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[Die Wiedergewinnung Hegels]
?- 0 Hegels 'System der Wissenschaft'
- 1 Logik (Wissenschaft des Denkens)
- 2 Natur (Wissenschaft des Materiellen)
- 3 Geist (Wissenschaft des Menschlichen)
- 31 Subjektiver Geist (Wissenschaft des Inner-Menschlichen)
- 32 Objektiver Geist (Wissenschaft des Zwischen-Menschlichen)
- 33 Absoluter Geist (Wissen des Göttlichen)
- 331 Kunst (Anschauen der Wahrheit, Ästhetik)
- 332 Religion (Vorstellen der Wahrheit, Theologie)
- 333 Philosophie (Begreifen der Wahrheit)
- 3331 Philosophie der Antike (Wissen der Idee)
- 3332 Philosophie des Mittelalters
- 3333 Philosophie der Neuzeit (Sichwissen der Idee)
- 33331 Einigungsansätze von Denken und Sein
- 33332 Verstandesphilosophie der Neuzeit
- 33333 [Die moderne Philosophie]
- 333331 [Das Ich als Grund]
- 333332 [Das Absolute als Grund]
- 333333 [Jenseits Hegels]
- 3333331 [Das Gegebene]
- 3333332 [Der Verdacht]
- 3333333 [Die Rückkehr zum Grund]
- 33333331 [Die Rückkehr zur Sache]
- 33333332 [Die Rückkehr zur Geschichte]
- 33333333 [Die Rückkehr zum System]
- 333333331 [Die Wiedergewinnung Hegels]
- 333333332 [Systeme nach Hegel]
- 333333333 [Der offene Ort]
- 3333333311 [Die erste Wiedergewinnung (1865–1945)]
- 3333333312 [Die zweite Wiedergewinnung (1929–1980)]
- 3333333313 [Die dritte Wiedergewinnung (seit 1980)]
Die Wiedergewinnung Hegels
Drei Wellen, nicht drei Länder. Die Einteilung ist zeitlich, weil hier ausnahmsweise die Zeit die Sache trifft: jede Welle setzt an, wo die vorige aufgehört hat.
Hegel galt um 1860 als erledigt. Daß er es nicht war, hat sich dreimal gezeigt, jedesmal anders begründet und jedesmal zuerst außerhalb des Faches, das ihn beerdigt hatte.
Die erste Welle (1865–1945)
Sie kommt von außen. In Britannien wird Hegel gegen den Empirismus in Stellung gebracht — Stirling, Green, dann Bradley und McTaggart, die aus dem Absoluten eine eigene Metaphysik machen. Der amerikanische Pragmatismus nimmt von Hegel die Prozeßhaftigkeit und läßt das Absolute liegen; von dort führt eine Linie bis Brandom. In Italien wird Hegel zur nationalen Angelegenheit: Spaventa, Croce, Gentile. In Rußland ist er der Anstoß für zwei entgegengesetzte Traditionen zugleich, die westlerische und die religiöse.
Deutschland folgt zuletzt und mit doppeltem Ausgang: Diltheys Fund der frühen Handschriften eröffnet die Forschung, Kroner und Glockner die Renaissance der zwanziger Jahre — und derselbe Neuhegelianismus gerät nach 1933 in eine Verstrickung, die darzustellen ist und nicht zu beschönigen.
Die zweite Welle (1929–1980)
Frankreich entdeckt die Phänomenologie, und zwar so gründlich, daß fast die ganze französische Philosophie des Jahrhunderts daraus hervorgeht — auch die, die sich gegen Hegel wendet. Kojève macht Herr und Knecht zum Schlüssel des Ganzen; Hyppolite übersetzt und kommentiert. Was danach kommt — von Bataille bis Derrida — ist Abwendung von einem Hegel, den man erst durch Kojève kennengelernt hatte.
In Deutschland arbeitet die Nachkriegszeit philologisch: Ritter und seine Schule, das Hegel-Archiv mit der kritischen Ausgabe, die großen Kommentare, und Henrichs Konstellationsforschung, die den Blick von Hegel auf das Feld verschiebt, aus dem er hervorging.
Und die Theologie eignet sich wieder an, was die dialektische Theologie verworfen hatte — evangelisch, katholisch, und nach Auschwitz auch jüdisch, wo die Frage lautet, ob die Versöhnung überhaupt noch gedacht werden darf.
Die dritte Welle (seit 1980)
Zuerst der Begriff. Der analytische Hegelianismus kommt auf dem längsten Umweg: über die Selbstkritik der analytischen Philosophie selbst. Sellars bestreitet das Gegebene, Brandom und McDowell ziehen die Folgerung, und der Streit, ob dieser Hegel noch Metaphysik treibt, hält an.
Dann der Text. Was zweihundert Jahre lang fehlte, ist ein Kommentar, der Hegels Werke Satz für Satz durchgeht; Pirmin Stekeler-Weithofer hat ihn geschrieben und liest dabei das ganze System als Theorie der Bedeutung — siehe dort. Er steht nach den Analytikern, weil er ihre Frage aufnimmt und weiter trägt.
Und zuletzt die Welt. Afrika und Lateinamerika lesen Hegel als Denker der Befreiung; Ostasien hat ihn seit der Kyoto-Schule in einer eigenen Tradition. Zusammen stellen sie die Frage, die keine der vorigen Wellen gestellt hat: ob ein Denken, das die Weltgeschichte in Europa enden ließ, außerhalb Europas etwas taugt.