der Zweck setzt sich nicht direkt durch, sondern benutzt die Objekte gegeneinander: “Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig” (Enzyklopädie Bd. 1, § 209 Zus.). Sie stellt mechanische und chemische Prozesse in ihren Dienst, ohne sich selbst abzunutzen. Vollziehen Sie das: Der Bauer will Getreide. Er pflügt nicht mit bloßen Händen, sondern spannt den Ochsen vor den Pflug. Der Ochse folgt seinen eigenen Kräften (Muskelkraft, Hunger nach dem Futter am Ende der Furche) — der Bauer nutzt diese Kräfte für seinen Zweck, ohne sich selbst zu verausgaben. Das ist die List: Die Mittel arbeiten nach ihren eigenen Gesetzen, aber das Ergebnis dient dem Zweck.

Die Kollegien machen dabei eine Bestimmung deutlich, die im gedruckten Text leicht übersehen wird: Was die List kostet, ist das Mittel. Correvon 1824 hält fest: “Das äußerliche Mittel wird preisgegeben und gerade in diesem Preisgeben realisirt sich der Zweck.”[3] Kehler 1825 sagt es schärfer: “das Mittel wird verbraucht, weil der Zweck mit äußerlicher Objectivität zu thun hat, das Material wird bearbeitet, verändert”.[4] Und Rolin 1829 nennt das Verhältnis: “Das Mittel ist also dem Zweck unmittelbar unterworfen.”[5]

Das ist die logische Struktur — und sie ist genau dann harmlos, wenn das Mittel ein Ochse oder ein Pflug ist. Sobald Menschen das Mittel sind, beschreibt derselbe Satz etwas anderes. Hegel selbst zieht diese Folgerung an dieser Stelle nicht; sie wird in der Rechtsphilosophie und in der Kapitalismuskritik eingelöst, wo das System der Bedürfnisse die Arbeitenden als Mittel in Anspruch nimmt. Vgl. [[kapitalismus-einfuehrung:15]] (optional). [KF]

Gegenprobe: Trägt die Rede von der “List” überhaupt? Sie unterstellt eine Vernunft, die etwas plant. Nüchtern besagt die Figur nur: Ein Zweck erreicht mehr, wenn er die Eigengesetzlichkeit der Mittel nutzt, statt gegen sie zu arbeiten. Das ist keine Metaphysik, sondern die Grundform jeder Technik. Wo die Formel darüber hinaus behauptet, die Geschichte verfolge Zwecke, die niemand gesetzt hat, ist sie genau die Mystifikation, die Marx an Hegel kritisiert.

Die Figur hat eine unbequeme Kehrseite, sobald das Mittel ein Mensch ist. Wer die Kräfte anderer für seine Zwecke in Dienst nimmt, ohne sie zu zwingen — weil ihre eigenen Interessen sie ohnehin in diese Richtung bewegen —, praktiziert dieselbe List. Ob das Kooperation ist oder Ausbeutung, entscheidet nicht die Struktur, sondern ob die anderen den Zweck mitbestimmen. [[kapitalismus-einfuehrung]] (optional) entwickelt das an der Lohnarbeit. Der Pflug nutzt sich ab, der Ochse ermüdet — aber der Plan des Bauern bleibt unberührt und kann morgen wiederholt werden. Die Schwerkraft des Wassers treibt die Mühle, die Ausdehnung des Dampfes treibt die Maschine — in beiden Fällen benutzt der Zweck Naturkräfte, die von sich aus gar nichts wollen, und koordiniert sie so, dass sein Resultat herauskommt. Im Gesellschaftlichen: Adam Smiths unsichtbare Hand ist eine (unvollständige) Version der List der Vernunft — die Eigeninteressen der Marktteilnehmer werden durch den Markt so koordiniert, dass (idealerweise) ein Ergebnis entsteht, das keiner der Einzelnen beabsichtigt hat.

Die dialektische Kehrseite der List: Die Eigengesetzlichkeit des Mittels, die der Zweck ausnutzt, kann sich gegen den Zweck wenden. Die Technologie, die der Mensch entwickelt, um die Natur zu beherrschen, beginnt ihrerseits den Menschen zu beherrschen. Und Marx zeigt die schärfste Form: Das Geld, das im einfachen Tausch (W-G-W) als neutrales Mittel zwischen Gebrauchswerten dient, wird in der kapitalistischen Form (G-W-G’) zum Selbstzweck — das Geld, das als Mittel für menschliche Bedürfnisbefriedigung eingesetzt werden sollte, wird zum Maßstab, dem sich alles unterordnen muss. Gerade weil das Geld von den konkreten Gebrauchswerten abstrahiert, kann es sich verselbständigen und die Zwecke, denen es dienen sollte, unter sich begraben. Das ist keine Fehlanwendung der List der Vernunft. In der hier vorgenommenen Weiterführung zeigt sich vielmehr eine dialektische Kehrseite der Hegelschen Mittelanalyse: [KF] Die Eigengesetzlichkeit des Mittels, die es nützlich macht, ist zugleich das, was es gefährlich macht. Die Logik liefert hier das Instrumentarium für die Kritik — die Teleologie zeigt, warum diese Verkehrung strukturell möglich ist, nicht erst durch bösen Willen.

Äußere und innere Zweckmäßigkeit

Äußere Zweckmäßigkeit: Der Zweck kommt von außen — ein Werkzeug dient einem Nutzer. Hegels scharfe Kritik am Nützlichkeitsdenken: Alles nur als Mittel zu betrachten verfehlt die Selbstzweckhaftigkeit. Die Natur existiert nicht für den Menschen. Andere Menschen existieren nicht für unsere Zwecke. Die Aufklärung hat alles zu Mitteln gemacht — und sich damit in einen Widerspruch verstrickt: Wofür sind die Mittel Mittel, wenn es keinen Selbstzweck gibt?

Innere Zweckmäßigkeit: Der Organismus ist sich selbst Zweck. Er ist nicht Mittel für etwas anderes, sondern organisiert sich selbst. Jedes Organ dient dem Ganzen, und das Ganze dient jedem Organ — Zweck und Mittel fallen zusammen. Das ist der Übergang zur Idee des Lebens.

Die praktische Konsequenz dieser Unterscheidung: Wo ein Verhältnis so eingerichtet ist, dass Menschen darin nur als Mittel vorkommen, liegt kein moralischer Fehler einzelner vor, sondern eine Struktur der äußeren Zweckmäßigkeit. Hegels Rechtsphilosophie beginnt dabei nicht bei einer solchen Struktur: Die Person enthält von Anfang an den Anspruch, als freie anerkannt zu werden. Das Problem entsteht erst daraus, dass diese Anerkennung zunächst abstrakt bleibt und die Bedingungen ihrer eigenen Verwirklichung noch nicht enthält — die Bewegung von abstraktem Recht über Moralität zur Sittlichkeit ([[hegel-recht]] (optional)). Die Anerkennung anderer als Selbstzwecke — und was geschieht, wenn eine Ordnung sie systematisch verhindert — entwickelt [[kapitalismus-einfuehrung]] (optional).

Teleologie, Freiheit und Geschichte — Wichtige Klarstellung

Ein weit verbreitetes Missverständnis behauptet, Hegel vertrete eine teleologische Geschichtsphilosophie, in der ein Weltgeist sich durch die Geschichte verwirklicht und der Mensch bloßes Werkzeug eines kosmischen Prozesses sei. Wäre das Hegels Position, wäre sie eine Philosophie der Unfreiheit. Die Teleologie, die wir hier entwickelt haben, ist aber eine Objektivitätskategorie — sie zeigt die logische Struktur zweckmäßiger Prozesse, nicht mehr und nicht weniger. Sie sagt nichts darüber, wer die Zwecke setzt, welche Zwecke legitim sind, oder ob es einen kosmischen Endzweck gibt. Die entscheidende Pointe: Der Mensch, der versteht, was Teleologie ist, ist ihr nicht mehr ausgeliefert. Er kann fragen: Sind meine Zwecke meine Zwecke — oder habe ich sie unreflektiert übernommen? Gerade das ist Freiheit, nicht Unfreiheit.

System und Vollzug — Heinrichs’ Doppelperspektive im Detail

Form Als System Als Vollzug
Mechanismus Maschine, Behörde, Infrastruktur Routine, Transport, Regelausführung
Chemismus Ökosystem, Markt, soziales Netzwerk Reaktion, Tausch, Dialog
Teleologie Organismus, Organisation, Projekt Handeln, Arbeiten, Planen

Wer ein System verändern will, muss beide Seiten im Blick haben. Nur die Struktur ändern (neue Organigramme) reicht nicht — auch der Vollzug muss sich ändern (neue Praktiken). Und umgekehrt: Nur das Verhalten ändern wollen, ohne die Strukturen anzutasten, bleibt wirkungslos.

Stekeler liest die Objektivitätslehre handlungstheoretisch[6] — nicht als Naturstufen, sondern als Erklärungsformen:

Form Stekelers Lesart Unsere Erweiterung
Mechanismus Regelgeleitetes Handeln ohne Verstehen Auch vorsprachliche Strukturen
Chemismus Logik personaler Rollen (Vater/Kind, Käufer/Verkäufer) Auch vorsprachliche Affinitäten
Teleologie Logik der Arbeit und des Werkzeugs Auch nicht-sprachliche Formen der Zwecksetzung

Wo wir übereinstimmen: Stekelers Ent-Ontologisierung ist wertvoll — die Formen sind logische Strukturen, keine naiven Naturstufen. Wo wir erweitern: Stekelers Fokus auf sprachlich vermittelte Praktiken ist einseitig. Auch vorsprachliche Wesen zeigen diese Strukturen — die Sprache ist entscheidend für die volle Form, aber nicht für jede.

Schnittstellen und Kategorienfehler — Die Realität ist komplex

Fast alle realen Systeme zeigen mehrere Formen zugleich. Ein Unternehmen ist mechanisch (Infrastruktur, Buchhaltung), chemisch (Teamdynamik, Unternehmenskultur) und teleologisch (Strategie, Vision) — auf verschiedenen Ebenen, zu verschiedenen Zeiten. Die Fähigkeit, zu erkennen, auf welcher Ebene welche Form dominiert, verhindert Kategorienfehler: Soziale Systeme mechanisch behandeln (“Wenn wir nur die richtige Struktur haben…”) vergisst, dass Menschen keine Zahnräder sind. Mechanische Systeme teleologisch deuten (“Die Natur hat einen Plan”) vergisst, dass Evolution kein bewusster Designer ist. Teleologische Systeme chemisch reduzieren (“Bewusstsein ist nur Chemie”) verfehlt Emergenz. Die meisten Probleme entstehen an Schnittstellen — dort, wo verschiedene Systemlogiken aufeinandertreffen. Investieren Sie in Schnittstellen, nicht nur in Komponenten.

Die Grenze der Objektivität — Übergang zur Idee

Was hat die Objektivität geleistet? Der Begriff ist nicht im Kopf und die Wirklichkeit da draußen — die kategorialen Strukturen zeigen sich in der Erfahrung von Objektivität. Die höchste Form — die innere Zweckmäßigkeit — zeigt ein System, das sein eigener Zweck ist. Was fehlt noch? Nicht das Bewusstsein — das wäre derselbe Fehler, vor dem 16.1 warnt. Der Grund liegt in der Trennung selbst, und er hat eine Gestalt, die aus der Seinslogik bekannt ist: Solange Zweck und Objekt einander äußerlich bleiben, entsteht zwischen endlicher Zweckmäßigkeit und endlicher Objektivität eine schlechte Unendlichkeit.[7] Jeder erreichte Zweck wird zum Mittel des nächsten, jedes Resultat ruft ein weiteres hervor, und die Reihe kommt nicht zu sich. Das Haus steht, und man braucht ein Dach, und für das Dach Ziegel, und für die Ziegel einen Ofen.

Das ist kein moralischer Einwand gegen die Geschäftigkeit, sondern ein logischer: Eine Reihe, die nicht abbricht, bestimmt nichts. Wo aber der Zweck dem Gegenstand immanent ist, endet sie — nicht weil sie erschöpft wäre, sondern weil sie in sich zurückläuft.

Die Idee löst genau das: Hier ist der Zweck dem Gegenstand immanent. Die Organe sind nicht Mittel, die verbraucht werden, sondern Momente, die den Zusammenhang erhalten, der sie erhält. Dass der Organismus das nicht weiß, ändert daran nichts — das Wissen kommt erst im Geist hinzu.

Der kategoriale Sprung zur Idee: Die Objekte der Objektivitätslehre existieren für anderes — der Planet dreht sich um die Sonne, aber nicht für sich selbst. Das Leben bezieht sich auf sich selbst. Es ist Selbstzweck: Seine Prozesse dienen seiner eigenen Erhaltung. Das Selbst- ist nicht mystischer Zusatz, sondern Strukturqualität. Ein System mit Selbstbeziehung ist nicht mehr nur Objekt, sondern Subjekt — sich auf sich beziehend, für sich strebend, aus sich wirkend. Die Idee entfaltet sich dann in drei Stufen: Leben (unmittelbare Einheit, unbewusst), Erkennen und Wollen (entzweite Einheit, bewusst aber gespalten), absolute Idee (erkannte Einheit, die Methode wird sich ihrer selbst bewusst).

Rückblick: Objektivität als Stufenfolge

Mechanismus Chemismus Teleologie
Beziehungsform Äußerlich, gleichgültig Konstitutiv, polar Zweckmäßig, organisiert
Reflexionsform ≈ Setzende (Tautologie) ≈ Äußere (Differenz) ≈ Bestimmende (Integration)
Widerstandsform Objekt als Hindernis Objekt als Ergänzung Objekt als Material
Mangel Keine Selektivität Produkt ist tot Zweck kann verfehlt werden
Gewinn Selbstorganisation Emergenz Freiheit

Wo wir von Hegel abweichen (Transparenz):

Punkt Hegel Wir Begründung
Dreiebenen-Struktur Implizit Explizit durchgeführt Didaktische Klarheit
“Mangel” statt “Widerspruch” Widerspruch, Negation Mangel, Unvollständigkeit Vermeidung von Mystifikation
Moderne Beispiele 19. Jahrhundert Auch 21. Jh. (DNA, Internet, KI) Aktualisierung
S³-Struktur Genetisch-sukzessiv Systematisch-parallel Klarere Struktur

Kritische Selbstreflexion: Die drei Formen sind keine starren Kategorien, sondern Reflexionsstufen. Die Zuordnung realer Systeme erfordert Urteilskraft, nicht mechanische Anwendung. Die ontologische Frage (Denkform oder Seinsstruktur?) bleibt philosophisch umstritten — wir argumentieren, dass die Strukturen sich im Prozess realisieren, weder bloß subjektiv noch bloß objektiv. Und: Warum keine zusätzlichen Textkriterien aus der Objektivität? Weil die drei Formen bereichsspezifisch sind — sie gelten für bestimmte Inhaltsbereiche, nicht universell für alle Texte. Die universellen Kriterien bleiben die aus Seins- und Wesenslogik.

Was dieser Teil über Hegel hinaus leistet: (1) Die systematische Drei-Ebenen-Manifestation (Natur/Leben/Geist) für jede Objektivitätsform. (2) Heinrichs’ System/Vollzug-Doppelperspektive als Auflösung des Habermas-Luhmann-Streits. (3) DNA als paradigmatischer Übergang vom Chemismus zur Teleologie. (4) Die durchgängige methodische Warnung: Funktionieren ≠ Legitimität.

Praktische Werkzeuge für die Objektivität

Das Diagnose-Tool: Analysieren Sie ein System: Ist es überwiegend mechanisch (Teile austauschbar, zerlegbar, feste Regeln)? Chemisch (Affinitäten, Emergenz, qualitative Transformationen)? Teleologisch (Zwecke, Selbstorganisation, Zielgerichtetheit)? Wahrscheinlich zeigt es mehrere Formen.

Was folgt daraus praktisch? Zunächst die Frage, welche Form dominiert und welche Probleme daraus entstehen — denn ein Gefüge ist selten in allen Hinsichten defizient, und die Diagnose entscheidet, wo anzusetzen ist. Fehlt die mechanische Seite, sind Strukturen zu klären und Abläufe festzulegen. Fehlt die chemische, braucht es Beziehungen, in denen die Beteiligten aufeinander angewiesen sind statt nebeneinander zu arbeiten. Fehlt die teleologische, sind Zwecke zu klären und Rückmeldung einzurichten, so dass das Gefüge sich selbst korrigieren kann.

Und danach dieselbe Prüfung noch einmal, denn eine Intervention verändert das Gefüge und damit die Diagnose: Was vorher fehlte, kann jetzt im Übermaß da sein.

Das Komplexitäts-Tool: Für komplexe Probleme alle drei Ebenen prüfen: (1) Mechanische Basis sichern — funktioniert die Infrastruktur? (2) Chemische Dynamik ermöglichen — können die Teile interagieren? (3) Teleologische Ausrichtung schaffen — sind die Zwecke klar? Fehlt eine Ebene, wird das System scheitern oder suboptimal bleiben.

Ideologiekritische Dimension der drei Formen

Jede Objektivitätsform hat ein spezifisches Ausbeutungspotential, das erkannt werden muss: Mechanismus — globale Lieferketten, “Humanressourcen”, Gig-Economy: Die Gleichgültigkeit der Elemente ermöglicht Ausbeutung (Menschen sind austauschbar wie Zahnräder). Frage: Wem nützt diese Gleichgültigkeit? Chemismus — Plattformökonomie, Konsumideologie, toxische Gruppendynamik: Die Intensität der Bindung ermöglicht Ausbeutung (simulierte Anerkennung ohne echte Wechselseitigkeit — Social Media verbindet, aber auf den Bedingungen der Plattform). Teleologie — Sachzwänge, TINA (There Is No Alternative), neoliberale Selbstoptimierung: Der gesetzte Zweck erscheint als gegebener — teleologische Verschleierung. Unternehmer seiner selbst = scheinbare Selbstbestimmung, tatsächlich Unterwerfung unter fremde Zwecke.

Marx’ Einsichten auf die drei Formen angewandt: Mechanismus -> äußere Strukturkritik (Streik, Organisierung). Chemismus -> Bewusstwerdung (Aufklärung über verinnerlichte Ideologie). Teleologie -> alternative Zwecksetzung (Leben statt Verwertung). Alle drei Formen der Kritik sind nötig — nur eine davon reicht nicht.

Teil 3.3: Die Idee — Leben, Erkennen, absolute Methode

Worum geht es? Um die Frage, wie Denken und Wirklichkeit zusammenkommen: im Lebendigen (das sich selbst erhält), im Erkennen (das die Welt begreift) und in der Methode (die sich selbst durchschaut). Das ist nicht akademisch — es geht um die Frage, was Wahrheit am Ende wirklich bedeutet.

Organisierendes Prinzip

Die Idee ist die Einheit von Begriff und Objektivität — nicht als nachträgliche Synthese, sondern als Prozess, der sich selbst hervorbringt, erhält und entwickelt. Die Bewegung verläuft in drei Stufen zunehmender Bewusstheit: Leben (unmittelbare Selbstbeziehung — sich erhalten, ohne zu wissen warum), Erkennen und Wollen (entzweite Selbstbeziehung — Theorie und Praxis als getrennte Perspektiven), absolute Idee (Selbsterkenntnis der Methode — die Logik wird sich ihrer eigenen Bewegungsformen bewusst).


  1. Ebd., S. 739 f.: Ein nur objektives Telos des Verhaltens von Pflanzen und Tieren sei noch kein subjektiv gefasster Zweck, keine Absicht und keine Intention, sondern erst Trieb und strebendes Begehren. Zur Herkunft der Unterscheidung bei Kant ebd., S. 756. ↩︎

  2. Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, sekundäre Überlieferung zu §§ 194 f.: GW 23.3, S. 946. ↩︎ ↩︎

  3. Nachschrift Correvon, Kolleg 1824, zu § 158: GW 23.1, S. 301. ↩︎

  4. Nachschrift Kehler, Kolleg 1825, zu § 158: GW 23.1, S. 397 f. ↩︎

  5. Nachschrift Rolin, Kolleg 1829: GW 23.2, S. 639. ↩︎

  6. Ebd., S. 710 f. (Mechanismus als Erklärungsform) und S. 765 (die Teleologie als Wahrheit von Mechanismus und Chemismus, weil zweckfreie Prozesse nur in Differenz zum Leben und das Leben nur in Differenz zum geistigen Leben personaler Individuen verstanden werden). ↩︎

  7. Maybee, Picturing Hegel, zum Übergang zur Idee: “The externality or opposition between the subjective purpose and the object leads to a spurious infinity between finite purposiveness and finite objectivity.” ↩︎