Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 12
Die erste These und der Übergang zur Idee
Die erste These ist systematisch die wichtigste:
„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus […] entwickelt.“ (MEW 3, 5; zitiert ist Marx’ eigene Fassung aus dem Notizbuch, nicht die von Engels 1888 bearbeitete)
Der Ausdruck „Form des Objekts“ hat bei Hegel eine Entsprechung, aber nicht an der Stelle, die der Name nahelegt. Objektivität heißt in Hegels Begriffslogik der Teil zwischen dem subjektiven Begriff und der Idee (Hegels Logik, 12a): selbständige Ganze, deren Zusammenhang unter den Titeln Mechanismus, Chemismus und Teleologie untersucht wird. Ein Gegenstand, der einem betrachtenden Subjekt gegenübersteht, ist dieses Objekt zunächst gerade nicht: „Daß das Objekt auch Gegenstand und einem Anderen Äußeres ist, dies wird sich nachher bestimmen“ (Enz. § 193 Anm.). Was Marx meint, steht bei Hegel in der Idee, beim theoretischen Erkennen. Dessen Endlichkeit liegt „in der Voraussetzung einer vorgefundenen Welt, und das erkennende Subjekt erscheint hierbei als eine tabula rasa“; aber: „Sein Verhalten erscheint ihm selbst als ein passives, in der Tat ist dasselbe jedoch aktiv“ (Enz. § 226 Zusatz, eine Nachschrift). Es ist derselbe Einwand, den Marx gegen den anschauenden Materialismus erhebt. Hegel lässt das Erkennen darum in das Wollen übergehen, in dem der Begriff selbst als bestimmender Zweck auftritt (Erkennen und Wollen). Die Idee, zu der beide gehören, ist kein fertiger Gegenstand der Anschauung, sondern die Bewegung, in der Subjekt und Objekt einander durchdringen — entfaltet als Idee des Lebens, des Erkennens und des Wollens.
Marx’ „sinnlich menschliche Tätigkeit“ nimmt auf, was Hegel am Verhältnis von Erkennen und Wollen entwickelt: nicht erst betrachten und dann handeln, sondern beides als Momente eines Vollzugs. Bei Hegel bleiben die beiden aufeinander verwiesen, ohne dass eines im anderen aufgeht (Hegels Logik, 17.6b). Was Hegel so entwickelt, konkretisiert Marx als gesellschaftliche Praxis. Die Terminologie geht auseinander, die Struktur nicht — bis auf eine Stelle, die zählt: Gesellschaftliche Praxis ist das Tun vieler, deren Zwecke sich verbinden und kollidieren. Das Verhältnis, in dem Freie einander als Freie haben, führt die Logik nicht aus; sie nimmt die Vielheit jedes Mal in einen Begriff zurück (Teleologie). Hegel entwickelt es erst in der Philosophie des Geistes, im Anerkennen (Enz. § 436) und im objektiven Geist. Marx’ Praxis verbindet also, was bei Hegel an zwei Orten steht: die Form von Erkennen und Wollen in der Logik, das Verhältnis vieler im Geist.
Dass er dabei an Hegel anknüpft, sagt Marx halb selbst: Der Idealismus habe die tätige Seite entwickelt, aber „abstrakt“; Engels’ Fassung von 1888 verdeutlicht: „aber nur abstrakt“. Das ist keine Verwerfung, sondern der Vorwurf, etwas nicht weit genug getrieben zu haben — der Vorwurf eines Erben, nicht eines Gegners. Und was er kritisiert, ist Feuerbach, der hinter Hegel zurückfällt: Feuerbach hatte Hegels Vermittlungsdenken durch eine Philosophie der unmittelbaren Anschauung ersetzen wollen und war damit hinter die kritische Philosophie zurückgegangen.
Die dritte These und die Wechselwirkung
„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ (MEW 3, 5 f.)
Der Gegner ist hier ein mechanischer Materialismus, der die Menschen als Produkte ihrer Umstände fasst und darüber vergisst, dass die Umstände von Menschen gemacht sind. Wer so denkt, muss die Gesellschaft in zwei Teile spalten, von denen einer über ihr steht — die Erzieher, die selbst nicht erzogen sind. Marx zeigt, dass diese Spaltung aus dem Denkfehler folgt.
Das Zusammenfallen von Veränderung der Umstände und Selbstveränderung hat die Struktur, die Hegel in der Wesenslogik als Wechselwirkung entwickelt (Die Wirklichkeit): zwei Seiten, die sich gegenseitig konstituieren, ohne dass eine die andere einseitig bestimmt. Die Wechselwirkung allein gestaltet aber nichts; sie weiß nichts von sich, und auch ein Regelkreis bestimmt sich wechselseitig, ohne dass daraus Freiheit würde. Begriffen ist sie erst, wenn ihre Seiten „als Momente eines Dritten, Höheren, erkannt werden, welches dann eben der Begriff ist“ (Enz. § 156 Zusatz; Die Wirklichkeit). Marx nennt die bewusste Aneignung dieser Struktur revolutionäre Praxis: nicht die Wechselwirkung selbst, sondern den Schritt über sie hinaus, in dem die Beteiligten die Formung, die sie ohnehin erfahren, selbst gestalten. Der Name ist neu, die Bestimmung nicht.
Die übrigen Thesen
Die zweite These verlegt die Frage, ob dem Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, aus der Theorie in die Praxis: „In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen“ (MEW 3, 5). Das klingt gegen Hegel gerichtet und ist es nicht. Dass es kein unerreichbares Jenseits des Denkens gibt, ist gegen Kant entwickelt worden, und zwar von Hegel. Er stellt auch die praktische Idee über das bloß betrachtende Erkennen, weil sie „nicht nur die Würde des Allgemeinen, sondern auch des schlechthin Wirklichen“ hat (TWA 6, 542). Nur gilt bei ihm ebenso die Gegenrichtung: Der Wille steht sich selbst im Weg, solange er sich vom Erkennen trennt, und die Idee des Guten findet ihre Ergänzung „allein in der Idee des Wahren“ (TWA 6, 544 f.; Erkennen und Wollen). Marx verschiebt den Akzent auf den Ort der Bewährung. Was daraus wird, wenn man die Verschiebung zur allgemeinen Wahrheitstheorie ausbaut, behandelt Kap. 22.
Die sechste These ist die berühmteste: Das menschliche Wesen sei kein dem Einzelnen innewohnendes Abstraktum, sondern „in seiner Wirklichkeit […] das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (MEW 3, 6). Gegen Feuerbachs stumme Gattungsallgemeinheit ist das richtig. Gegen Hegel wäre es nur richtig, wenn dieser das Wesen des Menschen abstrakt bestimmt hätte — und das tut er gerade nicht. In der Rechtsphilosophie ist die Person wirklich als Glied der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates; das Wesen ist in den sittlichen Verhältnissen und nirgends sonst (Warum nicht beim Individuum beginnen). Marx’ Formel ist eine Übersetzung der Sittlichkeit in sozialwissenschaftliche Sprache. Was er hinzufügt, steht in der siebten These: dass diese Verhältnisse geschichtlich veränderlich sind und dass auch das abstrakte Individuum, das Feuerbach analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört. Das ist eine Historisierung, die bei Hegel angelegt und nicht durchgeführt ist.
Die achte These sagt, alle Mysterien, die die Theorie zum Mystizismus veranlassen, fänden ihre „rationelle Lösung“ in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis. Der Zusatz ist zu beachten: nicht die Praxis allein, sondern die Praxis und ihr Begreifen. Das trifft Feuerbach, der die Religion theoretisch auflöst und nicht praktisch aufhebt. Hegel trifft es nicht: Er hatte die absolute Idee als Einheit der theoretischen und der praktischen Idee bestimmt (Enz. §§ 235 f.); auch hier verschiebt Marx den Akzent.
Die elfte These schließlich — „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“ — wird gewöhnlich als Absage an die Philosophie gelesen. Als Absage genommen, widerlegt sie sich selbst, denn sie ist eine theoretische Aussage über das Verhältnis von Theorie und Praxis. Als Forderung nach der praktischen Idee gelesen, vollzieht sie einen Übergang, den Hegel in der Begriffslogik selbst entwickelt: vom Erkennen zum Wollen, von der theoretischen zur praktischen Idee (Erkennen und Wollen). Was Marx hinzufügt, ist der Vorwurf, die bisherige Philosophie sei bei der Interpretation stehengeblieben. Der Vorwurf trifft Hegels Anwendung, nicht seine Logik. Die Rechtsphilosophie ist die Lehre vom freien Willen, der sich seine Welt gibt; aber sie beschreibt die Einheit von Erkennen und Wollen im Staat, als wäre sie dort schon wirklich (Der Staat — die bewusste Sittlichkeit).
Was die Thesen zeigen
Die logische Struktur der Thesen ist durchgehend hegelianisch: die tätige Seite gegen den anschauenden Materialismus, die wechselseitige Bestimmung von Umständen und Selbstveränderung, das konkrete Wesen gegen die abstrakte Gattung, die Einheit von Theorie und Praxis. Was Marx hinzufügt, ist die Betonung der Praxis als Ort der Bewährung, ihre Fassung als Tun vieler, die Historisierung der Verhältnisse und die politische Wendung. Er kritisiert Feuerbach mit Argumenten, die er bei Hegel gefunden hat, und richtet sie zugleich gegen Hegels eigene Anwendung. Das ist keine Widerlegung und kein Anschluss, sondern beides: eine Kritik von innen, die den Maßstab dort hernimmt, wo sie ihn anlegt.
Was er nicht tut, ist Rechenschaft darüber ablegen. Er versteht sich als Materialisten gegen den Idealismus, während sein Materialismus die Logik voraussetzt, die er dem Idealismus zurechnet. Für die Wirkungsgeschichte ist das folgenreicher als jede einzelne These.