Die verspätete Vergangenheitsbewältigung - Deutschland 1968
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Auseinandersetzung mit dem Faschismus der Väter
Für Deutschland hat 1968 eine zusätzliche Dimension: die verspätete Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die Elterngeneration hatte geschwiegen - aus Scham, aus Verdrängung, aus Schuldkomplexen. Die Kinder fragen: Was habt ihr getan?[1]
Das ist nicht nur politisch, sondern philosophisch brisant. Denn die Vätergeneration hatte auch philosophische Komplizenschaften: Heidegger (NSDAP-Mitglied, Rektor unter NS-Herrschaft), Carl Schmitt (Kronjurist des Dritten Reichs), Arnold Gehlen (SA-Mitglied). Die Frage lautet: Ist deutsche Philosophie strukturell anfällig für Faschismus?
Habermas’ Intervention: In der „Philosophisch-politischen Profile“ (1971, aber Aufsätze ab 1967) argumentiert Habermas: Nicht Hegel ist das Problem, sondern die Irrationalisten - Nietzsche, Heidegger, Jünger. Sie verherrlichen Gewalt, Mythos, Entscheidung - gegen Vernunft, Argumentation, Deliberation. Die Aufgabe ist nicht, Hegel zu überwinden, sondern Hegel gegen die Irrationalisten zu verteidigen.[2]
Die Generationenfrage: Die 68er entdecken die Kontinuitäten: Dieselben Professoren, die unter Hitler lehrten, lehren jetzt wieder. Dieselben Richter, die NS-Unrecht sprachen, sprechen jetzt Recht. Dieselben Industriellen, die von Zwangsarbeit profitierten, führen jetzt Konzerne. Das erzeugt radikale Skepsis: Ist die Bundesrepublik eine Restauration - oder ein Neuanfang?[3]
Die philosophische Konsequenz: Misstrauen gegen Autorität. Nicht mehr blind Lehrern folgen, sondern kritisch fragen. Nicht mehr Systeme affirmieren, sondern ihre Widersprüche aufdecken. Das ist hegelscher Geist - aber anti-autoritär gewendet: Nicht der Professor lehrt die Wahrheit, sondern die Studenten erarbeiten sie gemeinsam.
Zur Vergangenheitsbewältigung siehe Norbert Frei: Vergangenheitspolitik (1996); Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung (1998). ↩︎
Jürgen Habermas: Philosophisch-politische Profile (1971). ↩︎
Zur NS-Kontinuität siehe Lutz Niethammer: Entnazifizierung in Bayern (1972); Ralph Giordano: Die zweite Schuld (1987). ↩︎