Ernst Mach (1838-1916) - Empiriokritizismus und die Elimination der Metaphysik
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Bevor Russell und die analytische Philosophie ihre Rebellion gegen die Metaphysik vollzogen, hatte Ernst Mach bereits die philosophischen Grundlagen gelegt. Mach war kein akademischer Philosoph, sondern Physiker und Physiologe - doch seine erkenntnistheoretische Position hatte weitreichende Konsequenzen für die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Er bildete die entscheidende Brücke zwischen dem klassischen Positivismus Auguste Comtes und dem logischen Empirismus des Wiener Kreises.
Biographischer Kontext und wissenschaftliche Grundhaltung
Ernst Mach wirkte als Professor für Physik in Prag (1867-1895) und später in Wien (1895-1901). Seine wissenschaftliche Arbeit umfasste bedeutende Beiträge zur Mechanik, Akustik und Optik. Die nach ihm benannte Mach-Zahl in der Aerodynamik zeugt von seiner empirischen Bedeutung.[1]
Machs philosophisches Hauptwerk „Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen“ (1886) entwickelte eine radikal empiristische Erkenntnistheorie. Sein Ziel war die „Ökonomie des Denkens“ - die Wissenschaft sollte sich auf das Beobachtbare beschränken und alle metaphysischen Zusatzannahmen eliminieren. Diese Forderung nach Elimination überflüssiger Entitäten ist eine empiristische Variante von „Ockhams Rasiermesser“.[2]
Das Grundprinzip: Reduktion auf Empfindungskomplexe
Machs zentrale These war radikal einfach: Die Welt besteht aus Empfindungen (Farben, Töne, Drücke, Wärme, Gerüche, Räume, Zeiten etc.). Was wir „Dinge“ oder „Körper“ nennen, sind relativ beständige Komplexe von Empfindungen. Es gibt keine dahinterliegende „Substanz“, kein „Ding an sich“, sondern nur funktionale Zusammenhänge zwischen Empfindungen.[3]
Diese Position hatte drei radikale Konsequenzen, die für die Hegel-Kritik bedeutsam wurden:
Die Elimination der Substanz: Der Begriff „Substanz“ als beharrlicher Träger wechselnder Eigenschaften ist metaphysisch überflüssig. Was wir „Tisch“ nennen, ist ein relativ stabiler Komplex von Seh-, Tast- und anderen Empfindungen. Die Annahme eines unsichtbaren „Substrats“ erklärt nichts - sie verdoppelt nur die Erklärung.
Dieses Argument wiederholt auf empiristischer Basis eine Einsicht, die Hegel in der Wesenslogik bereits systematisch entwickelt hatte. Hegels Analyse von „Ding und Eigenschaften“ zeigt: Wenn man alle Eigenschaften vom Ding wegnimmt, bleibt ein leeres X - also nichts. Das Ding ist nichts anderes als die Totalität seiner Eigenschaften.[4]
Aber während Hegel zeigt, wie sich diese Einsicht dialektisch zu differenzierteren Kategorien der Vermittlung entwickelt - vom Ding über die Materie (Durcheinander aller Eigenschaften) zu Kraft und Äußerung, dann zu Innerem und Äußerem -, bleibt Mach bei der bloßen Elimination stehen. Die Auflösung der Substanz ist bei Hegel nicht das Ende der Analyse, sondern führt zu präziseren Bestimmungen: das Verhältnis von Kraft und Äußerung (die Kraft ist nichts außer ihrer Äußerung), dann von Innerem und Äußerem (beide haben denselben Inhalt, nur verschiedene Form). Dies ist keine metaphysische Spekulation, sondern Analyse der Strukturen, die im wissenschaftlichen Denken implizit am Werk sind.
Die Elimination der Kausalität: Auch der Begriff der „Ursache“ als reale Kraft oder notwendige Verbindung ist metaphysisch. Was wir Kausalität nennen, ist lediglich regelmäßige zeitliche Folge von Empfindungskomplexen. Die Wissenschaft beschreibt funktionale Abhängigkeiten (y = f(x)), keine mysteriösen „Ursachen“.[5]
Auch hier antizipiert Mach eine Kritik, die Hegel bereits systematisch durchgeführt hatte. In der Wesenslogik entwickelt Hegel die Kausalität von der formalen über die endliche zur unendlichen Kausalität bis zur Wechselwirkung. Die naive Vorstellung einer einseitigen „Ursache“ wird aufgelöst zugunsten wechselseitiger Konstitution.
Aber während Mach nur empirische Regularitäten übrig lässt, zeigt Hegel die systematische Entwicklung verschiedener Vermittlungsstrukturen: von der äußerlichen Verknüpfung über innere Affinität zur teleologischen Struktur. Die Wissenschaft operiert tatsächlich nicht mit naiver Kausalität, aber sie operiert mit differenzierten Vermittlungsbegriffen - gerade die, die Hegel entwickelt.
Die Elimination des Ich: Am radikalsten war Machs Konsequenz für das Selbst. Auch das „Ich“ ist kein beharrliches Substrat, sondern ein relativ beständiger Komplex von Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken. Mach formulierte berühmt: „Das Ich ist unrettbar.“ Es gibt nur den Fluss der Empfindungen, kein dahinterstehendes Subjekt.[6]
Die implizite Hegel-Kritik - und warum sie ein Zerrbild trifft
Obwohl Mach Hegel selten direkt erwähnte, richtete sich seine Position frontal gegen alle spekulativen, nicht-empirischen Elemente des Denkens. Doch Machs Hegel-Bild - wie das der meisten analytischen Philosophen - war ein Zerrbild. Er kritisierte eine metaphysische Karikatur, nicht die tatsächliche Hegelsche Logik, wie wir sie rekonstruiert haben.
Ironischerweise wollten Mach und die analytischen Philosophen den metaphysischen „Müll“ aus der Philosophie entfernen - schufen dabei aber selbst neue Missverständnisse über Hegel, die nun aufgeräumt werden müssen. Die drei Hauptpunkte von Machs impliziter Kritik treffen allesamt Fehlinterpretationen:
1. Das Zerrbild der „spekulativen Methode“: Mach unterstellte, Hegel wolle „aus reinen Begriffen“ (Sein, Nichts, Werden) die Entwicklung der Logik deduzieren - als ob Begriffe eigenständige Entitäten wären, die sich mystisch „bewegen“. Dies verfehlt vollständig die performative Struktur der Logik (vgl. Kap. 1.2, 8.4).
Die Wirklichkeit: Hegels Logik deduziert nicht „aus Begriffen“, sondern expliziert die Strukturen, die in rationaler Praxis bereits implizit operieren. Die „Bewegung“ ist nicht mystische Selbstentfaltung, sondern die Reflexion auf immanente Widersprüche, die sich im Vollzug zeigen. Wenn Mach funktionale Beziehungen zwischen Empfindungen annehmen muss (die selbst keine Empfindungen sind), vollzieht er genau die begriffliche Strukturierung, die Hegel expliziert.
2. Das Zerrbild des „absoluten Wissens“: Mach las „absolutes Wissen“ als Anspruch auf vollständige, perspektivenlose, göttliche Erkenntnis - den „Gipfel metaphysischer Hybris“.
Die Wirklichkeit: „Absolutes Wissen“ bedeutet nicht Allwissenheit, sondern Selbsttransparenz der Wissensformen (vgl. Kap. 24). Es ist die Einsicht in die Strukturen, durch die Erkenntnis überhaupt möglich ist - einschließlich der Anerkennung ihrer Grenzen und Perspektivität. Das „Absolute“ ist nicht die Elimination aller Perspektiven, sondern deren Integration und wechselseitige Kritik (vgl. Kap. 18.10 zur dreifachen Permutation). Hegels „absolutes Wissen“ ist näher an Machs Forderung nach kritischer Selbstreflexion der Wissenschaft, als Mach ahnte.
3. Das Zerrbild der „apriorischen Strukturen“: Mach unterstellte, Hegels Logik behaupte Erkenntnis unabhängig von aller Erfahrung - eine reine Gedankenkonstruktion ohne empirischen Bezug.
Die Wirklichkeit: Die logischen Kategorien sind nicht „jenseits“ der Erfahrung, sondern Formen, in denen Erfahrung sich strukturiert (vgl. Kap. 11.8 zur Widerständigkeit der Erfahrung). Die Logik ist keine apriorische Metaphysik, sondern Explikation der Strukturen rationaler Praxis. Sie setzt Erfahrung nicht außer Kraft, sondern zeigt, wie Erfahrung überhaupt begrifflich artikuliert werden kann. Wenn Mach von „funktionalen Abhängigkeiten“ spricht, verwendet er genau solche Strukturbegriffe - die selbst nicht beobachtbar sind, sondern Erfahrung ordnen.
Die systematische Pointe: Machs Kritik widerlegt sich selbst auf dieselbe Weise wie seine Empfindungstheorie: Er muss nicht-empirische Strukturannahmen machen (funktionale Beziehungen, wissenschaftliche Gesetze, seine eigene Erkenntnistheorie), die über einzelne Empfindungen hinausgehen. Gerade das, was er an Hegel kritisiert - begriffliche Strukturierung jenseits unmittelbarer Empfindung - vollzieht er selbst, ohne es zu reflektieren.
Der historische Effekt: Dieses Zerrbild wurde von der analytischen Tradition übernommen und verfestigt. Russell, Wittgenstein und der Wiener Kreis lasen Hegel durch Machs Brille - und bekämpften einen Pappkameraden. Die Aufgabe zeitgenössischer Hegel-Interpretation ist es, diesen „Müll“ der Fehlinterpretation abzuräumen und zu zeigen: Die berechtigten Intuitionen der analytischen Philosophen (Präzision, empirische Kontrolle, Anti-Psychologismus) sind mit einer adäquaten Hegel-Interpretation nicht nur vereinbar, sondern in ihr bereits systematisch entwickelt.
Systematische Einschätzung: Die Selbstwidersprüche des radikalen Empirismus
Machs radikaler Empirismus führt in Selbstwidersprüche. Seine Reduktion auf „Empfindungskomplexe“ kann zentrale Phänomene nicht erklären:
1. Die Einheit der Erfahrung: Wenn es nur diskrete Empfindungen gibt, wie entsteht dann die Einheit der Erfahrung? Was hält die Empfindungen zusammen zu einem kohärenten Weltbild? Mach muss funktionale Beziehungen zwischen Empfindungen annehmen - aber diese Beziehungen sind selbst nicht „Empfindungen“. Sie sind begriffliche Strukturen, die die Empfindungen ordnen.
2. Die Möglichkeit wissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten: Naturgesetze sind allgemeine Aussagen über funktionale Zusammenhänge. Aber Allgemeinheit kann nicht beobachtet werden. Wir beobachten einzelne Fälle, schließen dann auf allgemeine Gesetze. Der Induktionsschluss vom Einzelnen zum Allgemeinen ist logisch nicht zwingend - er setzt Strukturannahmen voraus, die über die Empfindung hinausgehen.
3. Der Status der Erkenntnistheorie selbst: Am problematischsten: Machs eigene Theorie behauptet allgemeine Wahrheiten über die Struktur der Erkenntnis. Aber diese Theorie ist selbst nicht beobachtbar. Sie ist eine begriffliche Konstruktion, die über einzelne Empfindungen hinausgeht. Der Empiriokritizismus widerlegt sich selbst, indem er nicht-empirische Behauptungen aufstellt.
Lenins Kritik: Wladimir Lenin erkannte in „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1908) treffend, dass Machs Position in subjektiven Idealismus umschlägt. Wenn es nur Empfindungen gibt und diese „meine“ Empfindungen sind, dann existiert die Welt nur in meinem Bewusstsein. Dies ist Berkeleys Idealismus in neuem Gewand - gerade das, was Mach vermeiden wollte.[7]
Die berechtigte Intuition
Trotz dieser Widersprüche erfasste Mach eine berechtigte Intuition: Die Forderung nach empirischer Überprüfbarkeit ist ein wichtiges Kriterium wissenschaftlicher Theorien. Begriffe, die keine beobachtbaren Konsequenzen haben, sind für die Wissenschaft irrelevant. Die Elimination überflüssiger metaphysischer Annahmen ist methodisch legitim.
Bezogen auf Hegel: Machs Kritik trifft ein dogmatisches Hegel-Bild, das die Logik als Metaphysik des An-sich-Seienden versteht. Aber die hier entwickelte Hegel-Interpretation zeigt: Hegels Logik ist keine Metaphysik, die unabhängig von aller Erfahrung existiert. Sie ist Explikation der Strukturen, die in rationaler Praxis implizit am Werk sind.
Die „Kategorien“ der Logik sind nicht jenseits der Erfahrung, sondern Formen, in denen Erfahrung sich strukturiert. Die dialektische „Bewegung“ ist nicht mystische Selbstentfaltung von Begriffen, sondern Reflexion auf die immanenten Widersprüche, die sich im Vollzug der Praxis zeigen. Die „Widerständigkeit der Erfahrung“[8] ist konstitutives Moment der Logik, nicht äußerliche Störung.
Machs Forderung nach empirischer Kontrolle kann also integriert werden - aber als Moment einer umfassenderen Konzeption rationaler Praxis, die nicht auf sinnliche Beobachtung reduziert wird.
Historische Wirkung: Von Wien nach Cambridge und zurück
Machs Einfluss reichte weit über die Grenzen Österreich-Ungarns hinaus. Seine Position bildete die direkte Vorstufe zum Wiener Kreis, dessen Mitglieder sich explizit auf Mach beriefen. Moritz Schlick, der den Kreis begründete, übernahm 1922 den Lehrstuhl für „Philosophie der induktiven Wissenschaften“ an der Universität Wien - genau den Lehrstuhl, den Mach selbst innehatte und für den er sich eingesetzt hatte.[9]
Die Verbindung zu Cambridge war eng: Bertrand Russell kannte Machs Werke und teilte dessen Anti-Metaphysik-Affekt. Russells frühe Arbeiten zur Philosophie der Mathematik und Logik zeigen Machs Einfluss in der Forderung nach Elimination überflüssiger Entitäten. Der junge Ludwig Wittgenstein, der 1911-1913 bei Russell in Cambridge studierte, las Mach und übernahm dessen radikalen Empirismus in modifizierter Form.
Diese Traditionslinie - von Mach über Russell und Wittgenstein zum Wiener Kreis und zurück - zeigt die enge Vernetzung der entstehenden analytischen Philosophie. Mach war kein isolierter Denker, sondern Knotenpunkt eines intellektuellen Netzwerks, das die Philosophie des 20. Jahrhunderts prägen sollte.
Seine Verbindung zur Hegel-Kritik ist indirekt, aber fundamental: Er lieferte die erkenntnistheoretischen Waffen, mit denen Russell, Wittgenstein und der Wiener Kreis die „Metaphysik“ - und damit auch Hegel - bekämpfen würden. Während Frege das logische Werkzeug geschmiedet hatte, lieferte Mach die empiristische Motivation für den Kampf gegen die Metaphysik.
Der intellektuelle Austausch zwischen Wien und Cambridge prägte die entstehende analytische Philosophie fundamental. Wittgensteins „Tractatus Logico-Philosophicus“ (1921) wurde vom Wiener Kreis (teilweise missverständlich) als Manifest des logischen Empirismus gelesen. Die Forderung „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ schien Machs Programm der Elimination der Metaphysik mit den Mitteln der modernen Logik zu vollenden.
Russells Rebellion gegen die britischen Hegelianer - die wir im nächsten Abschnitt betrachten - war nicht nur von Frege inspiriert, sondern auch von Machs radikalem Empirismus. Die Verbindung von Fregescher Logik und Machschem Empirismus sollte die analytische Philosophie für Jahrzehnte prägen.
Ernst Mach hatte bedeutende Einflüsse auf die Physik des 20. Jahrhunderts, unter anderem auf Einstein, der Machs Kritik am absoluten Raum und absoluter Zeit bei der Entwicklung der Relativitätstheorie berücksichtigte. ↩︎
Ernst Mach: Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, Jena: Fischer, 1886 (9. Aufl. 1922). ↩︎
Mach: Analyse der Empfindungen, Kap. 1: „Die Empfindungen als Elemente der Welt“. ↩︎
G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik II (Wesenslogik), in: Werke Bd. 6, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1969, S. 127-139 („Das Ding und seine Eigenschaften“). ↩︎
Mach: Die Mechanik in ihrer Entwicklung. Historisch-kritisch dargestellt, Leipzig: Brockhaus, 1883. Hier entwickelt Mach seine Kritik des Kausalitätsbegriffs im Kontext der Mechanik. ↩︎
Mach: Analyse der Empfindungen, Kap. 1, S. 20: „Das Ich ist unrettbar.“ ↩︎
Wladimir I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, Moskau 1908 (dt. Berlin: Dietz, 1949). Lenin kritisiert Mach, Avenarius und deren Anhänger als subjektive Idealisten. ↩︎
Froeb 2025, Kapitel 11.8 ↩︎
Moritz Schlick wurde 1922 auf den Lehrstuhl für „Naturphilosophie und Philosophie der induktiven Wissenschaften“ berufen - ein Lehrstuhl, der für Mach geschaffen worden war und dessen Denomination Machs Programm widerspiegelte. ↩︎