Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 26
Wie zu lesen ist, wer beide gebraucht
Zum Schluss die Regel, die sich aus dem Ganzen ergibt.
Wo Marx Hegel zu kritisieren scheint, ist zu prüfen, worauf die Kritik zielt. Zielt sie auf eine wirkliche Stelle der Hegelschen Selbstdarstellung — auf die Diktion, die eine Aufgabe wie einen Vollzug klingen lässt —, dann trifft sie meist. Zielt sie auf die Methode, dann meist nicht, denn Marx arbeitet mit ihr. Zielt sie auf eine Konkretion, die Hegel zu seiner Zeit nicht leisten konnte, dann ist sie Weiterführung und kein Einspruch.
Umgekehrt gilt: Wo Marxisten hinter das zurückgehen, was Hegel erreicht hatte — wo die Widerspiegelung an die Stelle der Vermittlung tritt, wo aus der Methode drei Gesetze werden, wo Wahrheit auf Wirksamkeit verkürzt wird —, verlieren sie mehr, als sie gewinnen. Die Kritik an der Diktion ist berechtigt; die Preisgabe der Begriffslogik ist es nicht.
Und für beide Seiten dieselbe Regel, die Marx aufgestellt und nicht durchgehalten hat: Eine Abstraktion darf nicht zum handelnden Subjekt erhoben werden, und die wirklichen Menschen dürfen nicht zu ihren Trägern werden. Wo das geschieht — ob die Idee handelt oder der Wert —, ist die Frage zugedeckt, auf die es ankommt: wer genau was tut, in welcher Position, unter welcher Vorgabe.
Wer beide so liest, hat kein System und keine Schule. Er hat Werkzeuge, deren Reichweite er kennt.
Bibliographie
Hegel
Wissenschaft der Logik (1812–1816), GW 11, 12, 21.
Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1830), TWA 8–10.
Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820), TWA 7.
Phänomenologie des Geistes (1807), GW 9.
Marx und Engels
Zitiert nach den Marx-Engels-Werken (MEW), Berlin 1956 ff.
Kritik des Hegelschen Staatsrechts (1843), MEW 1.
Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), MEW 40 (Ergänzungsband).
Die heilige Familie (1845), MEW 2.
Thesen über Feuerbach (1845), MEW 3.
Die deutsche Ideologie (1845/46), MEW 3.
Das Elend der Philosophie (1847), MEW 4.
Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), MEW 42.
Das Kapital, Bd. 1 (1867), MEW 23; Bd. 2 (1885), MEW 24; Bd. 3 (1894), MEW 25.
Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886), MEW 21.
Sekundärliteratur
Johannes Heinrichs, Reflexionstheoretische Semiotik und die Schriften zur Reflexionslogik — für das Argument, dass jede materialistische Position ein Akt des Denkens ist.
Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, Münster 1991 — zur Unterscheidung von Wertform und Wertsubstanz.
Eigene Vorarbeiten
Zur Logik, die beide voraussetzen, [[kleine-logik]]; zur Rechtsphilosophie, an der Marx’ Kritik ansetzt, [[hegel-recht]]; zur ökonomischen Seite [[kapitalismus-einfuehrung]] (optional).