2. Weltgeschichte — die vertikale Dimension

Während das äußere Staatsrecht die Gleichzeitigkeit verschiedener Staaten betrifft, betrifft die Weltgeschichte die zeitliche Bewegung — die Entwicklung der Lebensformen, in der aus älteren Gestalten neue hervorgehen, aus alten Lösungen neue Probleme entstehen, aus neuen Problemen neue Lösungen gesucht werden.

Bei Hegel ist die Weltgeschichte der Schluss der Rechtsphilosophie. Sie ist das, worin die Idee des Zusammenlebens zu ihrer vollen Wirklichkeit kommt, indem sie sich in der historischen Bewegung der Völker realisiert. In dieser Behandlung steckt eine Spannung, die für unsere Konzeption tragend ist. Auf der einen Seite ist die Weltgeschichte der Stoff, aus dem die Bestimmungen der Rechtsphilosophie gewonnen werden — die Materialien, an denen die Allgemeinheit sichtbar wird (vgl. I.7, I.8). Auf der anderen Seite ist sie der Schluss — die Bewegung, in der sich diese Bestimmungen historisch realisieren oder gegen die sie sich behaupten müssen. Beides gehört zusammen und kann in einer Weltgeschichte als eigenem Band entfaltet werden, die hier nicht zu führen ist.

Drei Bestimmungen der Hegelschen Weltgeschichte sind kritisch zu modifizieren, ohne dass die Architektur aufgegeben würde.

Die geographischen Voraussetzungen. Hegel hat sich, wie erwähnt, auf Carl Ritter bezogen, als er in der Einleitung zur Weltgeschichte die geographischen Voraussetzungen entwickelte: Bergvölker mit erweiterter Subsistenz, Flusstal-Reiche mit zentraler Bürokratie, Hafenstadt-Kulturen mit Handel und Wissenschaft. Diese Skizze bleibt fruchtbar; sie ist in I.7 und in V.5 schon aufgenommen. Mit der Entwicklung der Verkehrs- und Kommunikationstechnik (vgl. II.3) verschiebt sich aber der Status dieser Voraussetzungen: Sie sind nicht aufgehoben, aber zunehmend bearbeitbar. Die Weltgeschichte muss daher die Geographie nicht als Schicksal denken, sondern als sich wandelnde Bedingung.

Die Frage des Fortschritts. Hegels Weltgeschichte hat eine Tendenz, den Fortschritt eindimensional zu denken — als zunehmende Verwirklichung der Freiheit von der orientalischen Welt über die antike zur germanischen. Diese Tendenz ist heute aus mehreren Gründen problematisch: weil das eurozentrische Schema nicht mehr trägt; weil die “germanische” Welt nicht der Endpunkt war; weil das, was als Fortschritt erscheint, immer auch Verluste mit sich bringt. Ein dialektischer Begriff des historischen Fortschritts wäre nötig, der Errungenschaft und Verlust gleichzeitig denkt — was in einer späteren Form gewonnen wird (formale Gleichheit, Innerlichkeit, Differenzierung) und was verloren geht (gemeinschaftliche Bindung, Allmende-Strukturen, sittliche Selbstverständlichkeit). Vorherige Formen sind nicht nur überwundene Stufen; sie können Vernunft-Elemente enthalten, die in der Gegenwart verdrängt sind und auf höherer Stufe wiederkehren können.

Der Endpunkt. Bei Hegel scheint die Weltgeschichte mit dem modernen Staat zu enden — sei es als Vollendung, sei es als die Form, in der die Idee zu sich kommt. Marx hat dem entgegengehalten, dass die kapitalistische Moderne nicht der Endpunkt sei, sondern selbst eine historische Form, die in eine andere übergehen werde. Eine Weltgeschichte heute kann den Endpunkt nicht setzen — weder als modernen Staat noch als ein anderes Telos. Sie kann die Bewegung beschreiben, an der wir teilnehmen, ohne sie zu schließen. Die Frage, was nach der kapitalistischen Moderne kommt, ist nicht aus der Theorie zu beantworten, sondern in der Praxis zu bearbeiten — eine Konsequenz, die Hegel selbst, wenn er ehrlich gelesen wird, nicht ausschließt: Was vernünftig sein soll, muss erst praktisch werden, und das Praktischwerden ist die Sache derer, die in der Geschichte handeln.

Eine Weltgeschichte, die diese drei Modifikationen aufnähme, wäre keine Hegel-Verwerfung, sondern eine Hegel-Korrektur, die zugleich Marx integriert. Was Marx an der Hegelschen Weltgeschichte kritisiert hat — die Vermischung von Begriff und gegenwärtiger Empirie, die Tendenz zur Versöhnung mit dem Bestehenden, die ungenügende ökonomische Analyse —, ist mit der Hegelschen Architektur vereinbar, sobald die genannten Modifikationen vorgenommen werden. Vieles von dem, was bei marxistischen Autoren als spezifisch marxistisch firmiert, ist tatsächlich in der Hegelschen Form schon angelegt — nur nicht ausgearbeitet, weil Hegel die ökonomischen Bedingungen seiner eigenen Zeit nicht in derselben Tiefe analysiert hat wie Marx später.