Schweiz in der Zwischenkriegszeit - Dialektische Theologie und philosophische Emigration

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Karl Barth und der Bruch mit dem liberalen Protestantismus

Karl Barths “Römerbrief” (1919, radikal überarbeitet 1922) war eine der einflussreichsten theologischen Schriften des 20. Jahrhunderts - und zugleich eine fundamentale Absage an Hegel.

Der Kontext: Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts hatte versucht, Christentum und moderne Kultur zu versöhnen. Schleiermacher, Ritschl, Harnack - sie alle suchten die Vermittlung zwischen Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft, Evangelium und Bildung. Diese Vermittlung war hegelianisch im Geist, auch wo sie sich nicht auf Hegel berief.

Der Zusammenbruch: Der Erste Weltkrieg erschütterte dieses Projekt. Die deutschen Theologen - auch Barths Lehrer - hatten 1914 die Kriegsbegeisterung geteilt, den “Aufruf der 93” unterzeichnet, den deutschen Geist mit dem christlichen Geist verwechselt. Für Barth war das der Beweis: Die liberale Theologie hatte versagt. Sie hatte das Evangelium der Kultur angepasst - und als die Kultur in Barbarei umschlug, hatte sie nichts mehr zu sagen.

Die Gegenthese: Barth setzte den “ganz anderen” Gott gegen alle Vermittlung. Gott ist nicht das Absolute, das sich in der Geschichte verwirklicht (Hegel). Gott ist nicht die Tiefe der menschlichen Erfahrung (Schleiermacher). Gott ist der Fremde, der in die Geschichte einbricht, ohne in ihr aufzugehen. Die Offenbarung ist nicht Krönung der Vernunft, sondern deren Krise.

Die Hegel-Kritik: Hegels Versöhnung von Gott und Welt erschien Barth als die subtilste Form der Selbstvergöttlichung des Menschen. Die Dialektik, die alle Gegensätze aufhebt, hebt auch den Gegensatz zwischen Schöpfer und Geschöpf auf - und verfehlt damit das Wesen des Glaubens. Glaube ist nicht Wissen, sondern Wagnis; nicht Synthese, sondern Sprung.

Die Wirkung: Die dialektische Theologie (Barth, Emil Brunner, Friedrich Gogarten, Rudolf Bultmann) wurde zur dominanten protestantischen Strömung der Zwischenkriegszeit. Sie beeinflusste die Bekennende Kirche, die sich dem Nationalsozialismus widersetzte. Barths “Barmer Theologische Erklärung” (1934) war ein theologisches und politisches Dokument zugleich.

Die Paradoxie: Die dialektische Theologie reagierte auf Hegel - aber sie blieb von ihm geprägt. Die Begrifflichkeit (Dialektik, Aufhebung, Vermittlung), die Problemstellung (das Verhältnis von Endlichem und Unendlichem), die Intensität des systematischen Denkens - all das kam aus der hegelianischen Tradition, auch wo es sich gegen sie wandte. Barth wurde zu einem der produktivsten Hegel-Kritiker des 20. Jahrhunderts - weil er Hegel ernst genug nahm, um ihn zu bekämpfen.

(Ausführlich Band II, Teill II)

Die philosophische Emigration nach 1933

Die Schweiz wurde nach 1933 zu einem wichtigen Zufluchtsort für verfolgte Intellektuelle - weniger als Frankreich, England oder die USA, aber bedeutsam für bestimmte Konstellationen.

Die Grenzen der Neutralität: Die Schweiz nahm Flüchtlinge auf, aber nicht unbegrenzt. Die restriktive Flüchtlingspolitik - besonders gegenüber Juden - ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte. Wer aufgenommen wurde, konnte arbeiten; viele wurden abgewiesen.

Karl Jaspers kam erst 1948 nach Basel, nachdem er die NS-Zeit in Heidelberg überlebt hatte (seine Frau war Jüdin, er selbst erhielt Berufsverbot). In Basel lehrte er bis 1961 und schrieb seine späten Werke, darunter “Die großen Philosophen” - in dem auch Hegel ausführlich behandelt wird.

Die Kontinuität: Die Schweizer Universitäten ermöglichten eine Kontinuität der philosophischen Arbeit, die in Deutschland unterbrochen war. Während in Deutschland die Philosophie durch Emigration und Gleichschaltung dezimiert wurde, konnten in der Schweiz Seminare stattfinden, Dissertationen geschrieben, Bücher publiziert werden. Diese Kontinuität wurde nach 1945 wichtig für den Wiederaufbau.