Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 16
2. Die Kreisläufe als Schlusssystem
Der zweite Band, den Engels 1885 aus dem Nachlass herausgibt, ist der methodisch dichteste Teil des Werks und der am wenigsten gelesene. Marx entwickelt dort drei Kreisläufe des Kapitals: den des Geldkapitals, den des produktiven Kapitals und den des Warenkapitals. Sie sind keine drei Arten von Kapital, sondern drei Ansichten desselben Vorgangs, je nachdem, welche Phase in die Mitte tritt.
Die Form ist die des Schlusses in Hegels Begriffslogik. Ein Schluss hat drei Figuren, in denen jeweils ein anderes der drei Momente die Mitte bildet; erst alle drei zusammen bestimmen den Zusammenhang vollständig. Bei Marx bildet im ersten Kreislauf die Zirkulation die Mitte, im zweiten die Produktion, im dritten der Verkauf. Erst alle drei zusammen zeigen die Reproduktion des Ganzen.
Marx sagt selbst, was daraus folgt: Betrachte man die drei Formen zusammen, so erschienen alle Voraussetzungen des Prozesses als sein Resultat, als durch ihn selbst hervorgebrachte Voraussetzung. Der Satz ist Hegelsch bis in die Wortwahl. Die Voraussetzungen erweisen sich als gesetzte; der Prozess kehrt zu sich zurück, nachdem er seine Momente durchlaufen hat.
Was damit gezeigt ist, hat Gewicht über die Methodenfrage hinaus. Der Kapitalismus funktioniert als System wechselseitiger Voraussetzungen: Die Reproduktion des einen Kapitals setzt die aller anderen voraus, die Zirkulation ist kein äußerlicher Austausch fertiger Waren, sondern notwendiges Moment der gesellschaftlichen Reproduktion, und eine Störung an einer Stelle pflanzt sich durch das Ganze fort. Die Krise ist damit nicht als Unfall bestimmt, sondern als Ausdruck der inneren Verfassung.
Für den Gebrauch ist eine Eigenschaft dieser Analyse besonders wichtig: Sie ist formal. Sie betrifft die Struktur des Systems und nicht die Frage, woraus der Mehrwert stammt. Damit ist sie von den Streitigkeiten um die Werttheorie des ersten Bandes unabhängig — und bleibt gültig, auch wo jene strittig sind.