Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 31

Parallelen zur Logik — und wie weit sie tragen

Es liegt nahe, die drei Teile des subjektiven Geistes den drei Teilen der Logik zuzuordnen, und die Zuordnung leuchtet zunächst ein:

Logik Subjektiver Geist Was beide gemeinsam haben
Sein Anthropologie das Unmittelbare, Vorgefundene
Wesen Phänomenologie die Reflexion, das Verhältnis zu einem Anderen
Begriff Psychologie die Selbstbestimmung

Die Parallele trägt in der Mitte am besten. Was die Wesenslogik untersucht — das Verhältnis von Innerem und Äußerem, von Wesen und Erscheinung — ist genau das, was das Bewusstsein umtreibt: Es hat einen Gegenstand gegenüber und hält für dessen Eigenschaft, was seine eigene Verfassung ist (§ 415). Hegel nimmt dafür in § 413 selbst die Wörter der Wesenslogik, „Reflexion“ und „Verhältnis“. Er schließt aber aus, dass die Reflexion der Wesenslogik die des Bewusstseins sei (Das Wesen als Reflexion); die Parallele betrifft die Form, nicht den Gegenstand.

Auch die erste Zuordnung hält: Die natürliche Seele hat ihre Bestimmtheiten, wie das Sein seine Qualitäten hat — unmittelbar, vorgefunden, ohne Verhältnis zu sich.

Eine zweite Parallele, die weiter reicht, führt über die Idee. Am Ende der Logik steht die Idee des Lebens, dann Erkennen und Wollen — die theoretische und die praktische Idee —, dann die absolute Idee (Teleologie, Erkennen und Wollen, Teleologie). Und dieselbe Reihe findet sich im Geist: Die Anthropologie beginnt beim Leben (§ 388: „Der Geist ist als die Wahrheit der Natur geworden“), die Psychologie entwickelt theoretischen und praktischen Geist, und der absolute Geist entspricht der absoluten Idee. Die Entsprechung hat eine Grenze, die Hegel selbst zieht: Am Ende der Logik ist die Idee „noch logisch, sie ist in den reinen Gedanken eingeschlossen“ (TWA 6, 572), absolut also nur im Rahmen der reinen Form; eingelöst sieht er den Anspruch erst am Schluss des absoluten Geistes, wo das Logische „die im konkreten Inhalte als in seiner Wirklichkeit bewährte Allgemeinheit“ ist (§ 574; Teleologie).

Woran beide Parallelen scheitern. Die Phänomenologie hat in dieser zweiten Reihe keinen Ort. Vor dem Erkennen steht in der Logik nur der Gattungsprozess, mit dem die Idee des Lebens schließt: Das Lebendige findet dort zum ersten Mal ein Anderes, das ist wie es selbst, „ein anderes lebendiges Individuum“, in einer Form, die „unmittelbar gegenseitig“ ist (TWA 6, 484); aber die Individuen gehen in der Gattung unter (Hegels Logik, 16.1a). Das ist eine Vorform der Anerkennung, nicht ihr Ort (Kap. 26). Und in der ersten Reihe fehlt umgekehrt, was die Wesenslogik an ihrem Ende entwickelt und was zum Begriff hinüberführt: die Wirklichkeit, die Substanz, die Wechselwirkung (Die Wirklichkeit).

Wie damit umzugehen ist. Hegel selbst behauptet nirgends eine Eins-zu-eins-Beziehung, aus gutem Grund. Die Logik entwickelt Denkbestimmungen, die an keinen Gegenstandsbereich gebunden sind, und nicht die Formen, in denen ein Bewusstsein Gegenstände vorstellt; die reine Wissenschaft „setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseins voraus“ (TWA 5, 43). Solche Bestimmungen tauchen an verschiedenen Stellen des Systems auf, wo sie passen. Es können auch mehrere Perspektiven zugleich passen.

Die Parallelen sind also heuristisch — Ordnung, nicht Ableitung (Die Idee des Lebens). Sie helfen, eine Stelle einzuordnen, und sie führen in die Irre, sobald man aus ihnen ableitet, was an einer Stelle stehen müsste. Wer aus der Wesenslogik folgert, die Phänomenologie müsse eine Wirklichkeitslehre enthalten, hat ein Werkzeug für einen Beweis genommen.

Eine Parallele, die sich am Text bewährt, führt vom theoretischen Geist zum absoluten — und Hegel selbst legt sie an, mit Paragraphen:

Theoretischer Geist Absoluter Geist
Anschauung (§§ 446–450) Kunst — „die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes“ (§ 556)
Vorstellung (§§ 451–464) Religion — der absolute Geist „zunächst für das subjektive Wissen der Vorstellung“ (§ 565)
Denken (§§ 465–468) Philosophie — die Wissenschaft als „die Einheit der Kunst und Religion“ (§ 572)

Das ist keine Zuordnung von außen: Hegel gebraucht dieselben Wörter und in derselben Folge. Die drei Formen, in denen der theoretische Geist zu einem Inhalt steht, kehren als die drei Weisen wieder, in denen der absolute Geist sich weiß.

Und daran zeigt sich, was die Parallelen taugen. Diese erklärt, was im Text steht — warum Kunst, Religion und Philosophie gerade in dieser Ordnung folgen. Sie fügt nichts hinzu. Eine Parallele, die dagegen aus dem Wesen der Logik ableiten wollte, was in der Phänomenologie stehen müsste, täte das Gegenteil.

Eine Ausnahme gibt es allerdings. Die Enzyklopädie von 1830 hält die Reihenfolge Kunst — Religion — Philosophie durchgehend durch, ebenso die übrigen Darstellungen. An einer Stelle aber zählt Hegel anders, in der Einleitung der Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, die Karl Hegel aus Manuskripten und Nachschriften zusammengestellt hat:

„Unter den Gestalten dieser gewußten Vereinigung steht die Religion an der Spitze […] Die zweite Gestalt der Vereinigung des Objektiven und Subjektiven im Geiste ist die Kunst: sie tritt mehr in die Wirklichkeit und Sinnlichkeit als die Religion […] Das Wahre gelangt aber nicht nur zur Vorstellung und zum Gefühl, wie in der Religion, und zur Anschauung, wie in der Kunst, sondern auch zum denkenden Geist; dadurch erhalten wir die dritte Gestalt der Vereinigung — die Philosophie“ (TWA 12, 68).

Religion — Kunst — Philosophie. Und damit ändert sich auch die zugehörige Reihe des theoretischen Geistes: nicht Anschauung — Vorstellung — Denken, sondern Vorstellung — Anschauung — Denken. Hegel sagt es ausdrücklich: die Vorstellung gehört zur Religion, die Anschauung zur Kunst.

Was daraus für die Parallele folgt. Sie besteht — die drei Formen des theoretischen Geistes kehren im absoluten wieder, und Hegel gebraucht dieselben Wörter. Die Zuordnung aber ist nicht so fest, wie die Enzyklopädie sie erscheinen lässt: An einer Stelle ordnet Hegel anders zu, ohne den Unterschied zu thematisieren.

Warum er es nicht tut, lässt sich nicht entscheiden. Möglich, dass die Enzyklopädie-Fassung aus Rücksicht auf die früheren Auflagen beibehalten wurde; möglich auch, dass ihm eine so späte und so sichtbare Umarbeitung des Systems unangenehm gewesen wäre. Belegt ist nur, dass beide Reihenfolgen bei ihm vorkommen.

Das ist für die Beurteilung der Parallelen lehrreicher als ein glatter Befund. Wo Hegel selbst schwankt, ist eine Zuordnung nicht aus dem System abzuleiten — sie ist eine Entscheidung, für die es Gründe gibt, und die Gründe lassen sich prüfen.

Hösle hat dazu einen Einwand, der unabhängig davon gilt: Er hält die Abfolge Anschauung — Vorstellung — Denken für „linear und nicht-dialektisch“ — und die Zuordnung der Kunst zur bloßen Anschauung passt ohnehin schlecht, wenn man an das Drama denkt. Hegel scheint dort von der Rezeption her zu denken, nicht von der Produktion.[1]

Der Prüfsatz dafür ist derselbe, den die Kleine Logik für jede solche Parallele aufstellt: Erklärt die Parallele, was im Text steht — oder fügt sie hinzu, was dort fehlen soll? Im ersten Fall ist sie brauchbar, im zweiten nicht. [KF]


  1. Hösle, Hegels System, S. 387 und Kap. 6.4.2, Anm. 107. Die Konsequenzen der Umstellung für das ganze System sind auf hegel-system.de (Absoluter Geist, Abschnitt 6.3) ausgeführt. ↩︎