Die marxistische Grundlage: Arbeit, Werkzeug, Bewusstsein

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Vygotskys Theorie ist orthodox marxistisch im besten Sinne: Sie nimmt Marx ernst, ohne dogmatisch zu werden. Die Grundthese: Bewusstsein entsteht aus Arbeit. Marx hatte geschrieben: „Die Arbeit ist […] eine Vermittlung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur.“ Der Mensch gestaltet die Natur durch Werkzeuge – und in diesem Prozess entwickelt sich sein Bewusstsein.[1]

Vygotsky überträgt dies auf die Psychologie: Das Werkzeug ist nicht bloß technisches Instrument (Hammer, Pflug), sondern psychisches Instrument (Sprache, Schrift, Zahl). Wie der Hammer die Hand verlängert, verlängert die Sprache das Gedächtnis. Wie der Pflug die Natur verändert, verändert die Schrift das Bewusstsein. Die kulturellen Werkzeuge sind geronnene Arbeit – sie verkörpern historisch akkumulierte Praxis.[2]

Die Aneignung dieser Werkzeuge ist nicht individuell, sondern sozial. Das Kind lernt sprechen, weil andere sprechen. Es lernt zählen, weil die Gesellschaft Zahlen nutzt. Es lernt schreiben, weil Schrift kulturell vermittelt wird. Diese Aneignung ist Arbeit – aktive Transformation fremder Werkzeuge zu eigenen. Das Kind macht sich die Kultur zu eigen – und wird dadurch zum Menschen.[3]

Die dialektische Struktur: Die Natur (biologischer Organismus) wird zur zweiten Natur (kulturelles Wesen) durch Vermittlung (Aneignung von Werkzeugen). Diese Transformation ist nicht äußerlich, sondern konstitutiv – sie schafft qualitativ neue psychische Funktionen. Das Gedächtnis wird von natürlichem (unmittelbarem) zu kulturellem (vermitteltem). Die Aufmerksamkeit wird von unwillkürlicher zu willkürlicher. Das Denken wird von praktischem zu begrifflichem.[4]

Diese Position ist materialistisch (Bewusstsein entsteht aus Praxis), aber nicht reduktionistisch (Bewusstsein ist nicht bloß Natur). Sie ist historisch (Bewusstsein entwickelt sich kulturell), aber nicht relativistisch (die Strukturen höherer psychischer Funktionen sind universal). Sie ist dialektisch (Vermittlung schafft Neues), aber nicht spekulativ (empirisch überprüfbar).[5]


  1. Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 192-213 („Der Arbeitsprozeß“). Vygotsky bezieht sich explizit auf diese Passagen in: „Tool and Symbol“, S. 21-25. ↩︎

  2. Vygotsky: „Tool and Symbol“, S. 53-58. Die Analogie Werkzeug-Zeichen wird systematisch entwickelt, aber auch differenziert: Werkzeuge sind nach außen gerichtet (verändern Natur), Zeichen sind nach innen gerichtet (verändern Bewusstsein). ↩︎

  3. Zum Aneignungsbegriff siehe: Alexej N. Leontjew: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin: Volk und Wissen, 1982, Kap. 4. ↩︎

  4. Diese Transformation wird systematisch analysiert in: Dieter Holz: „Vygotsky und die dialektische Psychologie“, in: Forum Kritische Psychologie 18 (1986), S. 5-34. ↩︎

  5. Zur materialistischen, aber nicht-reduktionistischen Position siehe: Jerome Bruner: Acts of Meaning, Cambridge/MA: Harvard UP, 1990, Kap. 1: „The Proper Study of Man“. ↩︎