DDR-Wissenschaftstheorie als Kontrapunkt
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Eine andere Tradition
Während im Westen Kuhn, Lakatos und Feyerabend debattierten, entwickelte sich im Osten eine andere Wissenschaftstheorie – die marxistische, in der DDR besonders gepflegt. Sie hatte einen expliziten Hegel-Bezug: Die Dialektik sollte die Entwicklung der Wissenschaft erklären. Aber sie hatte auch einen dogmatischen Zug: Die „dialektischen Gesetze“ wurden oft als fertige Regeln aufgefasst, die man auf die Wissenschaft „anwenden“ konnte.
Warnke, Wahsner: Hegel für die Naturwissenschaften
Camilla Warnke und Renate Wahsner entwickelten eine differenziertere Position. Sie zeigten: Hegels Naturphilosophie ist nicht einfach „überholt“ – sie enthält Einsichten, die für die moderne Physik relevant sind: die Kritik am Atomismus, die Betonung der Relation, die Frage nach dem Verhältnis von Mathematik und Physik.
Das ist keine unkritische Hegel-Apologie. Warnke und Wahsner wissen: Hegels konkrete Aussagen über die Natur sind oft falsch. Aber seine Methode – die Frage nach der begrifflichen Struktur der Naturwissenschaft – bleibt fruchtbar.
Ost-West-Parallelen
Beide Traditionen – die westliche post-positivistische und die östliche marxistische – kritisieren den naiven Empirismus, betonen die begriffliche Dimension der Wissenschaft und sehen Wissenschaft als historischen Prozess. Die Differenzen liegen eher im Stil (der Westen historisch-soziologisch, der Osten philosophisch-systematisch) und in der politischen Einbettung.
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