Martin Heidegger - Die Destruktion der abendländischen Metaphysik
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Heideggers Grunddiagnose: Seinsvergessenheit
Martin Heidegger (1889-1976) entwickelte die radikalste Fundamentalkritik der gesamten abendländischen Metaphysik - eine Kritik, die auch Hegel als deren „Vollender“ einschloss. Seine Grunddiagnose lautete: Die abendländische Philosophie von Platon bis Hegel verfehlt die Seinsfrage durch Seinsvergessenheit. Sie fragt nach dem Seienden, aber nicht nach dem Sein des Seienden.
Was bedeutet das? Die Metaphysik fragt: Was ist das Seiende? Was ist seine Substanz, seine Essenz, sein Grund? Sie behandelt das Seiende als Vorhandenes, als Objekt, das begrifflich erfasst werden kann. Aber sie fragt nicht: Was bedeutet „Sein“ überhaupt? Was heißt es, dass etwas „ist“? Diese fundamentalere Frage - die Seinsfrage - wurde nach Heidegger seit den Vorsokratikern vergessen.
Hegel als „letzter Metaphysiker“ bringt diese Vergessenheit zur höchsten Vollendung. Das absolute Wissen ist vollständige Vergegenwärtigung des Seienden im Begriff - aber gerade dadurch vollständige Vergessenheit des Seins. Das Sein wird voll in Begrifflichkeit aufgelöst - es gibt kein „Dass“ mehr, das sich dem „Was“ entzieht.[1]
„Sein und Zeit“ als Anti-Dialektik
Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) war konzipiert als Fundamentalontologie - eine Philosophie, die vor aller Metaphysik ansetzt. Der Zugang zur Seinsfrage erfolgt über die Analyse des Daseins - des menschlichen Existierens, das als einziges Seiendes ein Verständnis von Sein hat.
Das Dasein ist geworfene Existenz - nicht dialektisch vermittelbar, sondern in Angst und Sein-zum-Tode auf seine eigene Endlichkeit verwiesen. Die Existenzialien (Befindlichkeit, Verstehen, Rede, Sorge) sind keine Kategorien im Hegelschen Sinne, sondern Weisen des In-der-Welt-Seins. Sie sind nicht begrifflich ableitbar, sondern phänomenologisch aufzuweisen.[2]
Gegen Hegels Geschichtsdialektik setzte Heidegger die „Geschichtlichkeit“ des Daseins. Geschichte ist nicht Fortschritt der Vernunft, nicht dialektische Entwicklung vom Unmittelbaren zum Vermittelten, sondern „Seinsgeschichte“ - das Kommen und Gehen verschiedener Weisen, wie sich Sein zeigt. Die moderne Technik als „Gestell“ ist die Vollendung der Metaphysik - die totale Vergegenständlichung, in der das Sein völlig vergessen wird.
Die methodische Innovation: „Destruktion“ statt Konstruktion
Heideggers Methode war nicht konstruktive Dialektik, sondern „Destruktion“. Die überlieferten Begriffe müssen „destruiert“ werden - nicht im Sinne von Zerstörung, sondern im Sinne von Ab-bau, um zu den ursprünglichen Erfahrungen zurückzufinden, die sie verdecken.
Diese Destruktion ist keine willkürliche Dekonstruktion, sondern systematisches Zurückgehen auf die „unausgesprochenen Voraussetzungen“ der Tradition. Hegel hatte den Anspruch, alle Voraussetzungen explizit zu machen - voraussetzungslose Wissenschaft. Heidegger zeigte: Gerade dieser Anspruch ist die größte Voraussetzung - die Annahme, dass Sein vollständig begrifflich durchsichtig gemacht werden kann.[3]
Heideggers spätere Hegel-Auseinandersetzung
In seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie (1930er Jahre, posthum veröffentlicht) setzte sich Heidegger ausführlich mit Hegel auseinander. „Hegels Begriff der Erfahrung“ (1942/43) und „Hegel und die Griechen“ (1958) zeigen seine differenzierte Kritik.
Die Grundthese: Hegels „absolutes Wissen“ ist die höchste Form der Seinsvergessenheit. Das Sein wird vollständig in die Begrifflichkeit aufgelöst - es gibt keine Verborgenheit mehr, keine Unzugänglichkeit, keinen Entzug. Alles ist durchsichtig, vermittelt, aufgehoben. Aber gerade diese absolute Vermittlung verfehlt das Sein, das sich nur im Entzug zeigt.[4]
Gegen Hegels begriffliche Bemächtigung setzte Heidegger das „Lassen“ - ein Denken, das das Sein sein lässt, statt es dialektisch zu durchdringen. Die „Gelassenheit“ ist nicht Passivität, sondern höchste Aktivität - das Sich-Einlassen auf das, was sich zeigt, ohne es zu vergewaltigen.
Die Problematik: Romantische Ursprungssehnsucht
Heideggers Seinsdenken artikuliert Dimensionen (Endlichkeit, Geworfenheit, Angst, Sterblichkeit), die sich der dialektischen Integration tatsächlich entziehen. Seine Fundamentalkritik der Systematik trifft eine wunde Stelle: Kann ein System der Kontingenz, dem Faktischen, dem Einmaligen gerecht werden?
Aber Heideggers Alternative bleibt problematisch. Seine Seinsphilosophie kippt in romantische Ursprungssehnsucht - die Suche nach einem „ursprünglicheren“ Denken, das vor der Metaphysik liegt. Die Griechen (vor Platon), die Vorsokratiker, Hölderlin - sie werden zu Zeugen eines „anderen Denkens“, das die Neuzeit verloren hat.
Diese Ursprungssehnsucht ist philosophisch unfruchtbar. Sie kann keine konstruktive Alternative zur wissenschaftlichen Rationalität entwickeln. Heideggers späte Schriften - „Der Ursprung des Kunstwerks“, „Über den Humanismus“, „Die Frage nach der Technik“ - sind brillante Essays, aber keine systematische Philosophie. Die Destruktion ist gelungen, aber die Konstruktion fehlt.[5]
Die politische Verstrickung - Ein notwendiger Exkurs
Eine Darstellung Heideggers wäre unvollständig ohne Erwähnung seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus. Als Rektor der Universität Freiburg hielt er 1933 die berüchtigte Rektoratsrede, in der er die „deutsche Revolution“ begrüßte. Er trat der NSDAP bei, beteiligte sich an der „Gleichschaltung“ der Universität, intrigierte gegen jüdische Kollegen (darunter seinen Lehrer Husserl).
Nach 1945 verweigerte Heidegger jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Verstrickung. Keine Entschuldigung, keine Selbstkritik, nur vage Andeutungen über „Irrtümer“. Schlimmer noch: Er inszenierte sich als Opfer - der Denker, der verkannt wurde, der einsam in der Hütte philosophierte, während die Welt ihrem Verhängnis entgegenging.
Philosophisch ist die Frage: War Heideggers NS-Engagement bloß biographischer Unfall, oder gibt es systematische Verbindungen zu seinem Denken? Die Forschung (Victor Farias, Hugo Ott, Emmanuel Faye) hat gezeigt: Es gibt solche Verbindungen. Die Kritik der „Rationalität“, die Verherrlichung des „Volkes“, die Ablehnung der „Öffentlichkeit“, die Sehnsucht nach dem „Ursprung“ - all das ließ sich mit nationalsozialistischer Ideologie verbinden.[6]
Für unsere Darstellung der Hegel-Rezeption bedeutet das: Heideggers Kritik an Hegel war nicht nur philosophisch motiviert, sondern auch politisch. Hegels Rationalismus, sein Kosmopolitismus, seine Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft und des Rechtsstaats - all das war Heidegger suspekt. Die „Destruktion der Metaphysik“ hatte auch eine reaktionäre Dimension.
Nach 1945 war Heidegger dennoch maßgeblich daran beteiligt, die Philosophielehrstühle in Deutschland mit seinen Schülern zu besetzen - eine unglückliche Kontinuität, die die deutsche Philosophie bis in die 1960er Jahre prägte. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist notwendig, auch wenn sie schmerzhaft ist.
Martin Heidegger: Sein und Zeit, Halle: Niemeyer, 1927; spätere Ausgabe Tübingen: Niemeyer, ab 8. Auflage 1957. ↩︎
Heidegger: Sein und Zeit, §§28-44 (Analyse der Sorge und der Zeitlichkeit). ↩︎
Heidegger: Sein und Zeit, §6 (Die Aufgabe einer Destruktion der Geschichte der Ontologie). ↩︎
Martin Heidegger: Hegels Begriff der Erfahrung, in: Holzwege, Frankfurt/M.: Klostermann, 1950, S. 105-192. ↩︎
Zur Kritik an Heideggers Ursprungsdenken vgl.: Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1964. ↩︎
Zur NS-Verstrickung Heideggers vgl.: Victor Farias: Heidegger und der Nationalsozialismus, Frankfurt/M.: S. Fischer, 1989; Hugo Ott: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie, Frankfurt/M.: Campus, 1988; Emmanuel Faye: Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie, Berlin: Matthes & Seitz, 2009. ↩︎