Der erste russische Hörer - Boris von Uexküll als Solitär (1821-1823)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Bevor die organisierte russische Hegel-Rezeption mit den Ljubomudry (1823) begann, gab es einen einzelnen, isolierten Kontakt: Berend Johann Friedrich von Uexküll (1793-1870), genannt Boris, baltisch-deutscher Adeliger und Gutsbesitzer aus Estland (damals Teil des Russischen Reichs), hörte als erster aus dem russischen Reich bei Hegel in Heidelberg und Berlin.[1]
Die persönliche Verbindung
Die Heidelberger Begegnung: Uexküll hatte Hegel bereits in Heidelberg gehört - vermutlich 1816/17, bevor Hegel 1818 nach Berlin ging.[2]
Die Berliner Studien: In Berlin hörte Uexküll Hegels Vorlesungen über Naturphilosophie - dokumentiert sind die Semester 1821/22 und 1823/24. Er ließ professionelle Nachschriften dieser Vorlesungen anfertigen, die heute zu den wichtigsten Quellen für Hegels mündliche Lehre gehören.[3]
Der briefliche Austausch: Uexküll führte einen “ausgedehnten Briefwechsel” mit Hegel - so Rosenkranz in seiner Hegel-Biographie.[4] Dieser Briefwechsel ging 1905 bei einem Brand des Stammschlosses in Estland vollständig verloren. Ein unersetzlicher Verlust für die Hegel-Forschung.
Die kulturelle Position: Als vermögender deutschsprachiger baltischer Adeliger war Uexküll Teil jener dünnen Bildungsschicht, die das Russische Reich mit Westeuropa verband. Er gehörte nicht zur russischsprachigen Intelligenzija, sondern zur deutschen Oberschicht der Ostseeprovinzen - kulturell näher an Berlin als an Moskau.
Der gescheiterte Russlandbesuch - Franz von Baader (1823)
Uexküll versuchte, bedeutende deutsche Denker nach Russland einzuladen. Franz von Baader (1765-1841) sollte 1823 nach Russland reisen - Uexküll hatte auch Hegel selbst zu dieser Reise eingeladen.[5]
Wer war Baader? Franz von Baader war Philosoph, Bergbauingenieur und eine zentrale Figur des Münchner Kulturlebens. Er entwickelte eine eigenständige spekulative Philosophie, die christliche Mystik (insbesondere Meister Eckhart) mit nachkantischem Idealismus verband. Hegel schätzte Baader und empfing ihn in Berlin; Baader hatte Hegel mit Meister Eckhart bekannt gemacht.[6]
Die gescheiterte Reise: Uexküll hatte Baader 1821 in München kennengelernt (durch Empfehlung Rahel Varnhagens) und nahm ihn 1823 mit nach Estland. Baader reiste im Zusammenhang mit seinen Bestrebungen um einen Ausgleich zwischen den Kirchen. Doch es gelang ihm nicht, nach Petersburg zu kommen - nach monatelangem Warten auf die Einreiseerlaubnis erhielt er einen ablehnenden Bescheid und kehrte im Dezember 1823 nach Berlin zurück, wo er bis zum Frühsommer 1824 blieb und viel mit Hegel und Marheineke verkehrte.[7]
Hegels Urteil: In einem Brief an Uexküll (28. November 1821) äußerte sich Hegel über Baader:
“Ein Prophet, sagt man, gilt nicht viel in seinem Vaterlande, so hätte ich gedacht, in Rußland werde er gelten. Noch scheint es nicht so. Sie sehen ganz über ihn. So ein prophetischer Mensch kann, etwa weil er gering geschätzt wird, teils unverdächtiger, teils wirksamer sein als ein Anderer, der über sich und die Gedanken, wie über Menschen und Verhältnisse im Klaren, und damit unter Anderem auch gegen sich und Andere redlicher ist.”[8]
Diese ambivalente Äußerung zeigt: Hegel schätzte Baader, sah aber auch seine Grenzen - der “prophetische Mensch” war nicht “im Klaren” über sich und die Verhältnisse, nicht “redlich” im philosophischen Sinne.
Die Bedeutung für Uexküll: Die Einladung sowohl Baaders als auch Hegels nach Russland zeigt Uexkülls aktive Vermittlerrolle auf höchstem philosophischen Niveau. Er war nicht nur passiver Hörer, sondern versuchte, die bedeutendsten deutschen Philosophen nach Russland zu bringen. Das Scheitern beider Versuche (Hegel lehnte vermutlich ab, Baader wurde nicht nach Petersburg gelassen) ist bezeichnend für die strukturellen Schwierigkeiten solcher Vermittlung im frühen 19. Jahrhundert.
Die historische Bedeutung - Ein Solitär ohne Nachwirkung
Warum Uexküll keine Schule machte:
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Sprachbarriere: Uexküll bewegte sich in deutschen Kreisen. Die russischsprachige Intelligenzija hatte keinen Zugang zu ihm.
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Geografische Isolation: Sein Gut lag in Estland, fern von Moskau und St. Petersburg, den Zentren des intellektuellen Lebens.
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Fehlende Publikation: Uexküll publizierte nichts über Hegel. Seine Nachschriften blieben privat. Die Briefe gingen verloren.
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Soziale Differenz: Die baltisch-deutschen Adeligen und die russische Intelligenzija waren zwei getrennte Welten - kulturell, sprachlich, sozial.
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Gescheiterte Vermittlung: Seine Versuche, deutsche Philosophen nach Russland zu bringen, scheiterten - teils an politischen Hindernissen (Baader), teils vermutlich an mangelndem Interesse (Hegel).
Das Paradox: Ausgerechnet der vermögende, gut vernetzte, philosophisch ambitionierte Uexküll - der erste aus dem Russischen Reich, der bei Hegel hörte und mit ihm intensiv korrespondierte - blieb für die russische Hegel-Rezeption folgenlos. Als die Ljubomudry 1823 begannen, Schelling und Hegel zu studieren, wussten sie vermutlich nichts von ihm. Als der Stankewitsch-Kreis in den 1830er Jahren Hegel systematisch las, war Uexküll längst vergessen.
Die symbolische Bedeutung: Uexküll steht für die strukturellen Grenzen der Philosophievermittlung im frühen 19. Jahrhundert. Persönlicher Kontakt, intensiver Briefwechsel, hochkarätige Einladungen - all das reichte nicht aus. Es brauchte Publikation, Übersetzung, Schulbildung - und vor allem: Anschluss an die russischsprachige Intelligenzija in Moskau und St. Petersburg.
Die eigentliche russische Hegel-Rezeption beginnt 1823 mit den Ljubomudry - unabhängig von Uexküll, auf anderen Wegen, in anderem Milieu.
Zu Uexkülls Biographie vgl. Jürgen-Detlev von Uexküll (Hg.): Armeen und Amouren. Ein Tagebuch aus napoleonischer Zeit, Reinbek: Rowohlt, 1965. ↩︎
Johannes Hoffmeister (Hg.): Briefe von und an Hegel, Band 2, Hamburg: Meiner, 1953, S. 406 (Anmerkung zu Brief 406): Uexküll “hatte Hegel in Heidelberg gehört”. ↩︎
Thomas Posch / Gilles Marmasse (Hg.): G.W.F. Hegel, Vorlesung über Naturphilosophie Berlin 1821/22. Nachschrift von Boris von Uexküll, Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2002 (Wiener Arbeiten zur Philosophie, Bd. 6). ↩︎
Karl Rosenkranz: Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben, Berlin: Duncker & Humblot, 1844, S. 303-305. Zitiert nach Hoffmeister (Hg.): Briefe, Bd. 2, S. 406: Der “ausgedehnte Briefwechsel” ist “1905 bei einem Brand des Stammschlosses vernichtet worden”. Vgl. auch Kuno Fischer: Hegels Leben, Werke und Lehre, 2. Aufl., Heidelberg 1911, S. 121. ↩︎
Hoffmeister (Hg.): Briefe, Band 4/2, Hamburg: Meiner, 1981, S. 177 (Anmerkung zu Brief 450a): Uexküll hatte “auch Hegel zu dieser Reise eingeladen” (Verweis auf Brief 421). ↩︎
Zu Baader vgl. David Baumgardt: Franz von Baader und die philosophische Romantik, Halle: Niemeyer, 1927. Zu Baaders Vermittlung Meister Eckharts an Hegel vgl. Cyril O’Regan: The Heterodox Hegel, Albany: SUNY Press, 1994, S. 47-52. ↩︎
Hoffmeister (Hg.): Briefe, Bd. 4/2, S. 177 (Anmerkung zu Brief 450a): “Franz v. Baader reiste 1823 nach Rußland, zusammen mit Boris v. Uexküll […]. Es gelang ihm indessen nicht, nach Petersburg zu kommen; nach monatelangem Warten auf die Einreiseerlaubnis erhielt er einen ablehnenden Bescheid und kehrte im Dezember 1823 zunächst nach Berlin zurück, wo er bis zum Frühsommer 1824 blieb.” Vgl. auch Varnhagen von Ense: Blätter aus der preußischen Geschichte, ed. Ludmilla Assing, Bd. 2, Leipzig 1864, S. 167f., 182f., 190, 452. ↩︎
Hegel an Uexküll, 28. November 1821. Zitiert nach Rosenkranz: Hegels Leben, S. 304f.; wiederabgedruckt bei Hoffmeister (Hg.): Briefe, Bd. 2, S. 406 (Anmerkung zu Brief 406). ↩︎