Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 22
Die symmetrische Formel
Die Auflösung liegt nicht in der Wahl. Sie liegt in der Bestimmung dessen, was jede Seite trifft und verfehlt.
Hegel trifft: Die Erkenntnis kann ihren Gegenstand vollständig erfassen. Das Denken hat eine eigene Logik, die sich systematisch entfaltet.
Marx trifft: Die Erkenntnis ist nicht der einzige Modus. Der Gegenstand hat noch andere — Handeln, Erleiden, Empfangen. Die vollständige Erkenntnis eines Gegenstandes ist nicht dessen Vollständigkeit.
Beide Einsichten sind real, beide aufeinander angewiesen, keine überholt die andere:
Erkennen ohne Praxis ist leer — es weiß nicht, woran es sich bewährt. Praxis ohne Erkennen ist blind — sie lernt nicht aus dem Widerstand.
Und was der Streit selbst zeigt
Ein Argument von Johannes Heinrichs löst die Alternative auf einer tieferen Ebene auf, und es ist bemerkenswert, weil es weder für die eine noch für die andere Seite Partei ergreift.
Die materialistische Position — am schärfsten bei Hans Heinz Holz — lautet: Das Prädikat des Seins könne nicht aus dem Denken selbst geschöpft werden; es müsse zum Denken etwas vom Denken Unterschiedenes hinzukommen.
Der Einwand: Das Prädikat des Seins umfasst nicht nur das materielle Sein. Die Realität, auf die wir im Erkennen treffen, schließt den Erkenntnisvollzug ein — die Aktwirklichkeit des Subjekts.
Und daraus folgt etwas für den Streit selbst. Jede materialistische Position ist selbst ein Akt des Denkens. Wer sie vertritt, vollzieht gerade das, wovon er sagt, es genüge nicht. Der Streit lässt sich also nicht durch die Wahl einer Seite entscheiden — weil beide Seiten in demselben Vollzug stehen, über dessen Rang sie streiten.
Das ist keine Vermittlung, die beiden recht gibt. Es ist die Feststellung, dass die Alternative auf einer Ebene formuliert ist, die der Vollzug bereits unterlaufen hat.