Exner und die österreichische Anti-Hegel-Politik (1842/1844)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Franz Serafin Exner (1802-1853) transformierte Herbarts philosophische Position in Bildungspolitik. Als Professor in Prag und später als einflussreicher Berater des österreichischen Kultusministeriums wurde er zum Architekten einer systematischen Verdrängung des Hegelianismus aus dem habsburgischen Bildungswesen. Zusammen mit Allihn und Taute gehörte er zu denjenigen, die - so Erdmann - “in den Angriffen auf die Hegelsche Methode fast ihre Lebensaufgabe” sahen.[1]

Die philosophische Offensive

Exners Hauptwerk “Die Psychologie der Hegelschen Schule” (1842) richtete sich gezielt gegen den neuralgischen Punkt der Hegelschen Realphilosophie: die Philosophie des subjektiven Geistes.[2] Seine Strategie war methodisch raffiniert und wissenschaftlich-nüchtern - nicht dogmatisch wie die theologischen Gegner, was seine Kritik umso gefährlicher machte.

Die Kritikpunkte Exners:

Erstens der Konstruktionsvorwurf: Hegel beschreibe psychische Phänomene (Empfindung, Bewusstsein, Gedächtnis) nicht aus der Erfahrung, sondern konstruiere sie rein logisch. Er wisse schon vorher, was herauskommen müsse, und presse die Fakten in sein dialektisches Schema.

Zweitens die Verwechslung von Logik und Realität: Hegel verwechsle logische Verhältnisse (Begriffsentwicklung) mit realen Kausalverhältnissen. Für Exner als Herbartianer ist die Seele ein “reales Ding”, für Hegel ein “Moment des Geistes”. Die Suggestion: Hegels Methode mag in der reinen Logik funktionieren, aber sobald sie die reale Welt berührt, redet sie Unsinn.

Drittens das Divergenz-Argument: Exner analysierte die Darstellungen des subjektiven Geistes bei Erdmann, Michelet und Rosenkranz und wies nach, dass diese nicht übereinstimmten. Wenn Hegels Philosophie wirkliche Wissenschaft wäre - wenn die Kategorien sich wirklich “aus der Logik ableiten” ließen -, dann müssten die Darstellungen identisch sein. Die faktischen Divergenzen beweisen willkürliche Konstruktion.

Dieses letzte Argument ist rhetorisch wirksam, aber systematisch problematisch. Es verwechselt die logische Struktur (die bei allen Hegelianern identisch ist: Anthropologie - Phänomenologie - Psychologie) mit der konkreten Ausführung (die legitim variieren kann). Die Logik gibt das Skelett vor, nicht das Fleisch. Aber für die bildungspolitische Offensive genügte der Anschein des Nachweises.

Der “Österreichische Erbfolgekrieg” der Philosophie

Die Kritik Exners traf die Hegelsche Schule so empfindlich, dass sie eine direkte Reaktion provozierte. Nicht nur der produktive Karl Rosenkranz, sondern auch Johann Eduard Erdmann selbst - unser Historiker, der hier zur Primärquelle eines Beteiligten wird - sahen sich genötigt, Stellung zu beziehen.

Die Erwiderungen erschienen bezeichnenderweise nicht als separate Streitschriften, sondern im Rahmen der Neuauflagen ihrer Psychologien. Rosenkranz fügte der zweiten Auflage seiner “Psychologie” (1843) einen langen Anhang hinzu, in dem er ausführlich auf alle Kritikpunkte Exners einging. Erdmann hingegen begnügte sich in der dritten Auflage seiner “Psychologie” (1847) mit einer kurzen Stellungnahme am Ende des Vorworts: Er habe Fehler, die ihm einleuchteten, korrigiert - aber wenn daraus geschlossen würde, die Hegelsche Philosophie sei falsch, so sei das genauso, als würde man behaupten, der Calculus sei falsch, weil sich jemand verrechnet habe.[3]

Diese unterschiedlichen Reaktionen sind aufschlussreich: Rosenkranz, der produktivste Autor der Schule, ging in die systematische Auseinandersetzung; Erdmann, der Historiker, konterte mit einem eleganten methodologischen Argument. Exner antwortete darauf 1844 mit einem zweiten Band, der den bezeichnenden Titel trug: “Die Erwiderungen der Herren K. Rosenkranz und J. E. Erdmann”.[4] Das zeigt, dass diese beiden als die offiziellen “Wortführer” der Verteidigung wahrgenommen wurden. Michelet hingegen befasste sich eher mit der historischen Einordnung in seiner “Entwickelungsgeschichte der neuesten Deutschen Philosophie” (1843).

Die Debatte um Exner markiert den Höhepunkt des institutionellen Konflikts zwischen Hegelianismus und Herbartianismus - ein “Erbfolgekrieg” um die Nachfolge Kants, der nicht nur philosophisch, sondern auch bildungspolitisch ausgetragen wurde.

Die bildungspolitische Wirkung

Erdmann konstatiert: “Dank Exners Einfluss gingen insbesondere die österreichischen Professoren zur Schule Herbarts über”.[5] Robert Zimmermann, Franz Lott und Wilhelm Volkmann wurden zu den Hauptvertretern dieser österreichischen Wendung.

Die Reformen der 1840er Jahre unter Beteiligung Exners dienten einem klaren Ziel: spekulativen Idealismus und Hegelsche Geschichtsphilosophie aus dem Universitäts- und Gymnasialunterricht zu verdrängen. An ihre Stelle trat ein psychologisch-empiristischer und theologisch weniger brisanter Unterricht. Die katholisch-habsburgische Monarchie sah in Hegels Geschichtsphilosophie - mit ihrer impliziten Privilegierung des protestantischen Preußen als “Verwirklichung der Freiheit” - eine politische Gefahr.

Das Ergebnis war eine dauerhafte Spaltung der deutschen Philosophielandschaft: Während in Preußen der Hegelianismus (trotz staatlicher Distanzierung nach 1840) akademisch präsent blieb, wurde Österreich zum Zentrum des Herbartianismus. Diese Konstellation prägte die österreichische Philosophie bis ins 20. Jahrhundert - Brentanos empirische Psychologie und der Wiener Kreis stehen in dieser anti-hegelianischen Tradition.


  1. Erdmann (1866/1878), Bd. 3, Abschnitt zu Exner, Allihn und Taute. ↩︎

  2. Franz Serafin Exner: Die Psychologie der Hegelschen Schule, Erstes Heft, Leipzig 1842. Digitalisat verfügbar unter https://hegel.net/exner/ ↩︎

  3. Karl Rosenkranz: Psychologie oder die Wissenschaft vom subjektiven Geist, 2. Auflage, Königsberg 1843, Anhang; Johann Eduard Erdmann: Psychologie, 3. Auflage, Leipzig 1847, Vorwort. ↩︎

  4. Franz Serafin Exner: Die Psychologie der Hegelschen Schule. Zweites Heft: Die Erwiderungen der Herren K. Rosenkranz und J. E. Erdmann, Leipzig 1844. Digitalisat verfügbar unter https://hegel.net/exner/ ↩︎

  5. Erdmann (1866/1878), Bd. 3, Abschnitt zur österreichischen Rezeption. ↩︎