Jacob Burckhardt (1818-1897): Kulturgeschichte als Alternative

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der anti-hegelianische Kulturhistoriker

Jacob Burckhardt, Schweizer Kulturhistoriker und langjähriger Professor in Basel, hat von den drei behandelten Figuren das expliziteste Anti-Hegel-Programm. Nietzsche, der in Basel sein Kollege war, nannte ihn „unseren großen, größten Lehrer“.

Die „Cultur der Renaissance in Italien“ (1860)

Burckhardts Hauptwerk etablierte eine neue Art der Geschichtsschreibung: nicht Staatengeschichte, sondern Kulturgeschichte. Nicht Könige und Schlachten, sondern Mentalitäten, Kunstformen, Lebensweisen.

Die explizite Hegel-Kritik

In seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ (posthum 1905) formuliert Burckhardt seine Kritik direkt: Er lehnt jeden Fortschrittsgedanken ab. Die „Präsumption, im Zeitalter des sittlichen Fortschritts zu leben, ist höchst lächerlich.“

Statt Hegels dialektischer Entwicklung sieht Burckhardt das Wechselspiel dreier „Potenzen“: Staat, Religion, Kultur. Diese stehen nicht in einem systematischen Verhältnis, sondern beeinflussen sich wechselseitig auf nicht vorhersehbare Weise.

Stärken und Schwächen

Burckhardts Stärke liegt in seiner Sensibilität für Krisen und Umbrüche. Seine Warnungen vor kommenden Kriegen und vor der wachsenden Staatsmacht waren prophetisch.

Seine Schwäche liegt im Fehlen eines systematischen Rahmens. Der kulturelle Konservatismus und die anti-demokratische Haltung bleiben unreflektiert. Wenn es keinen Maßstab für Fortschritt gibt, wie lässt sich dann überhaupt etwas bewerten?

Karl Löwith hat Burckhardts Position treffend „in die Mitte zwischen Hegel und Kierkegaard“ gesetzt[1] - zwischen dem System und dem Einzelnen, zwischen der Weltgeschichte und der Existenz.


  1. Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, 1941. ↩︎