Die Explosion des Wissens - Esoterik, Psychotherapie, Dritte Welt

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Fragmentierung der Rationalität

1968 ist auch die Zeit der Pluralisierung - nicht eine Vernunft, sondern viele Rationalitäten. Das Interesse explodiert in alle Richtungen:

Esoterik: I-Ging (Richard Wilhelm-Übersetzung wird populär), Zen-Buddhismus (D.T. Suzuki, Alan Watts), Yoga, Meditation. Das „Wassermann-Zeitalter“ (popularisiert durch das Musical „Hair“, 1967) verspricht spirituelle Erleuchtung.[1]

Psychotherapie: Nicht mehr nur Freud (Triebe, Unbewusstes), sondern humanistische Psychologie (Abraham Maslow, Carl Rogers) - Selbstverwirklichung, Potenzialentfaltung, Authentizität. Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933, neu entdeckt 1968) zeigt: Faschismus ist nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch bedingt - autoritäre Charakterstrukturen.[2]

Dritte Welt: Fanon, Che Guevara, Mao - die Helden sind nicht mehr westlich. Die Studenten identifizieren sich mit Befreiungsbewegungen. Das ist anti-eurozentristische Solidarität - aber oft paternalistisch (die Studenten wissen, was für die Dritte Welt gut ist).

Die philosophische Frage: Ist diese Pluralisierung Fortschritt (Hegels Begriff: Differenzierung ist Entwicklung) - oder Zerfall (Verlust von Einheit)? Habermas wird später argumentieren: Es ist beides. Moderne Gesellschaft muss sich ausdifferenzieren (Wissenschaft, Moral, Kunst folgen eigenen Logiken). Aber sie braucht auch kommunikative Integration - sonst zerfällt sie in Subsysteme, die nicht mehr miteinander sprechen können.[3]


  1. Zur Esoterik-Welle siehe Wouter Hanegraaff: New Age Religion and Western Culture (1996). ↩︎

  2. Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus (1933, Neuauflage 1970). Zu Maslow siehe Edward Hoffman: The Right to Be Human: A Biography of Abraham Maslow (1988). ↩︎

  3. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981), besonders Band 2 zur „Kolonialisierung der Lebenswelt“. ↩︎