Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 3
Erkenne dich selbst — die Aufgabe (§ 377)
Vor allem Weiteren steht ein Satz, der die Aufgabe bestimmt — und eine Warnung, die zwei verbreitete Lesarten abwehrt:
„Die Erkenntnis des Geistes ist die konkreteste, darum höchste und schwerste. Erkenne dich selbst, dies absolute Gebot hat weder an sich noch da, wo es geschichtlich als ausgesprochen vorkommt, die Bedeutung nur einer Selbsterkenntnis nach den partikulären Fähigkeiten, Charakter, Neigungen und Schwächen des Individuums, sondern die Bedeutung der Erkenntnis des Wahrhaften des Menschen wie des Wahrhaften an und für sich, — des Wesens selbst als Geistes.“
Die erste Abwehr richtet sich gegen die Introspektion. Wer sich selbst erkennen will, soll nicht seine Eigenheiten inventarisieren — das führt zu einer Sammlung von Zufälligem.
Die zweite gilt der Menschenkenntnis, und sie ist schärfer:
„Ebensowenig hat die Philosophie des Geistes die Bedeutung der sogenannten Menschenkenntnis, welche von anderen Menschen gleichfalls die Besonderheiten, Leidenschaften, Schwächen, diese sogenannten Falten des menschlichen Herzens zu erforschen bemüht ist.“
Und der Grund, warum sie nicht genügt: Eine solche Kenntnis habe „teils nur unter Voraussetzung der Erkenntnis des Allgemeinen […] Sinn, teils“ beschäftige sie sich „mit den zufälligen, unbedeutenden, unwahren Existenzen des Geistigen“, dringe „aber zum Substantiellen, dem Geiste selbst, nicht“.
Was stattdessen gesucht wird, ist die Kenntnis der allgemeinen Strukturgesetze des Geistes — nicht, wie dieser Mensch beschaffen ist, sondern was es heißt, ein Geist zu sein.
Das ist auch die Antwort auf ein Lob, das den Band nicht freut. Wer Hegel als feinsinnigen Menschenkenner rühmt und die Systematik verwirft, lobt ihn für das, was er ausdrücklich ausgeschlossen hat.
Und der Zusatz nennt den Grund der Schwierigkeit: Man habe es „nicht mehr mit der vergleichsweise abstrakten, einfachen logischen Idee, sondern mit der konkretesten, entwickeltsten Form zu tun“. Was schwer ist, ist nicht die Abstraktheit, sondern die Fülle. [KF]