Kommentar zur Logik, Kapitel 17
Warum die Einheit sich entzweien muss
Das Leben ist Einheit von Begriff und Objektivität — aber unbewusste Einheit. Es lebt, ohne zu wissen, dass es lebt. Der Organismus verdaut, ohne Biochemie zu kennen. Erkennen und Wollen sind die Entzweiung dieser Einheit in zwei gegenläufige Bewegungen — und beide Richtungen müssen durchlaufen werden, bevor die Einheit bewusst wiederhergestellt werden kann.
Theoretische Idee — Das Erkennen
Erkennen ist der Versuch, die Wirklichkeit in Gedanken zu fassen — sie zu durchdringen und zu begreifen. Richtung: Welt -> Begriff. Zwei Formen:
Analytisches Erkennen: Zerlegung des Gegebenen in seine Bestandteile. Der Chemiker analysiert Wasser und findet H₂O. Der Grammatiker zerlegt den Satz in Subjekt, Prädikat, Objekt. Stärke: Findet, was da ist. Grenze: Kann nur finden, was es bereits sucht — die Kategorien der Zerlegung (Elemente, Wortarten) werden vorausgesetzt, nicht aus der Sache gewonnen. Das analytische Erkennen erklärt das Bekannte, entdeckt aber nichts Neues.
Der Übergang: Was dem analytischen Erkennen fehlt, lässt sich genauer sagen als mit dem Hinweis auf seine Voraussetzungen. Es kann das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen nicht fassen. Sobald das Urteil “U ist S” gefällt ist, erscheint dieses Verhältnis als unmittelbar — aber Verhältnisse sind nie unmittelbar. Ein U ist ein S immer auf eine bestimmte Weise, und es gibt viele Weisen: das ist der Identität, das zwischen Teil und Ganzem, zwischen Kraft und Äußerung, zwischen Grund und Begründetem, zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Allgemeinem und Einzelnem.[1] Wer Katze ist Hauskatze sagt, hat eine dieser Weisen gewählt, ohne es zu sagen. Das synthetische Erkennen macht gerade diese Weise ausdrücklich — und deshalb folgt es.
Bemerkenswert ist, woher die Liste stammt: Es sind die Verhältnisse der Wesenslogik. Das Erkennen gebraucht sie als seine Mittel, nachdem sie dort entwickelt wurden.
Synthetisches Erkennen: Konstruktion aus Prinzipien heraus — Definition, Einteilung, Beweis. Die Geometrie definiert den Kreis, teilt ein in Durchmesser, Radius, Umfang, und beweist den Zusammenhang (U = 2πr). Stärke: Erzeugt notwendiges Wissen (der Beweis erzwingt die Folgerung). Grenze: Die Ausgangsdefinitionen und Axiome werden angenommen, nicht bewiesen — das synthetische Erkennen ruht auf unbegründeten Fundamenten. Deshalb kann die Mathematik innerhalb ihrer Axiome alles beweisen, aber die Axiome selbst nicht.
Vollziehen Sie den Übergang: Das analytische Erkennen kann das Gegebene nicht wirklich verstehen (es setzt Kategorien voraus). Das synthetische Erkennen kann seine Fundamente nicht beweisen. Beide zusammen erschöpfen das theoretische Erkennen — und beide sind unvollständig. Das nötigt zur praktischen Idee — aber nicht aus Resignation. Der Grund ist ein struktureller: Im theoretischen Erkennen steht die Objektivität dem Begriff noch als vorgefundene Voraussetzung gegenüber; das Erkennen nimmt die Welt, wie sie ist. In der praktischen Idee tritt der Begriff selbst als bestimmender Zweck auf und verlangt seine Objektivierung. Die Richtung kehrt sich um, weil der Begriff aufhört, sich einer fertigen Welt anzupassen.
Weitergeführt: Vollständige vernünftige Praxis verlangt deshalb weder bloßes Erkennen noch blindes Wollen, sondern eine rekursive Bewegung — erkennen, handeln, Wirkungen erfahren, Zwecke und Mittel korrigieren. Das ist dieselbe Figur, die [[wahrheit]] (optional) als Selbstkorrektur des Erkennens und [[systematisches-denken]] (optional) als Bildung tragfähiger Ordnungen entwickeln. [KF]
Praktische Idee — Das Wollen
Das Wollen ist der Versuch, die Wirklichkeit nach Zwecken umzugestalten — das Gute zu realisieren. Richtung: Begriff -> Welt. Der Ingenieur plant die Brücke, der Reformer den Staat, die Ärztin die Heilung. Stärke: Verändert die Welt tatsächlich. Grenze: Der Wille allein bleibt subjektiv — bloßes Sollen, das die Welt als widerständig erfährt. Und: Woher weiß der Wille, was gut ist? Er braucht das Erkennen, um seine Zwecke zu prüfen — die Praxis verweist zurück auf die Theorie.
Der Preis des Bewusstseins
Das Leben war unmittelbare Einheit (Organismus lebt, ohne zu fragen). Das Erkennen entzweit diese Einheit — es trennt Subjekt und Objekt, Theorie und Praxis. Das ist ein Verlust (Unschuld, Naivität, Sicherheit) und ein Gewinn (Prüfbarkeit, Korrektur, Freiheit). Der Preis des Bewusstseins ist die Entzweiung, sein Lohn die Möglichkeit der bewussten Wiedervereinigung in der absoluten Idee.
Warum beide unvollständig sind — an den drei Prozessen gemessen. Das Leben hatte alle drei Momente der Selbstbeziehung: bei sich in der inneren Organisation, für sich im Stoffwechsel, aus sich in der Fortpflanzung. Erkennen und Wollen haben je zwei davon, und es fehlt jeweils ein anderes.
Dem Erkennen fehlt das Aus-sich-Sein. Das erkennende Subjekt ist bei sich — es weiß, dass es denkt, es reflektiert. Aber es verändert die Welt nicht. Ein Forscher erkennt Gesetze, versteht Zusammenhänge, formuliert Theorien; die Welt bleibt, wie sie ist. Der Kreis schließt sich nicht, weil das Subjekt nicht als verändernde Kraft zur Welt zurückkehrt.
Dem Wollen fehlt das stabile Für-sich-Sein. Das wollende Subjekt ist aus sich — es handelt, gestaltet, greift ein. Aber das Wollen bleibt Sollen: Der Zweck ist nie vollständig erreicht, die Welt widersteht, das Gute bleibt Aufgabe. Ein Reformer hat eine Vision und handelt; was er verwirklicht, entspricht nie ganz dem, was er wollte. Auch hier schließt sich der Kreis nicht, nur an der anderen Stelle.
Das ist der Grund, warum hier keine Vermittlung dargestellt wird, die es nicht gibt. Die beiden Defizite sind komplementär — und genau deshalb verweisen Erkennen und Wollen aufeinander, ohne dass eines das andere aufheben könnte.
Zur Ebene dieses Kapitels: Erkennen und Wollen sind hier zunächst logische Bestimmungen — die theoretische und die praktische Idee —, keine Beschreibung eines empirischen Bewusstseins. Erst in der Philosophie des Geistes treten diese Strukturen als menschliches Erkennen und bewusstes Wollen auf. Die folgenden Beispiele illustrieren die logische Form; sie definieren sie nicht. [KF]
Warum das Wollen über das Erkennen hinausgeht
Hier ist eine Täuschung abzuwehren, die bei Hegel besonders naheliegt: dass das Erkennen alles sei. Die Logik ist ein Denken des Denkens, ein Erkennen des Erkennens, und am Ende kommt sie bei sich an — sie hat sich als System dargestellt und ist damit, soweit es überhaupt erreichbar ist, vollständig erkannt. Das kann den Eindruck erzeugen, damit sei alles erreicht.
Dagegen ist zunächst festzuhalten, dass es kein Mangel ist, wenn Wissenschaft wissenschaftlich bleibt. Man kann die Wissenschaft nicht essen, und das Denken kann nicht weinen — aber das ist keine Unvollkommenheit, sondern ihre Bestimmtheit. Wer der Logik vorwirft, sie sei bloß logisch, hat nicht verstanden, was sie sein soll. [KF]
Zugleich ist der Unterschied festzuhalten, und er lässt sich an einem Beispiel nicht wegdiskutieren: Wer den Begriff des Hungers hat, ist davon nicht satt. Wer den Begriff des Durstes und den der Sättigung vollständig entwickelt hat, hat seinen Durst nicht gelöscht. Das Erkennen des Wollens ist nicht das Wollen.
Damit ist gesagt, warum das Wollen nicht in das Erkennen aufgeht, auch nicht in der absoluten Idee: Es will etwas anderes als Erkenntnis. Und damit ist zugleich vorbereitet, was am Ende der Logik ansteht — der Übergang zur Natur ist keine Verlegenheitslösung. Wir sind denkende Wesen, die einen Körper haben und mit Natur und anderen Menschen umgehen. Dass es etwas anderes gibt als die Logik, ist nicht beweisbedürftig; es ist die Voraussetzung, unter der die Logik überhaupt betrieben wird. Sie macht explizit, was in der Praxis implizit am Werk ist — und eine Praxis, die nur aus Logik bestünde, gab es nie. [KF]
Absichtlich keine vollständige Vermittlung in K21: Die Pointe ist gerade die Unvollständigkeit. Erkennen und Wollen bleiben aufeinander verwiesen, ohne dass eine Seite die andere absorbiert. Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind. Die Einheit beider — eine Wirklichkeit, die sich selbst begreift, und ein Begreifen, das Wirklichkeit gestaltet — ist die absolute Idee.
Maybee, Picturing Hegel, zur synthetischen Methode: “relationships are not immediate. U ‘is’ S always in some specific way.” ↩︎