Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 9

Was „Seele“ hier heißt

Der Titel führt am meisten in die Irre, und der erste Satz Hegels scheint es zu bestätigen: Die Seele sei „nicht nur für sich immateriell, sondern die allgemeine Immaterialität der Natur, deren einfaches ideelles Leben“ (§ 389).

Das klingt nach Panpsychismus — als wohne allem Materiellen etwas Geistiges inne. Gemeint ist etwas anderes, und Hegel sagt es im selben Paragraphen: In dieser noch abstrakten Bestimmung sei die Seele „nur der Schlaf des Geistes; — der passive Nus des Aristoteles, welcher der Möglichkeit nach Alles ist“.

Der passive Nus ist das Vermögen, bestimmt zu werden — nicht ein Ding, das etwas tut. Die Seele in diesem ersten Sinn ist die Möglichkeit, einen Geist auszubilden, nicht ein Geist, der schon da wäre.

Und § 395 gibt die Regel für den ganzen Abschnitt. Hegel schreibt dort, die Seele sei „zum individuellen Subjekte vereinzelt“, aber „diese Subjektivität kommt aber hier nur als Vereinzelung der Naturbestimmtheit in Betracht“.

Stekeler liest das als Auskunft über den Wortgebrauch: „Seele“ heiße hier nichts anderes als „ich als Subjekt“, eingeschränkt auf die natürliche Seite — animalische Fähigkeiten, Reaktionen, Verhaltensweisen. Was daraus als frei handelnde Person wird, heißt später Geist oder Selbstbewusstsein.[1]

Wer also nach der Seele als Gegenstand sucht, sucht das Falsche. Der Abschnitt handelt davon, was ein Lebewesen mitbringt und wie daraus ein Subjekt wird. [KF]


  1. Stekeler-Weithofer, Hegels Realphilosophie, zu § 395 (S. 533). ↩︎