Jugoslawien - Die Praxis-Gruppe (1964-1975)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Jugoslawiens Sonderweg - Bruch mit Stalin (1948)

Jugoslawien unter Josip Broz Tito (1892-1980) war der einzige sozialistische Staat, der sich erfolgreich von Moskau löste. 1948 kam es zum Bruch: Stalin wollte Jugoslawien kontrollieren, Tito weigerte sich. Stalin exkommunizierte Jugoslawien aus dem Ostblock, drohte mit Invasion.[1]

Aber Tito überlebte - militärisch stark genug, politisch geschickt genug, international unterstützt (vom Westen!). Jugoslawien wurde blockfrei - weder Ostblock noch Westblock, sondern “dritter Weg”.

Die philosophische Konsequenz: Jugoslawien konnte experimentieren - ideologisch, ökonomisch, kulturell. Das Resultat: Die Praxis-Gruppe, die produktivste marxistische Philosophenschule der 1960er/70er Jahre.

Die Entstehung - Zeitschrift “Praxis” (1964)

1964 gründeten jugoslawische Philosophen die Zeitschrift “Praxis” - mit dem Untertitel “Philosophische Zeitschrift”. Die Herausgeber: Gajo Petrović (Zagreb), Mihailo Marković (Belgrad), Rudi Supek, Predrag Vranicki und andere.[2]

Die Zeitschrift erschien auf Serbokroatisch - aber mit Zusammenfassungen auf Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch. Das war strategisch: Man wollte international sichtbar sein, nicht nur national.

Parallel gab es eine internationale Ausgabe: Praxis International (ab 1965) - komplett auf Englisch, mit Beiträgen westlicher Philosophen (Habermas, Marcuse, Fromm, Goldmann).

Die Korčula-Sommerschule (1963-1974)

Noch wichtiger als die Zeitschrift war die Korčula-Sommerschule - jährliche Tagungen auf der Insel Korčula (Adriaküste, Kroatien). Hier trafen sich:

  • Osteuropäische Marxisten (Jugoslawen, aber auch Tschechen wie Kosík, Polen, Ungarn)
  • Westeuropäische Marxisten (Habermas, Marcuse, Lefebvre, Goldmann, Axelos)
  • Kritische Theoretiker aus dem Westen

Das war einzigartig: Nirgendwo sonst konnten Ost und West so frei diskutieren. Nicht offizielle Kulturdiplomatie (wie IHV, siehe Kapitel 10.4), sondern offener Dialog - kritisch, kontrovers, produktiv.[3]

Die Themen: Entfremdung, Praxis, Selbstverwaltung, Technologie, Ökologie, Geschlechtertheorie - weit über traditionellen Marxismus hinaus.

Die philosophische Position - Humanistischer Marxismus

Die Praxis-Gruppe vertrat einen “humanistischen Marxismus” - gegen sowjetischen Diamat, gegen Althussers Anti-Humanismus.

1. Praxis als Zentrum

Der Schlüsselbegriff: Praxis. Nicht “Basis-Überbau” (ökonomischer Determinismus), sondern Praxis - menschliches Handeln, Arbeit, Schaffen, Selbstveränderung.

Das ist Marx’ Frühschriften (Feuerbachthesen, Ökonomisch-philosophische Manuskripte): “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.” (11. Feuerbachthese)

Die Praxis-Gruppe betonte: Menschen sind nicht passiv (determiniert von Strukturen), sondern aktiv - sie gestalten Geschichte, verändern Verhältnisse, schaffen Neues.

2. Der Hegel-Bezug

Die Praxis-Gruppe las Hegel als Philosophen der Praxis. Besonders die Phänomenologie - Herr-Knecht-Dialektik: Der Knecht wird durch Arbeit zum Selbstbewusstsein. Nicht Theorie befreit, sondern Praxis.

Gajo Petrović (1927-1993) schrieb: “Hegels Dialektik ist nicht nur Logik, sondern Ontologie der Praxis. Das Sein ist nicht statisch, sondern Werden - und Werden ist Praxis.”[4]

Das ist näher an Bloch, Lukács, Kojève als an Althusser. Nicht Struktur ohne Subjekt, sondern Subjekt in Praxis.

3. Kritik am “real existierenden Sozialismus”

Die Praxis-Gruppe kritisierte Jugoslawien selbst - und das war gefährlich. Sie sagten:

  • Die Selbstverwaltung (Arbeiter verwalten Betriebe) ist gut - aber nur formal. Faktisch: Bürokratie, Parteikontrolle, keine echte Mitbestimmung.
  • Der Staat bleibt repressiv - Geheimpolizei (UDBA), Zensur, politische Gefangene.
  • Die Ideologie erstarrt - auch in Jugoslawien wird Marxismus zum Dogma, nicht zur lebendigen Praxis.

Die Konsequenz: Man muss den Sozialismus reformieren - von innen, durch Kritik, durch Demokratisierung.

Die Unterdrückung (1975) - Das Ende der Praxis-Gruppe

Tito tolerierte die Praxis-Gruppe lange - als Aushängeschild (“Seht, bei uns gibt es freie Diskussion!”). Aber als die Kritik zu scharf wurde, griff er ein.

1975: Acht Philosophen der Praxis-Gruppe wurden aus der Universität Belgrad entlassen - offiziell “suspendiert”, faktisch Berufsverbot. Darunter: Mihailo Marković, Svetozar Stojanović, Ljubomir Tadić.[5]

Die Zeitschrift “Praxis” wurde 1975 eingestellt - keine direkte Verbotung, aber Druck (keine Druckerei wollte noch drucken, keine Vertriebsfirma verteilen).

Die Korčula-Sommerschule wurde 1974 abgebrochen - die letzte Tagung fand noch statt, aber unter Polizeiaufsicht, mit Einschüchterung. Danach: keine weiteren Tagungen.

Die suspendierten Professoren konnten nicht mehr lehren, aber sie bekamen weiter Gehalt (!) - eine merkwürdige Kompromisslösung. Sie durften forschen, publizieren (im Ausland), aber nicht an der Universität auftreten.

Einige gingen ins Exil (Marković später in die USA), andere blieben in Jugoslawien - marginalisiert, aber nicht verhaftet.

Die internationale Wirkung

Trotz der Unterdrückung hatte die Praxis-Gruppe enorme Wirkung:

1. Auf die Neue Linke: Die Idee der Selbstverwaltung, der partizipativen Demokratie, der Praxis - das prägte Diskussionen in den 1970er/80er Jahren.

2. Auf Habermas: Habermas nahm an Korčula-Tagungen teil, diskutierte mit Petrović, Marković. Seine “Theorie des kommunikativen Handelns” (1981) ist teilweise Dialog mit der Praxis-Gruppe - Praxis wird zu kommunikativer Praxis.

3. Auf postjugoslawische Philosophie: Nach 1991 (Zerfall Jugoslawiens) wurden einige Praxis-Philosophen rehabilitiert - sie hatten recht gehabt mit ihrer Kritik. Aber es kam zu spät.

Systematische Bedeutung

Die Praxis-Gruppe zeigt: Marxismus kann selbstkritisch sein - wenn man ihn nicht dogmatisiert. Hegel lehrt: Selbstkritik ist Bedingung der Wahrheit. Ein System, das sich nicht selbst kritisiert, erstarrt.

Jugoslawien bewies: Auch ein “liberalerer” Sozialismus (im Vergleich zur Sowjetunion) kann nicht fundamentale Kritik tolerieren. Wenn die Legitimität des Systems in Frage gestellt wird, reagiert es repressiv - auch ohne Gulag.

Die Lehre: Ohne Institutionalisierung von Kritik keine Selbstkorrektur. Ein System braucht Foren (wie Praxis, wie Korčula), wo Kritik erlaubt ist. Wenn es die abschafft, akkumuliert es Fehler - bis zum Zusammenbruch (Jugoslawien 1991).


  1. Zum Tito-Stalin-Bruch: Svetozar Vukmanović-Tempo: Struggle for the Balkans, London: Merlin Press, 1990. ↩︎

  2. Zur Praxis-Gruppe: Mihailo Marković/Robert S. Cohen (Hg.): Yugoslavia: The Rise and Fall of Socialist Humanism, Nottingham: Spokesman Books, 1975; Gerson S. Sher: Praxis: Marxist Criticism and Dissent in Socialist Yugoslavia, Bloomington: Indiana University Press, 1977. ↩︎

  3. Zur Korčula-Sommerschule: Marković/Cohen: Yugoslavia, S. 143-168; sowie persönliche Berichte von Teilnehmern wie Habermas. ↩︎

  4. Gajo Petrović: “Marx’s Concept of Man and Marxist Humanism”, in: Praxis 1 (1965), S. 7-22; dt. in: Praxis und Utopie, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1969. ↩︎

  5. Zur Unterdrückung: Marković/Cohen: Yugoslavia, S. 205-228; sowie Sher: Praxis, S. 243-267. ↩︎