Die Erlanger Schule -- Konstruktivismus als methodische Alternative (1950er-1980er)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Einordnung: Die Bewegung des Ganzen
Während Günther versuchte, Hegels Dialektik zu formalisieren, entwickelte sich an der Universität Erlangen eine ganz andere Art von systematischer Philosophie: der methodische Konstruktivismus. Sein Anspruch: Philosophie kann und muss von Grund auf neu beginnen – nicht durch Anknüpfung an Traditionen, sondern durch schrittweise Konstruktion aus vorphilosophischen Anfängen.
Die Erlanger Schule ist für die Hegel-Rezeption bedeutsam, weil sie eine systematische Alternative zur Dialektik entwickelte. Wo Hegel mit dem unmittelbaren “Sein” beginnt und dessen Selbstbewegung nachvollzieht, beginnen die Erlanger mit konkreten Handlungen und konstruieren Begriffe schrittweise. Wo Hegel die Negation als Motor der Entwicklung sieht, setzen die Erlanger auf methodische Rechtfertigung jedes Schrittes.
Die Gründer: Lorenzen und Kamlah
Paul Lorenzen (1915-1994) und Wilhelm Kamlah (1905-1976) legten mit ihrer “Logischen Propädeutik” (1967) das Grundwerk der Schule vor.[1] Ihre These: Die traditionelle Logik leidet unter einem Zirkel – sie verwendet Begriffe, die sie erst hätte klären müssen. “Definition”, “Beweis”, “Schluss” werden als bekannt vorausgesetzt, ohne je expliziert zu werden.
Die Alternative: Konstruktive Logik. Man beginnt nicht mit Axiomen (deren Wahrheit einfach behauptet wird), sondern mit Handlungen – dem Sprechen, dem Schreiben, dem Argumentieren. Begriffe werden schrittweise eingeführt, jede Einführung muss gerechtfertigt werden, nichts wird vorausgesetzt.
Das Verfahren heißt “Orthosprache”: Eine Sprache, in der jeder Term explizit eingeführt ist, jede Aussage begründet werden kann, keine versteckten Voraussetzungen schlummern. Das ist das Gegenteil von Hegels spekulativen Sätzen, deren Bedeutung sich erst im Vollzug erschließt.
Jürgen Mittelstraß und die Erweiterung
Jürgen Mittelstraß (geb. 1936) erweiterte das Programm in Richtung Wissenschaftstheorie und praktischer Philosophie. Seine zentrale Frage: Wie können Wissenschaften ihre eigenen Grundlagen reflektieren, ohne in einen infiniten Regress oder einen Zirkel zu geraten?[2]
Die Antwort: Durch konstruktive Wissenschaftstheorie. Wissenschaftliche Begriffe werden nicht aus der Wissenschaftsgeschichte übernommen, sondern methodisch rekonstruiert. Was bedeutet “Naturgesetz”? Was ist eine “Theorie”? Was heißt “Erklärung”? Diese Fragen werden nicht durch Begriffsanalyse (was “meinen” wir?), sondern durch Konstruktion beantwortet (wie können wir diese Begriffe aufbauen?).
Mittelstraß’ Verhältnis zu Hegel ist kritisch-distanziert. Er teilt die Überzeugung, dass Philosophie systematisch sein muss. Aber er verwirft Hegels Anspruch, die Geschichte der Philosophie in einem System “aufzuheben”. Für Mittelstraß gibt es keine Philosophie, die alle anderen überholt hätte – nur verschiedene Methoden, deren Fruchtbarkeit sich in der Praxis erweist.
Konstruktivismus versus Dialektik
Die fundamentale Differenz zur Dialektik:
Anfang: Hegel beginnt mit dem “reinen Sein” – dem unbestimmtesten aller Begriffe. Die Erlanger beginnen mit konkreten Handlungen – Sprechen, Zeigen, Unterscheiden.
Bewegung: Hegel setzt auf Negation – jeder Begriff geht in seinen Gegensatz über und wird aufgehoben. Die Erlanger setzen auf Konstruktion – jeder Begriff wird aus einfacheren aufgebaut, nichts “geht über”.
Rechtfertigung: Hegel beruft sich auf die “Notwendigkeit” der dialektischen Bewegung – wer Hegel versteht, sieht, dass es so sein muss. Die Erlanger fordern explizite Begründung jedes Schrittes – nichts ist “notwendig”, alles kann in Frage gestellt werden.
Sprache: Hegel verwendet spekulative Sätze, deren Subjekt und Prädikat ineinander übergehen. Die Erlanger fordern eindeutige Aussagen, deren Bedeutung feststeht.
Was können beide voneinander lernen?
Aus hegelianischer Perspektive haben die Erlanger ein Problem: Sie können den Anfang nicht rechtfertigen. Warum mit diesen Handlungen beginnen? Warum diese und nicht andere? Ihre “Voraussetzungslosigkeit” ist selbst eine Voraussetzung.
Aus Erlanger Perspektive hat Hegel ein Problem: Seine “Notwendigkeit” ist nicht nachvollziehbar. Warum geht “Sein” in “Nichts” über? Warum folgt “Werden”? Die dialektische Bewegung ist intuitiv überzeugend – aber methodisch nicht kontrolliert.
Die produktive Synthese wäre: Ein Verfahren, das methodisch kontrolliert ist (wie bei den Erlangern), aber die Selbstbewegung des Denkens erfasst (wie bei Hegel). Johannes Heinrichs’ Reflexions-Systemtheorie (-> Kapitel 17a) kann als ein solcher Versuch gelesen werden: Sie konstruiert schrittweise (wie die Erlanger), aber sie zeigt, wie aus dieser Konstruktion notwendige Strukturen emergieren (wie bei Hegel).
Wirkung und Grenzen
Die Erlanger Schule blieb auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. International rezipiert wurde sie kaum – die analytische Philosophie hatte ihre eigenen Traditionen konstruktiver Logik (Carnap, Quine), die kontinentale Philosophie interessierte sich nicht für formale Rekonstruktion.
Innerhalb Deutschlands war die Wirkung punktuell: in der Wissenschaftstheorie (besonders Physik), in der Sprachphilosophie (Dialogische Logik), in der Ethik (konstruktive Ethik). Aber ein umfassendes philosophisches System, das mit Hegel oder der analytischen Tradition hätte konkurrieren können, entstand nicht.
Das ist vielleicht kein Zufall. Die methodische Strenge, die die Stärke der Erlanger war, war auch ihre Schwäche: Sie verhinderte die spekulativen Sprünge, die große Systeme ermöglichen. Der Konstruktivismus ist ein Werkzeug – aber er ersetzt nicht die philosophische Vision, die ihm sagt, was konstruiert werden soll.
Wilhelm Kamlah / Paul Lorenzen, Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens, Mannheim: Bibliographisches Institut, 1967. Das Buch wurde zur Einführung in die Methode der Erlanger Schule. ↩︎
Jürgen Mittelstraß, Die Möglichkeit von Wissenschaft, Frankfurt: Suhrkamp, 1974. Mittelstraß erweiterte das Programm von der Logik auf die Wissenschaftstheorie insgesamt. ↩︎