Johann Gustav Droysen (1808-1884): Der methodenbewusste Hegelianer
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Leben und intellektueller Kontext
Johann Gustav Droysen wurde 1808 in Treptow an der Rega geboren. Er studierte ab 1826 in Berlin, wo er neben Hegel auch bei August Boeckh und Karl Lachmann hörte. 1827-1829 war er Hauslehrer bei der Familie Mendelssohn - Felix Mendelssohn-Bartholdy war sein Schüler.
In Berlin begegnete er Alexander von Humboldt, Savigny, Rahel Varnhagen und Heinrich Heine - Namen, die größtenteils mit Hegel verbunden waren. Boeckh, der berühmte Altertumsforscher, veröffentlichte in Hegels und Gans’ “Hegel-Zeitung”, den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik. Heine war Hegels Schüler. Die Varnhagens gehörten zu Hegels engstem Bekanntenkreis; Hegel ging in deren Haus ein und aus, ebenso bei den Mendelssohns.[1]
Savigny und Alexander von Humboldt dagegen waren Hegel-Skeptiker - Humboldt wegen Hegels angeblicher Empirie-Verachtung (sein Bruder Wilhelm hingegen schrieb für die Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik). Das intellektuelle Berlin der 1820er Jahre kannte sowohl Hegelianer als auch Anti-Hegelianer, und Droysen stand von Anfang an auf der hegelianischen Seite.
Nach Stationen in Berlin, Kiel, Jena und wieder Berlin entwickelte Droysen in insgesamt 17 Vorlesungszyklen (1857-1882/83) seine “Historik” - die erste umfassende Methodenlehre der modernen Geschichtswissenschaft.
Die “Geschichte Alexanders des Großen” (1833)
Schon Droysens Erstlingswerk zeigt die hegelsche Prägung. Er prägte den Begriff “Hellenismus” als Epochenbezeichnung für die Zeit zwischen Alexander und Kleopatra und deutete diese Epoche nicht als Verfallszeit, sondern als notwendige Vorbereitung für das Christentum.
Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen kommentiert: “Für Droysens frühes Opus magnum ist die Hegelsche Prägung unverkennbar. Dabei bezog er Hegels Geschichtsdenken auf den Fortschritt, dem der Historiker das größte Gewicht geben müsse.”[2]
Die “Historik” - Verstehen statt Erklären
Droysens methodisches Hauptwerk enthält die berühmte Unterscheidung: “Die historische Forschung will nicht erklären […] sondern verstehen.”[3] Diese Formel, die später von Dilthey systematisch ausgearbeitet wurde, begründete die methodologische Eigenständigkeit der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften.
Die Methode gliedert Droysen in drei Schritte:
- Heuristik: Das Auffinden der Quellen
- Kritik: Die systematische Prüfung der Quellen
- Interpretation: Die Deutung der Quellen
Dabei unterscheidet er den “Stoff” nach seiner Entstehungsweise:
- Überreste: Unabsichtlich übrig gebliebenes Material
- Quellen: Willentlich hinterlassene Zeugnisse
- Denkmäler: Mischformen aus beiden
Hegels objektiver Geist in methodologischer Wendung
Droysen übernahm von Hegel den Begriff der “sittlichen Mächte” - das sind die überindividuellen Strukturen, in denen sich menschliches Handeln vollzieht: Familie, Gesellschaft, Staat, Religion, Kunst, Wissenschaft. Bei Hegel entspricht das dem objektiven Geist (Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat) UND dem absoluten Geist (Kunst, Religion, Philosophie).
Es ist interessant, dass Droysen diese bei Hegel getrennten Sphären zusammenfasst. Auch die Völkerpsychologie (Lazarus, Steinthal) wird später Hegels objektiven und absoluten Geist unter dem einen Begriff des “Volksgeistes” zusammenlegen - und zwar unter dem Namen “objektiver Geist”.[4] Diese Zusammenlegung ist nicht ganz willkürlich, denn objektiver und absoluter Geist teilen ein gemeinsames Verhältnis zum subjektiven Geist.
Die Frage der Distanzierung
Eine offene Frage bleibt: Hat Droysen sich wirklich von Hegel distanziert - oder hat er sich nur strategisch abgesetzt, um den Hegel-Kritikern nicht “zum Fraße zu fallen”?
Die Sekundärliteratur betont oft Droysens angebliche Abkehr. Er verwies “im Sinne einer Abkehr von Hegel immer wieder darauf, dass der Boden der historischen Erkenntnis empirisch sei und nicht spekulativ.”[5] Aber das ist kein zwingender Gegensatz. Auch Hegel betonte die empirische Grundlage der Wissenschaften - er fügte nur hinzu, dass Empirie allein noch keine Wissenschaft ist.
Die Historik-Forschung (etwa Herbert Schnädelbach) hat gezeigt, dass Droysen keineswegs ein Anti-Hegelianer war, sondern Hegels Geschichtsphilosophie methodologisch reformulierte. Sein berühmtes Diktum - er brauche “einen höheren Gesichtspunkt als das Kritisieren der Quellen” - ist ganz im Sinne Hegels.
Vgl. Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit, München 2019 - die derzeit beste Quelle zu Hegels Biographie und Umfeld. ↩︎
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Artikel “Droysen, Johann Gustav”. ↩︎
Droysen, Grundriss der Historik (1868), § 8. ↩︎
Vgl. Kapitel 8a.1 zur Völkerpsychologie. ↩︎
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Artikel “Droysen, Johann Gustav”. ↩︎