Die Oktoberrevolution (1917) als zweite Zäsur
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Mitten im Ersten Weltkrieg ereignete sich eine zweite philosophische Zäsur: Die Oktoberrevolution 1917 in Russland. Sie beendete abrupt die pluralistische, lebendige russische Hegel-Rezeption und installierte eine Orthodoxie, die Hegel nur noch als „Vorläufer von Marx“ gelten ließ.
Das Ende der pluralistischen Rezeption
Die religiösen Philosophen - Berdjajew, Bulgakov, Frank - wurden 1922 auf dem „Philosophenschiff“ aus Russland ausgewiesen. Ihre Werke verschwanden aus den Bibliotheken. Die idealistischen Positionen wurden als „reaktionär“ verdammt. Nur noch die materialistische, marxistische Lesart war zulässig.
Die Stalinisierung der Dialektik
Unter Stalin (ab 1928) wurde die Dialektik vollends dogmatisiert. Der „kurze Lehrgang“ zur Geschichte der KPdSU (1938) reduzierte die Dialektik auf vier mechanische „Grundzüge“. Andrej Zhdanov formulierte 1947 die offizielle Parteilinie: Philosophie ist „Waffe im Klassenkampf“. Abweichende Interpretationen wurden nicht nur theoretisch kritisiert, sondern politisch verfolgt.
Die Deborin-Schule, die in den 1920er Jahren noch eine differenzierte Hegel-Interpretation vertreten hatte, wurde liquidiert. Bücher verschwanden aus den Bibliotheken, Personen aus der Öffentlichkeit - und oft aus dem Leben.
Philosophische Folgen
Die Sowjetunion schuf eine eigene Form der Hegel-Rezeption: Hegel als Vorläufer, dessen Verdienst darin bestand, die Dialektik „idealistisch mystifiziert“ zu haben, die Marx dann „vom Kopf auf die Füße gestellt“ habe. Diese Formel wurde zur Orthodoxie.
Die produktiven Ansätze der vor-revolutionären russischen Rezeption (siehe Kapitel 17) gingen verloren. Die sowjetische Hegel-Rezeption erstarrte zur Staatsideologie. Erst nach Stalins Tod (1953) begann eine vorsichtige Lockerung.
Zur vor-revolutionären Rezeption siehe Kapitel 17. Zur sowjetischen Rezeption nach 1920 siehe Kapitel 21.