Der amerikanische Pragmatismus - Hegel naturalisiert
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
John Deweys Nachwirkung (1925-1952)
John Dewey (1859-1952), der große Pragmatist, hatte bereits in den 1880er Jahren mit Hegel begonnen. Seine Dissertation “The Psychology of Kant” (1884) versuchte, Kant und Hegel mit empirischer Psychologie zu verbinden. Später emanzipierte sich Dewey vom Idealismus, aber bestimmte hegelianische Strukturen blieben erhalten - transformiert, naturalisiert, pragmatisiert.[1]
Experience and Nature (1925) ist Deweys Hauptwerk - eine naturalistische Metaphysik, die Erfahrung nicht als subjektiven Zustand, sondern als Transaktion zwischen Organismus und Umwelt versteht. Der Titel ist programmatisch: Erfahrung ist nicht getrennt von der Natur (cartesianischer Dualismus), sondern Teil der Natur - wie Organismen ihre Umwelt aktiv strukturieren.[2]
Der implizite Hegelianismus: Dewey übernimmt Hegels Kritik am spectator theory of knowledge - der Vorstellung, dass Erkenntnis ein passives Abbilden von Gegebenem ist. Stattdessen: Erkenntnis ist aktive Auseinandersetzung, experimentelles Eingreifen, praktische Umgestaltung. Das ist Hegels Einsicht, dass der Geist nicht findet, sondern macht - nur eben naturalistisch gewendet: Nicht der Geist erzeugt die Welt (Idealismus), sondern Organismen strukturieren ihre Umwelt durch Handeln (Pragmatismus).
Die Transformation: Dewey eliminiert Hegels Metaphysik (absoluter Geist, Weltgeschichte als Selbstverwirklichung), behält aber die Methode: Denken als Problemlösung, Wahrheit als Bewährung in der Praxis, Institutionen als Ergebnisse kollektiven Handelns. Das ist Hegel ohne Idealismus - oder genauer: Hegel mit Darwin statt mit Fichte gelesen.[3]
Die Nachwirkung in der Nachkriegszeit
Nach Deweys Tod (1952) gerät der Pragmatismus zunächst in Defensive. Die analytische Philosophie dominiert, der logische Positivismus setzt Standards, Dewey gilt als “unwissenschaftlich”. Aber in den 1960er Jahren beginnt eine pragmatistische Renaissance, die später (in den 1980ern) zur “neo-pragmatistischen” Hegel-Lektüre führt (Rorty, Brandom - siehe Band III).
Wichtig für unseren Zeitraum: Deweys Schüler halten die pragmatistische Tradition lebendig. Sidney Hook (1902-1989) schreibt “From Hegel to Marx” (1936/1950), eine pragmatistische Interpretation des Übergangs von Hegel zum Junghegelianismus. Hook zeigt: Marx war kein “Umstülper” Hegels, sondern ein Pragmatiker - er las Hegel als Theorie der Praxis, nicht als Spekulation über Absolutes.[4]
Systematische Bedeutung: Der Pragmatismus bietet eine Alternative zur analytischen Ablehnung Hegels: Man kann Hegel naturalisieren, ohne ihn zu denunzieren. Man kann seine Methode bewahren (Denken als Problemlösung, Institutionen als Praxis), ohne seine Metaphysik zu übernehmen (absoluter Geist). Diese Linie wird später fruchtbar - in Brandoms pragmatistischer Hegel-Lektüre (Band III).
Zu Deweys Hegel-Rezeption siehe James Good: A Search for Unity in Diversity: The “Permanent Hegelian Deposit” in the Philosophy of John Dewey (2006). ↩︎
John Dewey: Experience and Nature (1925), Kapitel 1. ↩︎
Zur Transformation Hegels bei Dewey siehe Richard Bernstein: “Dewey’s Metaphysics of Experience” in: The Journal of Philosophy 58 (1961). ↩︎
Sidney Hook: From Hegel to Marx (1936/1950). ↩︎