Die Rückkehr zu Marx - und damit zu Hegel

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Neuentdeckung des „Kapital“

Die Studentenbewegung liest Marx - nicht als Dogma, sondern als Kritik. Besonders das „Kapital“ wird zur Pflichtlektüre: Wie funktioniert Kapitalismus? Warum gibt es Krisen? Wie entsteht Ausbeutung?[1]

Aber um Marx zu verstehen, muss man Hegel verstehen. Marx’ Methode - Kritik der politischen Ökonomie - ist dialektisch: Die Kategorien (Ware, Geld, Kapital) entwickeln sich auseinander, jede enthält Widersprüche, die zur nächsten treiben. Das ist Hegels Methode, materialistisch gewendet.[2]

Die Lektürehilfen: Roman Rosdolsky „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‘Kapital’“ (1968) zeigt: Marx folgt Hegels Logik - Sein, Wesen, Begriff entsprechen Ware, Geld, Kapital. Die Dialektik ist nicht „umgestülpt“, sondern angewandt auf konkrete Verhältnisse.[3]

Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt (Frankfurter Schule) entwickeln die Neue Marx-Lektüre: Marx ist kein Ökonom, sondern Kritiker der Ökonomie. Seine Kategorien sind nicht empirische Beschreibungen, sondern Formanalyse - sie zeigen, wie kapitalistische Gesellschaft denkt, nicht wie sie „wirklich“ ist.[4]

Die Konsequenz: Hegel wird unausweichlich. Wer Marx verstehen will, muss Hegel lesen. Aber welchen Hegel? Den Systematiker (Logik)? Den Geschichtsphilosophen (Teleologie)? Den Sozialphilosophen (Sittlichkeit)? Die Bewegung fragmentiert - verschiedene Gruppen lesen verschiedene Hegels.


  1. Zur Marx-Renaissance siehe Iring Fetscher: Karl Marx und der Marxismus (1967). ↩︎

  2. Zur Marx-Hegel-Verbindung siehe Jindřich Zelený: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‘Das Kapital’ (1968). ↩︎

  3. Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‘Kapital’ (1968). ↩︎

  4. Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform (1997, aber Aufsätze ab 1969); Helmut Reichelt: Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx (1970). ↩︎