Albrecht Wellmer – Kritik der kritischen Theorie von innen (1969-1985)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Kritiker im eigenen Haus

Albrecht Wellmer (1933-2018) war ein Schüler Adornos und Habermas’ – und wurde zum schärfsten Kritiker beider von innen. Sein Projekt: die kritische Theorie mit den Mitteln der analytischen Philosophie zu konfrontieren, ohne sie aufzugeben. Er war damit ein Grenzgänger, der die Frankfurter Schule für die angelsächsische Tradition öffnete.[1]

Wellmer studierte in Berlin, Heidelberg und Frankfurt, wo er 1966 bei Adorno promovierte. Nach Adornos Tod 1969 setzte er dessen Kritik fort – aber in produktiver Transformation. Seine Frage: Kann die kritische Theorie ihre eigenen Ansprüche einlösen? Oder scheitert sie an performativen Widersprüchen, die nur durch Revision ihrer Grundlagen zu überwinden sind?

„Kritische Gesellschaftstheorie und Positivismus“ (1969)

Wellmers erstes Hauptwerk analysiert den Positivismus-Streit der 1960er Jahre zwischen der Frankfurter Schule (Adorno, Habermas) und dem kritischen Rationalismus (Popper, Albert).[2] Seine These ist nuanciert: Beide Seiten haben recht – und beide irren.

Der Positivismus irrt, weil er die soziale Bedingtheit von Erkenntnis verkennt. Wissenschaft ist nicht neutral, sondern historisch situiert. Die Wahl von Forschungsprogrammen, die Definition von Problemen, die Akzeptanz von Lösungen – all das ist von Interessen geleitet, die der positivistische Wissenschaftler nicht reflektiert.

Aber auch die kritische Theorie irrt – in anderer Weise. Sie behauptet ein „emanzipatorisches Interesse“, das sie selbst nicht zureichend begründen kann. Woher kommt dieses Interesse? Ist es anthropologisch (der Mensch strebt von Natur aus nach Freiheit)? Ist es historisch (die Moderne bringt es hervor)? Ist es normativ (es sollte so sein)? Adorno und Habermas oszillieren zwischen diesen Optionen, ohne sich zu entscheiden.

Die Kritik an Adorno

Wellmers wichtigste Kritik betrifft Adornos „Negative Dialektik“.[3] Er teilt Adornos Skepsis gegenüber dem geschlossenen System – aber er zeigt, dass Adornos eigene Position in einen performativen Widerspruch führt:

Adorno kritisiert „Identitätsdenken“ – das Subsumieren des Einzelnen unter Allgemeines. Aber diese Kritik selbst subsumiert alle Philosophie unter die Kategorie „Identitätsdenken“. Adorno verwendet Begriffe, um gegen Begriffe zu argumentieren. Er schreibt ein systematisches Buch gegen Systematik.

Das ist nicht bloß formale Inkonsistenz – es ist ein tieferes Problem. Adorno kann nicht sagen, was statt „Identitätsdenken“ treten soll. Das „Nichtidentische“, das er retten will, bleibt leer. Es ist pure Negativität, ohne positive Bestimmung.

Wellmers Lösung: Statt totale Kritik am Begriff zu üben, sollte man zwischen verschiedenen Weisen des Begreifens unterscheiden. Es gibt reduktive Begriffe (die das Einzelne dem Allgemeinen opfern) und integrative Begriffe (die das Einzelne als Moment des Allgemeinen denken). Hegels Dialektik zielt auf Letzteres – auch wenn Hegel selbst nicht immer konsequent war.

Die Kritik an Habermas

Wellmer kritisiert auch Habermas – allerdings konstruktiver.[4] Seine Einwände betreffen die Grundlagen der Kommunikationstheorie:

Erstens: Habermas’ Unterscheidung von „strategischem“ und „kommunikativem“ Handeln ist zu scharf. In der Realität sind beide vermischt. Jede Kommunikation enthält strategische Elemente (ich will überzeugen), jede Strategie kommunikative (ich muss verstanden werden). Die ideale Sprechsituation ist nicht nur kontrafaktisch – sie ist auch als Ideal problematisch, weil sie die Realität der Macht ausblendet.

Zweitens: Habermas’ Konsenstheorie der Wahrheit ist zirkulär. Wahrheit soll das sein, worauf sich alle unter idealen Bedingungen einigen würden. Aber was sind „ideale Bedingungen“? Solche, unter denen wahre Aussagen akzeptiert werden. Der Zirkel ist nicht aufzulösen.

Drittens: Die vier Geltungsansprüche (Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit, Verständlichkeit) werden behauptet, nicht abgeleitet. Warum gerade vier? Warum diese vier? Die Systematik bleibt unbegründet.

Die Brücke zur analytischen Philosophie

Wellmers Innovation lag in seiner Rezeption der analytischen Sprachphilosophie. Er studierte Wittgenstein, Austin, Searle – und zeigte, dass deren Einsichten für die kritische Theorie fruchtbar gemacht werden können.[5]

Von Wittgenstein lernte er: Bedeutung ist Gebrauch. Es gibt keine „Tiefenstruktur“ der Sprache jenseits ihrer Verwendung. Das korrigiert Adornos Tendenz, hinter den Begriffen noch ein „Eigentliches“ zu suchen, das sich dem Begriff entzieht.

Von Austin und Searle lernte er: Sprache ist nicht nur Darstellung, sondern Handlung. Sprechakte haben „illokutionäre Kraft“ – sie versprechen, warnen, befehlen, nicht nur beschreiben. Das ergänzt Habermas’ Kommunikationstheorie durch eine präzisere Analyse der Sprachhandlungen.

Von Davidson lernte er: Es gibt keine inkommensurablen „Begriffsschemata“. Verstehen ist immer möglich, auch wenn es schwierig ist. Das korrigiert den kulturellen Relativismus, der in manchen Versionen der kritischen Theorie lauert.

„Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne“ (1985)

Wellmers Spätwerk reagiert auf die postmoderne Herausforderung.[6] Seine Position ist differenziert: Die Postmoderne hat recht in ihrer Kritik am geschlossenen System, an der Teleologie, an der Totalisierung. Aber sie irrt, wenn sie Vernunft überhaupt verabschiedet.

Die Moderne ist nicht abgeschlossen – sie ist ein „unvollendetes Projekt“ (Habermas). Aber dieses Projekt kann nicht linear fortgesetzt werden. Es muss transformiert werden: von monologischer zu dialogischer Vernunft, von totalisierender zu pluraler Systematik, von teleologischer zu offener Geschichte.

Wellmer nennt das „Nachmetaphysisches Denken“ – ein Denken, das die Einsichten der Metaphysikkritik (Nietzsche, Heidegger, Postmoderne) aufnimmt, ohne in Irrationalismus zu verfallen. Es ist möglich, ohne Letztbegründung zu denken – aber nicht ohne Gründe.

Systematische Einordnung

Wellmer steht für eine Position, die in der deutschen Nachkriegsphilosophie selten war: immanente Kritik ohne Totalverwerfung. Er kritisierte Adorno schärfer als die meisten – aber er blieb der Frankfurter Schule treu. Er kritisierte Habermas präziser als die meisten – aber er anerkannte dessen Verdienste.

Für die Hegel-Rezeption ist Wellmer wichtig, weil er zeigt: Die Kritik an Hegel (Identitätsdenken, geschlossenes System, Teleologie) muss nicht zur Verwerfung führen. Sie kann zur Transformation führen – zu einer Dialektik, die ihre eigenen Grenzen reflektiert, die pluraler, offener, selbstkritischer ist als Hegels eigene Formulierung.

Was Wellmer nicht leistet: eine systematische Rekonstruktion dieser transformierten Dialektik. Er bleibt bei der Kritik, bei der Korrektur, bei der Ergänzung. Das positive Programm – wie eine nachmetaphysische Dialektik aussehen könnte – bleibt Desiderat.


  1. Zu Wellmers Biographie und intellektueller Entwicklung siehe: Stefan Müller-Doohm (Hrsg.), Das Interesse der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit „Erkenntnis und Interesse“, Frankfurt: Suhrkamp, 2000 (enthält Wellmers Selbstdarstellung). ↩︎

  2. Albrecht Wellmer, Kritische Gesellschaftstheorie und Positivismus, Frankfurt: Suhrkamp, 1969. Das Buch wurde zum Standardwerk der Auseinandersetzung. ↩︎

  3. Die Adorno-Kritik findet sich verstreut in: Albrecht Wellmer, Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne: Vernunftkritik nach Adorno, Frankfurt: Suhrkamp, 1985, bes. S. 48-114. ↩︎

  4. Die Habermas-Kritik besonders in: Albrecht Wellmer, „Konsens als Telos sprachlicher Kommunikation?“, in: H.-J. Giegel (Hrsg.), Kommunikation und Konsens in modernen Gesellschaften, Frankfurt: Suhrkamp, 1992, S. 18-30. ↩︎

  5. Wellmers Rezeption der analytischen Philosophie dokumentiert: Sprachphilosophie. Eine Vorlesung, Frankfurt: Suhrkamp, 2004 (posthum). Die Vorlesungen zeigen seine souveräne Kenntnis beider Traditionen. ↩︎

  6. Albrecht Wellmer, Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne, a.a.O. Das Buch wurde international rezipiert und zeigte einen differenzierteren Umgang mit der Postmoderne als Habermas’ pauschale Ablehnung. ↩︎