3. Sechs methodologische Probleme
Die Deutsche Ideologie enthält neben den Übersetzungen auch Passagen, in denen Marx über sein Verfahren spricht. Sie haben in der Tradition eine Eigendynamik entwickelt, die weit über seine eigene wissenschaftliche Praxis hinausgeht — im Diamat ebenso wie in der Marx-Kritik, die sich an ihnen abarbeitet. Für einen Werkzeugkasten sind sie deshalb wichtiger als vieles andere: Sie sagen, was nicht anzufassen ist.
Sechs Punkte, jeweils mit der Frage, was das Anliegen ist, was daran trägt und was nicht.
Der Standpunkt. Marx will den Standpunkt seiner Kritik bezeichnen, um das Verständnis der Einzelkritiken vorzubereiten; eine polemische Schrift gegen die deutsche Philosophie sei nötig, um das Publikum auf den Standpunkt seiner Ökonomie vorzubereiten. Das Anliegen ist Hegels eigene Forderung: dass die Methode dem Inhalt angemessen sein muss und man nicht mit fertigen Kategorien an die Welt herantritt. Die Fassung ist zirkulär. Zum Verständnis der Einsichten soll ein Standpunkt nötig sein, den man vorher haben muss — aber wie erwirbt man ihn, wenn nicht durch die Einsichten? Das Standpunkt-Denken kommt von Feuerbach, der den Standpunkt der Sinnlichkeit gegen den der Spekulation setzt. Hegel würde antworten: Standpunkte sind einseitig, und die Wissenschaft hat sie aufzuheben, nicht einen gegen den anderen zu stellen.
Die wirklichen Voraussetzungen. Man beginne mit wirklichen Voraussetzungen, nicht mit Dogmen. Berechtigt ist die Kritik an Philosophen, die ihre Deutung für die Sache halten. Nur ist die Berufung auf das Wirkliche selbst noch keine Erklärung: Auch die kritisierten Idealisten haben sich mit wirklichen Gegenständen befasst und sie anders gedeutet. Die Versicherung, man beginne beim Wirklichen, teilt die Struktur dessen, was sie kritisiert — hier wie dort wird die Objektivität des zu Erklärenden als Sache einer wissenschaftlichen Entscheidung behandelt.
Die anthropologische Abstraktion. Die Menschen begännen sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie ihre Lebensmittel produzieren. Das trifft zu. Es trägt nur wenig, weil sich aus der allgemeinsten Bestimmung nichts über bestimmte Gesellschaften ergibt. Wie man von der Notwendigkeit der Produktion zu verschiedenen Formen der Arbeitsteilung und des Eigentums kommt, sagt sie nicht; dazu braucht es die Untersuchung der bestimmten Verhältnisse. Die Abstraktion hat keinen wissenschaftlichen Ertrag, sondern zeigt einen Standpunkt an.
Die Gesellschaft überhaupt. Gesellschaftlich heiße das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck. Damit ist von dem abstrahiert, was zu erklären wäre — die Bedingungen, die Weise und der Zweck sind der ganze Inhalt des Zusammenwirkens. Wer davon absieht, verdoppelt den Gegenstand: Er hat die Gesellschaft überhaupt und daneben die wirklichen Gesellschaften als deren Erscheinungsformen. Bei Hegel ist die bürgerliche Gesellschaft ein bestimmter Begriff mit bestimmtem Inhalt; die Abstraktion ist Marx’ eigene Zutat für den Zweck der Standpunkt-Demonstration.
Das Bewusstsein als Sublimat. Auch die Nebelbildungen im Gehirn seien notwendige Sublimate des materiellen Lebensprozesses. Berechtigt ist, dass Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist und nicht voraussetzungslos entsteht. Die Fassung aber setzt Bewusstsein mit falschem Bewusstsein gleich, und daraus folgt ein Widerspruch zur eigenen Praxis: Wenn das Bewusstsein notwendig hervorbringt, was die Verhältnisse ihm eingeben, wozu dann Kritik? Marx hat sein Leben lang falsche Vorstellungen kritisiert, als ließe sich damit etwas ändern. Seine Formulierung passt nicht zu seinem Tun. Bei Hegel ist das Bewusstsein gerade dasjenige, was sich selbst korrigieren kann; die Phänomenologie ist der Weg des Bewusstseins durch seine eigenen Gestalten.
Der historische Optimismus. Für die Masse der Menschen existierten die theoretischen Vorstellungen nicht, und was sie an solchen hatte, sei durch die Umstände längst aufgelöst. Berechtigt ist, dass Umwälzungen aus wirklichen Konflikten entstehen und nicht aus Ideen. Die Gewissheit aber, die Desillusionierung geschehe von selbst, macht die eigene Tätigkeit überflüssig — und stellt die Frage, wozu dann die Polemik gegen die Junghegelianer geführt wird. Die Geschichte hat diese Erwartung nicht bestätigt.
Was daraus folgt, ist eine Unterscheidung, die für alles Weitere gilt. Die methodologischen Passagen sind Selbstdarstellung, nicht Wissenschaft. Marx’ tatsächliche Analysen — der Produktion, der Klassenbildung, der Staatsform — folgen ihnen nicht. Sie sind Untersuchungen bestimmter Verhältnisse, keine Anwendungen eines Standpunkts. Wer Marx als Werkzeug gebrauchen will, nimmt die Analysen und lässt die Proklamationen liegen.