Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 17
3. Die Selbstdeutung von 1873
Im Nachwort zur zweiten Auflage von 1873 spricht Marx ausdrücklich über seine Methode:
„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegentheil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle."
Was hier als direktes Gegenteil bezeichnet wird, ist bei näherem Zusehen die Fassung dessen, was Hegels Anliegen war. Hegels Idee ist kein Wesen jenseits der Wirklichkeit, sondern deren begriffene Struktur; wo er vom Denkprozess spricht, meint er nicht Vorstellungen in Köpfen, sondern die Formen des rationalen Zusammenhangs. Und Marx’ Formel vom im Menschenkopf umgesetzten Materiellen beschreibt einen Vollzug, in dem Ideelles und Materielles nicht getrennt vorkommen — genau die Struktur, die Hegel als Selbstbewegung des Begriffs formuliert hatte.
Die Distanzierung zielt dennoch auf etwas Wirkliches. Hegels Rede vom absoluten Geist, von der List der Vernunft, von der Weltgeschichte als Weltgericht legt eine überindividuelle Macht nahe, die sich hinter dem Rücken der Handelnden durchsetzt. Marx nimmt ihr den Schein: Die List der Vernunft ist der Name für die unbeabsichtigten Folgen individueller Handlungen in einem Zusammenhang, den niemand überblickt. Und er sagt selbst, was er trifft und was nicht:
„Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er die allgemeinen Bewegungsformen derselben zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken."
Getroffen ist die Selbstinterpretation, nicht die Methode. Die Umstülpung besteht darin, die Methode anders zu deuten, nicht darin, sie zu ändern.
Man liest gelegentlich, die Distanzierung sei die Bedingung der Leistung gewesen: Als orthodoxer Hegelianer hätte Marx versucht, die Ökonomie aus der Logik abzuleiten, und wäre daran gescheitert. Diese Erklärung trägt nicht. Gegenstände aus der Logik abzuleiten hat kein Hegelianer versucht, Hegel eingeschlossen; sie haben die Logik ihrer Gegenstände darzustellen versucht, und das ist etwas anderes. Und es ist nicht abzusehen, warum eine Wissenschaft des begrifflichen Denkens für einen bestimmten Gegenstand untauglich sein sollte — auch Unvernunft und Wahn lassen sich begrifflich ordnen.
Marx selbst spricht dagegen. In einem Brief an Engels aus der Arbeit an den Grundrissen berichtet er, das erneute Durchblättern der Hegelschen Logik habe ihm bei der Methode der Bearbeitung große Dienste geleistet. Er hat sie also gebraucht, während er sich von ihr absetzte, und er wusste es.
Was die Distanzierung wirklich leistet, ist bescheidener. Sie ist zunächst eine Stellungnahme in einem Feld, in dem Hegels Name für die Rechtfertigung des Bestehenden stand; wer damals politisch schreiben wollte, konnte ihn schwer als Gewährsmann führen. Und sie hat eine Folge, die dem Werk zugutekommt: Wer sich auf keine Autorität berufen kann, muss jede Bestimmung am eigenen Gegenstand entwickeln. Marx konnte sich nirgends darauf zurückziehen, ein Verhältnis sei schon anderswo geklärt; er musste an der Ware, am Geld, am Arbeitsvertrag zeigen, was er behauptete. Ein Kommentar hätte das nicht verlangt, und eine Darstellung, die sich auf einen Vorgänger berufen darf, verliert leicht den Anlass, genau hinzusehen.
Und die Distanzierung war teuer. Weil Marx nie geklärt hat, was er übernimmt, hat die Tradition die Distanzierung zum Erkennungszeichen gemacht. Man verstand sich als materialistisch gegen den idealistischen Hegel und verlor dabei die Methode aus dem Blick. Die angekündigten Quarthefte über das Rationelle der Hegelschen Logik hat Marx nie geschrieben; was an ihrer Stelle steht, sind Systematisierungen wie die drei Grundgesetze der Dialektik, die aus einem Verfahren ein Schema machten.
Eine biographische Entsprechung wurde in Teil I genannt. Marx nennt Hegel meist als Distanzfigur und Gans fast gar nicht. Beides folgt derselben Logik: Eine Methode, die wirklich aufgenommen ist, muss nicht mehr genannt werden. Das beschreibt sein Verhältnis zu seinen Lehrern genauer als die Formel von der Umstülpung.