Sumins "Hegel als Schicksal Russlands" -- Quelle und Rezeptionsdokument
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Unsere Hauptquelle für die russische Hegel-Rezeption ist selbst Teil dieser Rezeptionsgeschichte: Oleg Jurjewitsch Sumins Buch “Гегель как судьба России” (Hegel als Schicksal Russlands, 2005, 364 Seiten) verdient daher eine eigene kritische Würdigung.[1]
Die These: Russland als Erbe der “absoluten Idee”
Sumin interpretiert die gesamte russische Geschichte als Verwirklichung der hegelschen “absoluten Idee” in drei dialektischen Stufen:[2]
1. Subjektivität (1840er Jahre): Die religiös-ästhetische Rezeption der ersten Generation – Bakunin, Belinski, Herzen. Hegel wird subjektiv angeeignet, emotional, existentiell. Die “Idee” ist noch nicht objektiviert.
2. Objektivität (1917-1991): Die politisch-ideologische Rezeption im Sowjetsystem. Der Diamat objektiviert die Dialektik – aber in verzerrter, dogmatisierter Form. Die “Idee” wird Staatsdoktrin, verliert aber ihre Lebendigkeit.
3. Absolutheit (ab 1970er): Die wissenschaftlich-philosophische Rezeption bei Linkov und seinem Kreis. Erst hier wird die “Idee” in ihrer Wahrheit begriffen – als Selbstbewegung des Begriffs, nicht als Dogma und nicht als bloße Subjektivität.
Kritische Würdigung
Stärken des Buches:
- Materialreichtum: Sumin dokumentiert Namen, Daten, Publikationen, die im Westen völlig unbekannt sind. Sein Buch ist die umfassendste Darstellung der russischen Hegel-Rezeption überhaupt.
- Insider-Wissen: Als Linkov-Schüler hat Sumin Zugang zu mündlicher Überlieferung, zu unveröffentlichten Materialien, zu persönlichen Erinnerungen.
- Systematischer Anspruch: Der Versuch, die Rezeptionsgeschichte selbst hegelianisch zu begreifen, ist methodisch interessant.
Probleme des Buches:
- Heilsgeschichtliche Tendenz: Sumins Schema ist teleologisch – die Geschichte läuft notwendig auf Linkov zu. Das ist Geschichtsphilosophie, nicht Geschichtswissenschaft.
- Parteilichkeit: Als Linkov-Schüler ist Sumin nicht neutral. Seine Kritik an Ilyenkov und Mamardashvili (“noch im Verhältnis von Bewusstsein zur Vernunft, nicht Vernunft zur Vernunft”) ist polemisch.[3]
- Spekulative These: Die Behauptung, die slawischen Völker seien dazu bestimmt, die “philosophische Idee” nach dem Westen weiterzuentwickeln, ist nicht hegelianisch, sondern pseudo-hegelianisch – sie wendet logische Kategorien unmittelbar auf empirische Geschichte an.
Sumin als Rezeptionsdokument
Unabhängig von der Frage, ob Sumins These stimmt, ist sein Buch ein Dokument einer lebendigen hegelianischen Tradition in Russland. Es zeigt:
- Dass es in Russland Menschen gibt, die Hegel nicht historisch, sondern systematisch lesen
- Dass die Linkov-Schule sich selbst als Vollendung der russischen Philosophiegeschichte versteht
- Dass hegelianisches Denken in Russland eine performative Dimension hat – man schreibt nicht nur über Hegel, man denkt hegelianisch
Für unsere Darstellung bedeutet das: Wir verwenden Sumin als Quelle für faktische Informationen (Namen, Daten, Texte), behandeln seine Interpretationen aber kritisch. Sein Schema ist interessant, aber nicht verbindlich. Es ist selbst Teil der Rezeptionsgeschichte, die wir darstellen.[4]
O.Ju. Sumin: Гегель как судьба России, 2. Aufl., Krasnodar: Glagol, 2005. Sumin ist Schüler von Linkov und Mitglied des St. Petersburger Kreises. ↩︎
Sumin: Гегель как судьба России, S. 39-219 (Teil 1: “История русско-советской философии как процесс присвоения философской идеи”). ↩︎
Sumin: Гегель как судьба России, S. 173-174. Sumin kritisiert, dass Ilyenkov und Mamardashvili beim “empirischen Prinzip” stehenbleiben. ↩︎
Diese methodische Reflexion ist wichtig: Eine Geschichte der Hegel-Rezeption muss auch ihre eigenen Quellen als Rezeptionsdokumente behandeln. ↩︎