Möglichkeit und Notwendigkeit
Formelle Möglichkeit: „Alles ist möglich, was sich nicht widerspricht." Inhaltsleer. Hegels Kritik: „Es gibt daher kein leereres Reden als das von solcher Möglichkeit." Je weniger einer weiß, desto mehr hält er für möglich — deshalb haben Kinder eine „große Fantasie": nicht weil sie besonders kreativ sind, sondern weil sie die Hindernisse noch nicht kennen. Die Umkehrung: Je mehr wir über die Welt wissen, desto mehr „Unmöglichkeiten" kennen wir — das ist kein Verlust, sondern Gewinn an Realitätssinn. Aber Vorsicht: Peter Ustinov warnte, im Alter wisse man so viel — „einschließlich vieler Dinge, die nicht so sind". Alte können Dinge „wissen", die nicht mehr stimmen. Paradigmenwechsel stellen die Axiome des bisherigen Erklärungsmusters in Frage — was gestern als „unmöglich" galt, ist heute Realität. Die wissenschaftssoziologische Einsicht (Planck/Kuhn): Neues setzt sich oft erst durch, wenn die Anhänger des Alten weggestorben sind. Das entspricht der S³-Struktur des Lebens (Kap. 19): Selbstdifferenzierung — das Wissen gliedert sich in Schulen und Paradigmen; Selbsterhaltung — jedes Paradigma reproduziert sich durch Ausbildung und Institutionen; Selbstaufhebung — der einzelne Wissenschaftler stirbt, aber die Wissenschaft erneuert sich gerade dadurch. Die „Sterblichkeit" der Wissenschaftler ist nicht nur bedauerlicher Umstand, sondern Bedingung der Möglichkeit von Paradigmenwechseln.
Reale Möglichkeit: Fragt nach konkreten Bedingungen. Eine Eichel hat DNA + Zellmaschinerie (Grund), braucht Erde, Wasser, Licht (Bedingungen). Wenn alle Bedingungen vollständig vorhanden sind, tritt die Sache in die Existenz — nicht als Liste, die man abhakt, sondern als System, das sich schließt. Dann muss sie eintreten.
Vollziehen Sie das: Denken Sie an eine Erkenntnis, die sich für Sie „geschlossen" hat — ein Aha-Moment, wo alles zusammenpasste. Was war der Moment des Schließens? War es das Hinzukommen einer letzten Evidenz — oder das Schließen eines ganzen Zusammenhangs, in dem sich die Evidenzen plötzlich wechselseitig trugen? Genau dieses Schließen ist der Umschlag von „wahrscheinlich wahr" zu „muss so sein".
Die Zufälligkeit als Übergang. Zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit steht eine Kategorie, die leicht übersprungen wird und ohne die der Übergang nicht folgt.
Etwas, das möglich ist und wirklich wird, ohne dass sich angeben ließe, warum gerade es und nicht das Gegenteil, heißt zufällig. Das Zufällige ist die Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit in ihrer unmittelbaren Form: Es ist, aber es könnte auch nicht sein.
Die Pointe liegt darin, dass diese Bestimmung sich selbst aufhebt. Denn das Zufällige ist nicht grundlos - es hat Bedingungen, und wo alle Bedingungen vorliegen, tritt es notwendig ein. Zufällig heißt also nicht: ohne Grund. Es heißt: Der Grund liegt außerhalb dessen, was betrachtet wird.
Damit ist der Zufall die Notwendigkeit von der unvollständigen Seite gesehen. Wer den Zusammenhang weit genug fasst, findet die Bedingungen; wer ihn eng fasst, findet Zufall. Und deshalb geht die Zufälligkeit in die Notwendigkeit über: nicht weil der Zufall verschwände, sondern weil er sich als abhängig vom Ausschnitt erweist.
Praktisch: Wer sagt “das war Zufall”, macht damit eine Aussage über die Reichweite seiner Betrachtung, nicht über die Sache. Das ist kein Determinismus - es bleibt offen, ob sich jeder Zusammenhang vollständig fassen lässt. Aber es verbietet, den Zufall als Erklärung zu nehmen.
Zusammen-Passbarkeit (Kompossibilität): Nicht nur „Ist A möglich?“, sondern „Können A und B zusammen möglich sein?” Denken Sie an zwei Wünsche, die sich gegenseitig ausschließen: „Ich will maximal sparen" und „Ich will luxuriös leben." Formal ist jeder für sich möglich, aber zusammen sind sie unvereinbar. Die dialektische Frage: Lässt sich der Widerspruch in höherer Form auflösen (etwa: langfristig klug investieren)? Ethische Konsequenz: Der Gerechtigkeitstest ist im Kern ein Zusammen-Passbarkeits-Test — kann das, was ich für mich will, zusammen bestehen mit dem, was alle anderen für sich wollen? Vertiefung: Strukturelles Beispiel: Kapitalakkumulation und ökologische Nachhaltigkeit als strukturell erzeugte Unvereinbarkeit — nicht individuell lösbar, erfordert Strukturtransformation. Ausgeführt in [[kapitalismus-transformieren]] (optional).