Die Deborin-Schule - Die differenzierteste marxistische Hegel-Interpretation der frühen Sowjetzeit

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Abram Deborin: Biographie eines Grenzgängers

Abram Moissjewitsch Deborin - sein eigentlicher Name war Joffe - wurde 1881 in Kowno (heute Kaunas, Litauen) in einer mittellosen jüdischen Familie geboren. Er erlernte das Klempnerhandwerk, bevor er mit sechzehn Jahren in illegale marxistische Zirkel geriet. 1903 ging er ins Exil und studierte an der philosophischen Fakultät der Universität Bern, wo er sich mit Georgi Plechanow befreundete - jenem „Vater des russischen Marxismus“, der die Verbindung von Hegel, Spinoza und Marx zum Programm erhoben hatte.

Diese Verbindung prägte Deborins gesamte intellektuelle Entwicklung. Von Plechanow übernahm er die Überzeugung, dass der Marxismus ohne Hegel nicht zu verstehen sei, dass die Dialektik mehr als eine „Methode“ sei - nämlich die Struktur der Wirklichkeit selbst -, und dass Spinoza als Vorläufer des dialektischen Materialismus zu würdigen sei. Diese Positionen sollten ihm später zum Verhängnis werden.

Politisch war Deborin ein Mann der Mitte, was in revolutionären Zeiten die gefährlichste Position ist. Von 1907 bis 1917 sympathisierte er mit den Menschewiki, dann hielt er sich jahrelang parteilos. Erst 1928 - als seine philosophische Position bereits gefestigt war - trat er der bolschewistischen Partei bei. Dieser späte Beitritt machte ihn in den Augen der Hardliner immer verdächtig: ein „Menschewik“, der sich bekehrt hatte, aber nie ganz „einer von uns“ war.

Die Zeitschrift „Pod znamenem marksizma“ und die Deborin-Schule

Ab 1926 war Deborin Chefredakteur der Zeitschrift Pod znamenem marksizma (Unter dem Banner des Marxismus) - des wichtigsten philosophischen Organs der Sowjetunion. Diese Position gab ihm enormen Einfluss auf die Richtung der sowjetischen Philosophie. Um ihn sammelte sich eine Gruppe begabter Philosophen: Iwan Luppol, Nikolai Karew, Grigori Bammel, Jan Sten und andere. Sie wurden als „Deborinisten“ oder „Dialektiker“ bekannt - im Gegensatz zu den „Mechanisten“, mit denen sie sich in einer jahrelangen Debatte auseinandersetzten.

Was zeichnete die Position der Deborin-Schule aus? Drei Grundüberzeugungen:

Erstens bestand Deborin auf der Eigenständigkeit der Philosophie als Disziplin. Philosophie konnte nicht einfach durch Naturwissenschaft ersetzt werden. Sie hatte ihre eigene Methode, ihre eigenen Probleme, ihren eigenen Erkenntnisbeitrag. Diese Position richtete sich gegen die Mechanisten, die Philosophie für überflüssig erklärten - „über Bord mit der Philosophie!“ hatte einer ihrer Sprecher, O. Minin, gefordert.

Zweitens verteidigte Deborin die Dialektik der Natur gegen mechanistische Reduktion. Die Naturwissenschaft selbst, so argumentierte er, entdeckte dialektische Strukturen - in der Relativitätstheorie, in der Quantenmechanik, in der Evolutionsbiologie. Diese Strukturen konnten nicht durch einfache Kausalgesetze erfasst werden. Die Dialektik war nicht nur eine „Methode“, die man von außen an die Natur herantrug - sie war in der Natur selbst angelegt.

Drittens - und hier lag das eigentliche Skandalon - betonte Deborin die Unverzichtbarkeit Hegels. Der Marxismus war ohne Hegel nicht zu verstehen. Die dialektische Methode war nicht Marx’ Erfindung, sondern Hegels Entdeckung - Marx hatte sie „nur“ materialistisch gewendet. Wer Hegel nicht kannte, konnte Marx nicht wirklich begreifen.

Deborins Einleitung zur Hegel-Ausgabe (1929)

Diese Position fand ihren klarsten Ausdruck in Deborins Einleitung zum ersten Band der sowjetischen Hegel-Gesamtausgabe: „Hegel und der dialektische Materialismus“ (1929). Der Text zeigt sowohl die Stärken als auch die Grenzen der Deborin-Schule.

Deborin formulierte die Notwendigkeit, dass Philosophie Wissenschaft sein müsse - eine Wissenschaft, die sich von der empirischen Naturwissenschaft unterscheidet und diese übersteigt: „Die Naturwissenschaft ist ohne Philosophie unmöglich“, schrieb er unter Berufung auf Lenin. Die Dialektik, so Deborin weiter, sei „für die Naturwissenschaft die richtigste Form des Denkens“ (Engels).[1]

Gleichzeitig kritisierte Deborin Hegels Idealismus. Hegels These, dass die Kategorien „das Wesen der Dinge selbst, die Realität, die Substanz der Welt“ seien, war für Deborin inakzeptabel. „Obwohl wir in Begriffen denken“, schrieb er, „folgt daraus nicht, dass der Begriff das Wesen der Welt ist. Begriffe sind Formen unserer Erfassung der Welt… Die Logik (oder Philosophie) ist die Grammatik der Wissenschaft.“[2]

Diese Formulierung ist aufschlussreich. Sie zeigt, dass Deborin näher an einem kantischen Rationalismus stand als an Hegels absolutem Idealismus. Die Dialektik war für ihn eine Form des Denkens, die das Denken an die Bewegung der Materie anpasste - aber keine Struktur der Wirklichkeit selbst. Diese Position war philosophisch sophistizierter als der platte Materialismus der Mechanisten. Sie bewahrte die relative Autonomie des Denkens. Aber sie verfehlte Hegels zentrale Einsicht: dass die Unterscheidung von „Denkform“ und „Wirklichkeit“ selbst eine Denkbestimmung ist, die überwunden werden muss.

Systematische Bewertung: Stärken und Grenzen

Die Deborin-Schule verdient eine differenzierte Würdigung, die weder Hagiographie noch Verdammung ist.

Was die Deborinisten richtig erkannten:

Sie verstanden, dass die Dialektik nicht auf „Naturgesetze“ reduziert werden kann. Die mechanistische Position, die Philosophie durch Naturwissenschaft ersetzen wollte, war ein Rückfall hinter den Stand der Erkenntnis. Die Deborinisten verteidigten - gegen den Zeitgeist - die Eigenständigkeit des philosophischen Denkens.

Sie erkannten die Bedeutung Hegels für das Verständnis von Marx. Während die Mechanisten Hegel als „überwunden“ abtaten, bestanden die Deborinisten darauf, dass Marx ohne Hegel nicht zu verstehen sei. Diese Position wurde später durch die Grundrisse und die Philosophischen Hefte bestätigt.

Sie bewahrten ein Niveau philosophischer Diskussion, das nach ihrer Verurteilung verloren ging. Ihre Texte zeigen begriffliche Differenzierung, argumentative Sorgfalt, Kenntnis der Quellen - Qualitäten, die in der stalinistischen Philosophie verschwanden.

Was die Deborinisten verfehlten:

Sie blieben der materialistischen Vorentscheidung verhaftet. Die Frage, ob die Logik „idealistisch“ oder „materialistisch“ zu interpretieren sei, wurde nicht als eine Frage behandelt, die die Logik selbst entscheiden müsste - sondern als eine Frage, die vor der Logik bereits entschieden war. Diese dogmatische Setzung verhinderte ein echtes Verständnis dessen, was Hegel unter „absolutem Idealismus“ verstand.

Sie unterschätzten die politische Dimension ihrer Position. In einem System, das Philosophie zur Staatsangelegenheit machte, war eine differenzierte Hegel-Interpretation nicht einfach eine akademische Option - sie war ein politisches Statement. Die Betonung von Hegels Eigenständigkeit konnte als Infragestellung der marxistischen „Überwindung“ gelesen werden. Die Verteidigung der Philosophie gegen die Naturwissenschaft konnte als Angriff auf die „Wissenschaftlichkeit“ des Marxismus erscheinen.

Sie waren nicht selbstreflexiv genug. Ihre Position hätte die Frage aufwerfen müssen: Wie können wir sicher sein, dass unsere Interpretation Hegels richtig ist? Was, wenn die „materialistische Umkehrung“ selbst auf einem Missverständnis beruht? Diese Fragen wurden nicht gestellt - teils aus dogmatischer Blindheit, teils aus politischer Vorsicht.

Das tragische Potential

Die Deborin-Schule repräsentiert ein tragisches Potential in der Geschichte des Marxismus. Sie enthielt Elemente, die zu einer echten Hegel-Aneignung hätten führen können - einer Aneignung, die den Marxismus nicht „überwunden“, aber vertieft hätte. Die Betonung der Eigenständigkeit der Logik, die Verteidigung der Dialektik gegen mechanistische Reduktion, das Insistieren auf der Unverzichtbarkeit Hegels - all das wies in eine Richtung, die später von Philosophen wie Evald Iljenkov wieder aufgenommen werden sollte.

Aber dieses Potential wurde nie realisiert. Die politischen Umstände verhinderten es. Die Verurteilung der Deborin-Schule 1931 beendete nicht nur eine philosophische Position - sie beendete die Möglichkeit ernsthafter philosophischer Diskussion in der Sowjetunion für Jahrzehnte. Was folgte, war Dogmatismus ohne Dialektik.


  1. A.M. Deborin: „Gegel’ i dialektičeskij materializm“ (Hegel und der dialektische Materialismus), in: G.W.F. Hegel: Sočinenija, Bd. 1, Moskau-Leningrad 1929, S. XIII-XV. ↩︎

  2. Deborin 1929, S. XIX. ↩︎